Ich dachte, wie der große Hipparch um 150 v. Chr. schon dieses Kreiseln der Erdachse, das den Polarstern verschiebt, wissenschaftlich erfaßte.
Und wie es ein paar Jahrtausende weiter zurück schon hineingespielt in die geheimnisvolle astronomische Mythologie der Ur-Babylonier, der Sumerer, in die Tierkreis-Rechnungen und Tierkreis-Mythen dort. Es ist das geheimnisvolle Volk, an das wir heute so oft und so lebhaft denken, das immer gesuchte, endlich sicher gefundene Volk im Morgenrot der Kultur, dessen Tempel eine Sternwarte und dessen Astronomie ein Gottesdienst war.
Und über diesem Volke, im Morgenhimmel all unserer Weisheit, ragen schon die Zyklus-Rätsel der schiefen Erdachse, schimmern die großen Zeichen der Über-Frühlings-Periode!
Mir aber ist, als schimmere noch etwas anderes, etwas noch viel Weihevolleres darin.
„Aus den Gruben hier im Graben hör ich des Propheten Sang.“
In welchem wunderbaren Auferstehungs-Frühling leben wir Menschen von Tag zu Tag! Immer neue Welten der Vergangenheit tun sich uns kund, leben auf in uns. Um 3000 v. Chr. begann diese „moralische Astronomie“ der Sumerer schon zu verblassen, sich einzusargen zum Winterschlaf. 1900 n. Chr. rollt sie wie eine Frühlingsoffenbarung wieder über die Erde, weil ein paar alte Tonzylinder mit Schriftzeichen sich gespiegelt haben in der Kristallflut einer wunderbaren kosmischen Höhenmacht: der rückschauenden, die Geschichte wieder erweckenden Menschheitsseele.
Ein alter astronomischer Traum kündet: wenn Du viel schneller noch reisen könntest als der Lichtstrahl, der doch in jeder Sekunde zweiundvierzigtausend Meilen zurücklegt, wenn Du die Lichtpost der Erde von Jahrhundert zu Jahrhundert noch einmal überholen könntest: — das Weltgeschehen würde sich Deinem Anblick umkehren, noch einmal sähest Du Cäsar auftauchen unter den Dolchen der Brutus und Cassius, sähest Sokrates mit seinem Giftbecher und die Sumerer auf ihrer Sternwarte, die Gletscher der Eiszeit, die auf Norddeutschland lagen, und die immergrünen Haine der Tertiär-Zeit, die Ur-Säugetiere von Neu-Mexiko und den letzten Ichthyosaurus am Ausgang der Sekundär-Periode ...
Wie ein Märchen klingt das.
Der Mensch, dieser winzige Planetensohn, der durch die Schwere an seiner harten, widerwilligen Scholle klebt, kann nicht fliegen. Fliegen nicht einmal wie die Blaukehlchen. Geschweige denn mit dem Lichtstrahl.
Und doch, — wie ich hier stehe und an die Sumerer denke und den Tierkreis verschiebe — ich, hier an meinem Schlagholz-Stoß im märkischen Kiefernwalde, ich bin mit allen in meiner Zeit auf solchem Fluge.