In solchen Jagdszenen, bei denen unter rohem Hallo und bei geschwungenen Fackeln die großen Säugetiere der Diluvialzeit zum Todessturz genötigt wurden, liegt zweifellos auch das Geheimnis der Liebe jener Vorgeschichtler für die schroffen Tälchen im Lande Périgord.
Einmal am Fleck zäh eingebürgert, hinterließen diese Steinzeitler aber nun im Schutt und Kalksinter der Talhöhlen ein wahres Pompeji ihrer primitiven Kultur.
Geräte und Waffen, Nahrungsreste und Herdfeuerspuren, alles was nur irgend dauerfähig war aus ihrem äußeren Leben, — und in diesen harten Tagen des behauenen Steins und bearbeiteten Rentierknochens war ja fast alles von einer Solidität für rauschende Jahrtausende. Bloß ein Teil fehlt, dem es an und für sich sonst nie an weltgeschichtlicher Solidität gemangelt hat: Topfscherben; die Erfindung des irdenen Topfes scheint noch nicht in dieser Zeit zu liegen.
Jeder Winkel dieser Flüßchen bewährt sich dem Suchenden als ein Haus dieses großen Pompeji. Da folgen sich die Stätten, deren Namen durch alle Lehrbücher und Museen schallen: Le Moustier, La Madelaine, Laugerie-Haute und -Basse, Cro Magnon — jede berühmt durch irgend einen großen Fund.
Bei La Madelaine, einer unerschöpflichen Katakombe dicht am Vezère-Flüßchen, die von einer Burgruine hoch auf dem überhängenden, eine Halbgrotte bildenden Fels ihren Namen trägt, hatte Lartet seiner Zeit das vielberühmte und vielverspottete Elfenbeinplättchen mit dem angeblichen Mammut-Bilde geborgen.
Auch die es mit Hohn zurückwiesen, sie mußten doch zugeben, daß an dieser und anderen Stellen Spuren auftauchten von etwas, was irgend einen ästhetischen Zusammenhang schlechterdings nicht verleugnen konnte. Da lagen Fußknochen des Rentiers, die unzweideutig zu Pfeifen gehöhlt und gelocht waren. Röhrenknochen von Vögeln wiesen gar mehrere Löcher genau so, als sollten es Flöten gewesen sein. Was ferner sollten die massenhaften Anhäufungen bunter Erden in diesen prähistorischen Müllhaufen, insbesondere eines lebhaften Färbe-Rotes? Heute bemalen sich wilde, nackte Menschen mit so etwas den Leib! Was sollten die durchbohrten Schneckenhäuser, die Amethyst- und Bergkristall-Stücke? Heute hängt sich der wilde Mensch dergleichen als Schmuck an den Leib, — ist doch auch der zahme noch nicht abgeneigt, diese Sorte ästhetischer Aufbesserung seiner gegebenen Persönlichkeit zu betätigen.
Es war nun für den eingefleischten Zweifler vielleicht ein unbefugt kühner, für den naiven Besucher aber wirklich nur ein recht nahe liegender Schritt, wenn einer nicht bloß die Sohle dieser Höhlen nach prähistorischem Material durchwühlte, sondern auch einmal einen etwas sorgsamen Blick auf die Wände warf.
Vom Vater Kieselack her besteht im Menschen bekanntlich ein Ur-Zug, seinen lieben Namen und etwa noch dieses oder jenes erfreuliche oder nichtsnutzige Umrißprofil auf die Wand einer besuchten Stätte zu setzen. Wenn diese alten Herrn des Trüffellandes wirklich schon irgend eine Fähigkeit besessen haben sollten, ähnlich wenigstens irgend ein Symbol ihres Daseins mit Kunstmitteln zu hinterlassen, so lag ernstlich nichts näher, als daß sie die Wände ihrer jedenfalls vielhundertjährigen, vielleicht mehrtausendjährigen Winterquartiere, der Höhlen, mit verwandten Scherzen bedacht hätten.
Und der „Echtheit“ mußte dabei zu statten kommen, daß die langsame Arbeit tropfenden Wassers in der Folge diese Wände vielfältig nach gewohnter Höhlenart wieder mit einer schützenden Decke derben steinharten Kalksinters überzogen und alles auf ihnen Befindliche also profanem Blicke gänzlich entzogen hatte bis zum Tage, da der „Rechte“ kam.
Die erste Kunde, daß es auf den Höhlenwänden des Vezère-Gebietes tatsächlich etwas zu sehen gebe, kam denn auch schon vor Jahren, verscholl aber wieder in der allgemeinen Mißstimmung gegenüber prähistorischen „Bildern“.