Für unsere Enkel wird es not tun, daß wir unsere Bilder des südafrikanischen Quagga-Pferdes, unsere Photographien der letzten Bisons und der letzten Riesenschildkröten an einem recht sicheren Ort niederlegen, denn lebend werden sie diese Morituri, diese Zusammenbrechenden, auch nicht mehr zu sehen bekommen.
Die Frage war nur, wie weit man mit solchen zoologisch-historischen Streifzügen auch in die ältere und älteste Kunst zurückgehen könne.
Sachlich wurde ja der Boden dort immer interessanter. Je weiter in die graue Vergangenheit, desto mehr Wahrscheinlichkeit, daß der Künstler von damals noch von zoologischen Pracht- und Schaustücken wußte, die uns längst nicht mehr zu Gebote standen.
Und an wunderlichen, höchst fremdartigen Tierformen war in der Tat in der älteren Kunst immer weniger Mangel, — nur fingen sie alsbald an, etwas zu wunderlich zu werden. Da kamen die Sphinxe und Greife und Chimären, die Einhörner und Basiliske, die Drachen und Midgardschlangen. Sollte man zu alledem wirkliche Urbilder suchen?
Wir haben aus ganz neuester Zeit wohl ein hübsches Beispiel, wie vorsichtig man im Ablehnen auch hier sein muß. In Afrika wurde da das merkwürdigste neue Säugetier der letzten Jahrzehnte entdeckt: das Okapi, ein großes Huftier, äußerlich einer Antilope ähnlich, an den Beinen schön schwarzweiß gestreift wie ein Zebra, im Knochenbau aber das Allerunerwartetste: nämlich ein Verwandter zu der bisher völlig im System vereinsamten Giraffe und zwar ein noch lebender Sproß eines giraffen-ähnlichen Geschlechts, das in der Tertiär-Zeit bei uns in Griechenland existiert hatte und aus Knochenfunden von dort längst bekannt war. Nun denn: dieses Okapi, das uns nächstens hoffentlich unsere zoologischen Gärten vorführen werden (ich gönnte unserm so verdienstvollen Berliner Direktor Heck wohl die Priorität dabei!), haben die alten Ägypter schon auf ihren Denkmälern völlig kenntlich dargestellt, — natürlich wußte bis vor kurzem kein Forscher diese „Hieroglyphe“ zu deuten, da wir ja selber das Tier nicht hatten.
Aber in der großen Masse der Fälle haben wir es gleichwohl mit dem „Phantasie-Tier“ zu tun.
Im Drachen steckt nicht der Ichthyosaurus, mit dem der Mensch nie zusammen gelebt hat, nie hat ein Reptil Feuer gespieen oder ein Pferd Flügel gehabt.
Auch in das Tierbild hat jene tiefe Kraft des Menschen hineingearbeitet, die im Grunde so rätselvoll ist und doch so urwüchsig aus ihm hervorbricht, als stecke seine halbe Seele darin: die Kraft, die Dinge nicht nur zu sehen und wiederzugeben, sondern sie sofort auch zu stilisieren, umzudenken, in eigener Andersform neu zu schaffen.
Er ist ein Schöpfer, der Mensch, nicht bloß ein Spiegel. Er hat das Tier gesehen, dieser Mensch. Es hat ihn gelockt, es wiederzugeben. Aber wenn er es auf der Tafel hatte, hat ihn jene andere Seite seiner Seele nicht ruhen lassen: er hat schöpferisch daran herumzuarbeiten versucht.
Wenn der Stier nun Flügel hätte wie der Adler? Wenn er so noch hübscher aussähe?