Unser Gehirn, das Geschichte enträtselt, ist der Apparat, der das Weltgeschehen sich aufstauen läßt, wie die Wasser sich vor dem biblischen Helden stauten, der die Sonne rückwärts wandern heißt, der die Dinge umkehrt und noch einmal auferstehen macht.

Es war das raumüberwindende Meisterstück der Natur: diese unendlich fein reflektierende Platte Menschenhirn, Menschengeist. Aber es war auch die Zeit damit überwunden im gleichen Moment, da diese Platte auf die Vergangenheit eingestellt wurde, da sie rückwärts gewandt wurde.

Der Menschengeist, der Geschichte sinnt, — das ist die Auferstehung.

Er ist das große Ostergeschenk der Natur, der Ostertag der Jahrmillionen.

Sie haben ihn gemacht, diese Jahrmillionen. Nun zahlt er heim, indem er sie erweckt.

Und was hat er für Gaben dazu! Geht doch dieses Geschichtsschauen nicht bloß durch Tabellen und Zahlen, durch winzige Mosaikstiftchen der grabenden, wieder äußerlich sammelnden wissenschaftlichen Forschung. Hinter diesen Stiftchen und Steinchen erhebt sich erst das ganz Große des Menschen: seine Dichterkraft, die Zeugekraft seiner Phantasie, die das Getrennte, das gräberhaft Zerfallene kraft des inneren „Werde“ wieder zusammenschließt, bis die schlotternden Gerippe wieder auferstandene Seelen sind, die mit uns leben.

So verklärt sich die Geschichte als Forschung zur Geschichte als Dichtung in dem höchsten Sinne, der in der Dichtung erst wieder die ganze lebendige Wahrheit sieht. So wird das Schauen zur Tat. Und das erst ist die ganze Auferstehung.

Noch ist unsere Kraft jung.

Noch ahnen wir kaum erst den ungeheuren Schöpferberuf, den Erlöserberuf, der in uns gelegt ist: die Überwindung des zeitlichen durch den ewigen Geist, in dem es keinen Tod, kein Alter, keinen Winter gibt.

Wenn unsere Wissenschaft aus Keilschrift enträtselt, was vor fünftausend Jahren durch die Seele der Menschheit flutete und ebbte, ahnen wir die eine Seite. Wenn durch die Dichterkraft Shakespeares Julius Cäsar leibhaftig vor uns zu wandeln beginnt, dämmert die andere auf. Aber eines stellt sich uns heute schon ganz dar: Nichts ist verloren in der Natur, das nicht geweckt werden könnte.