Unendlich weit lassen sich die rein ästhetischen Gedanken ausspinnen vor dieser Bakairi-Kunst.

Schauen wir doch vor diesem Doppelspiel von wirklicher Tierwiedergabe und ornamentaler Stilisierung nicht bloß in das Wurzelwerk eines kleinen Kunstsprößlings: wir blicken in die Wiege überhaupt der Kunst und aus dieser Wiege schon sehen uns zwei verschiedene Augen an.

Das eine ist das ur-realistische Auge, das Wirklichkeit zu fassen und nachzuahmen sucht, — das andere das ur-idealistische, das diese Wirklichkeit umzuschauen, umzuregeln sucht in harmonische Folgen, in einen wohlgefälligen Rhythmus hinein.

Und beide Arten künstlerischen Wollens sehen wir bereits bei diesen nackten Wilden mit ihrer Steinzeit-Kultur in Kraft, — bloß, daß die erstere, die realistische, insofern eine gewisse Priorität wahrt, als sie dem zweiten, dem idealistisch stilisierenden Sinne, das Material geliefert hat, an dem er seine idealistischen Besserungen erproben konnte.

Wie eine uralte Weisheitsstimme, der keine grüne Klügellogik gewachsen ist, klingt diese Bakairi-Ästhetik bis in unsern hellsten ästhetischen Kampfestag hinein.

Wer denkt nicht an unsern heftigen Hader um den Realismus in der Kunst, in der dichtenden wie der malenden und steinbildenden!

Wie naiv ist der Gegensatz von nackter Wahrheitswiedergabe und idealistischem Stilisieren, Rhythmisieren da als ein „Entweder — Oder“ auf Biegen und Brechen ausgespielt worden, als gelte fortan nur noch ein unbedingtes Gefressenwerden des einen Prinzips durch das andere, — während die kleinste und unscheinbarste dieser Fledermäuse oder das schlichteste Frauenschürzchen dieser Bakairi-Kunst uns doch schon die ewige Lehre in Fleisch und Blut pauken kann, daß nur beide Richtungen vereint die wahre Kunst ergeben.

Jene Kunst, die des Menschen würdig ist, der seine ganze Höhenkraft als König eines Planeten unabänderlich ebenso auch sonst nur der Doppelfähigkeit verdankt: einmal die gegebenen Wirklichkeiten dieses Planeten zu erkennen und zu beherrschen bis ins kleinste Kraftwellchen hinein — und dann sie zu wandeln nach seinem Idealbilde, sie zu vergeistigen, wie ein Denkender sein Antlitz vergeistigt, sie zu etwas emporzuführen, was in der äußeren Wirklichkeit um ihn her noch gar nicht sein kann, also von dort auch nicht abgelesen werden kann, weil ja eben der höchste zeitlich gegebene Entwickelungssproß der Natur nichts anderes ist, als sein „Inneres“ selbst, sein idealbildender, neuen und umfassenderen Harmonieen zustrebender Menschengeist selbst....

Erst aus dem unendlich verwickelten und doch stets logisch notwendigen Hin- und Wiederweben ihres roten realistischen und ihres blauen idealistischen Fadens entsteht das wunderbare Gewebe der Geschichte der Kunst, wie wir es in den Kulturjahrtausenden hinter uns sich breiten sehen.

Der Verlauf wird aber noch versponnener und feiner dadurch, daß die Wirklichkeitsteile des Ästhetischen unablässig auch gebraucht werden in jenem riesigen Gesamtgewebe zunehmender menschlicher Weltbeherrschung.