Es ist gewiß einer der wenigen abstrakten Sätze, die in irgend einem Sinne auch jene schlichte Bauernalte hier vor ihrer Sichel über den Glockenblumen begreifen würde — nicht physiologisch, aber aus einer eisernen Erfahrung von sechzig Lebensjahren voll unzähliger verworrener Dinge ohne Antwort.
Nur den Titel des Buches verstände sie eben nicht, in dem ich gerade geblättert habe. Und wie viele verstehen ihn nicht in unserer Zeit, die mit Bildung prunkt.
Es ist hundert Jahre rund her, daß der Mann geboren worden ist, der auf dem alten schlechten Löschpapier des Titelblattes aus den Dreißigen des neunzehnten Jahrhunderts steht: der „Dr. Johannes Müller, ordentlicher öffentlicher Professor der Anatomie und Physiologie an der Königl. Friedrich-Wilhelms-Universität und an der Königl. medizin.-chirurg. Militär-Akademie in Berlin“. Es ist sein „Handbuch der Physiologie des Menschen für Vorlesungen“. Gedruckt in seiner Vaterstadt Koblenz. Mir sind zufällig zwei Auflagen zur Hand: auf der vierten von 1844 ist er schon Geheimer Medizinal-Rat, vierzehn Jahre später war er schon tot, hingemäht von einer Krisis des allzu intensiven Lebens.
Auch der Mann hat an dem Problem gerüttelt, ist mit dem Kopf gegen das Fragezeichen gerannt.
An Johannes Müller muß man sich zuerst einen Augenblick klar erinnern, wenn man die Absturzstelle finden will, von der Dubois in sein „Ignorabimus“ fiel. Es schadet aber heute überhaupt nichts, einen Moment bei ihm stehen zu bleiben.
Wenn man aus der Perspektive jetzt von hundert Jahren auf Johannes Müller schaut, so meint man wohl, man könne ihn gar nicht mehr allein sehen. Er erscheint in einem Gedränge, nur einen Kopf hoch vorragend, wie die großen Männer auf offiziellen Treppenhaus-Dekorationen, die gerade so weit vorkommen, daß man noch den Orden Pour le mérite unter der Halsbinde sieht. Er war das Haupt einer Schule, und das Charakteristische dieser Schule war, daß die Besten darin doch so auf eigene Façon selig und berühmt wurden, daß man sie nicht als Schüler zu verrechnen pflegt. Neben Dubois gehörte Haeckel dazu. Ein dritter, Schwann, entdeckte in seinen Arbeitsräumen die tierische Zelle, eine Leistung, nach der man die ganze Physiologie des 19. Jahrhunderts allein benennen könnte, wenn eine einzelne Entdeckertat den Ausschlag geben soll.
In unsagbar armseligen Räumen, bei einem Assistentengehalt zum Verhungern.
Aber es war noch die große Zeit, wo die Leistungen wirklich genau im umgekehrten Verhältnis zu Größe und Prunk der Institute standen, wie Haeckel es gelegentlich ausgedrückt hat. Bei Claude Bernard in Paris sah es noch schlimmer aus.
Nimmt man hinzu, daß Müllers dauerndstes Werk ein zusammenfassendes, rückschauendes Kompendium seiner Wissenschaft war, so könnte man versucht sein, ihn bloß für eine Übergangsgestalt zu halten, wie sie in der offiziellen Geschichte der Wissenschaften imponierende Namen bewahren, als Vermittler wirklich viel getan haben, aber für die eigentlich geistige Innenlinie doch zurücktreten. Das trifft aber hier gerade den Kern nicht.
Johannes Müller war seiner echtesten Art nach ein durchaus einsamer Mensch. Ein einsamer Kämpfer, Auge in Auge bloß für sich mit dem großen Rätsel. Seine Wissenschaft, die Wissenschaft vom Leben, war ihm nicht ein Paragraph, den man elegant weiter gab, sondern dieses Rätsel.