Ganz auf der Höhe aber war ihre Kunst im plastischen Modellieren. Wie sie einen Topf formten in Gestalt einer vom Bauche her gehöhlten Schildkröte, Eidechse oder Kröte, das war bewundernswert selbst vom verfeinerten Kulturboden aus. Es war ausschließlich Frauenarbeit, diese Topfkunst. Wie zierlich zugleich und echt hatte aber solche Frau das Köpfchen, das Schwänzchen und die eingebogenen Vorderpätschchen der Schildkröte herausgebracht, wie humoristisch treu die breite Schnauze der Kröte, wie elegant hatte sie auf die Rückenwölbung des Schildkrötentopfs die Panzerplatten mit ihrer natürlichen Schildpattzeichnung eingeritzt!
Schon an diesen Töpfen nun nötigte die Anpassung an die Gebrauchsform zu einem Anfang von Stilisierung, der denn auch wohl zu merken ist: geht die Schildkröte, geht das Gürteltier noch fast rein mit seiner Naturform in der Topfgestalt auf — man könnte ja aus ihren gewölbten Hohlschalen unmittelbar einen Topf machen, wenn’s not täte — so muß das Waldhuhn, muß die Eule und Fledermaus doch schon abgerundet, muß topfhaft stilisiert werden.
Prächtig, wie auch das gemacht wird, wie die Flügel der Fledermaus zu einfachen Ornamentlamellen am Topfrande, abgerundeten Griffen umgedacht werden, bis das Ganze die Tierform überhaupt fast verläßt und aus dem Fledermaus-Topf ein einfacher Kunstnapf mit einem rhythmischen Ornamentenflügel-Kränzlein wird.
Und da denn gibt sich die Brücke zu etwas, was in der Malerei und Schnitzerei dieser Naturvölker am verblüffendsten wirkt, aber zugleich am lehrreichsten ist.
Als Fries über die Wand oder sonst über jeden verfügbaren Fleck werden Ornamente hingezogen, die zunächst rein ästhetisch-mathematisch ausschauen: dunkle Würfel mit weißen wechselnd, rhombische Felder in graziöser Folge, Dreiecke sich aneinander schließend, ganz wie auf unsern Teppichmustern, Parkettböden, Mosaiken und so weiter.
Befragt aber, hat der Schingû-Indianer auch für diese echtesten Ornamente noch realistische Namen.
Dieses Rautenfeld ist dem Namen nach ein Zug ganz bestimmter eckiger Fische, der Fischname bezeichnet auch das Ornament. Diese Doppeldreiecke sind dem Worte nach eigentlich Fledermäuse, jetzt fliegende, in anderer Stellung hängende. Diese dunklen Quadrate im weißen Grund sind junge Bienen. Diese einfachen Dreiecke schwarz auf weiß sind zierliche dreieckige Schamschürzchen der Frauen, das einzige, winzige Bekleidungsstück dieser glücklichen Naturkinder jenseits von Korsett, Hose und Schuh.
Das heißt: sie sind es noch im Namen, in der Tradition. Es ist genau so, wie wenn wir ein bestimmtes Wellenornament als Schlangenlinie bezeichnen. Die Leute haben ursprünglich Fische, Fledermäuse zu allerlei Gebrauch, als Jagdzeichen, als eine Art Bildersprache zur Verständigung, in einfachem Nachahmungstrieb, Reproduktionstrieb dessen, wovon die Seele voll war, aufgezeichnet, — notabene sie konnten es, worin eben schon die eine ganze Wurzel ihrer künstlerischen Menschheitsgabe steckte! Dann haben sie aber an diesen Bildern stilisiert.
Der zweite Sinn, der Sinn für rhythmisch bequeme, glatte Formen mischte sich ein, mischte sich schon in die erste Wiedergabe zweifellos mit: das mathematisch Einfachste, über das der Blick am widerstandslosesten, mit kleinstem Kraftmaß, lief, wurde bevorzugt, das Rhombische des Fischs, das Dreieckige der Fledermaus. Das wurde dann selbstschaffend ausgestaltet, in Wiederholungen aneinandergereiht, die Wiederholungen gaben wieder neue Wohlgefälligkeiten, ästhetische Bequemlichkeiten und das Ornament war fertig.
Schließlich ging das Tier als Grundform unter bis zur Unkenntlichkeit und nur der Name bezeichnete noch, daß es historisch einmal im Ornament gewesen war.