Dann kommt eine Zeit, da heißt Natur soviel wie Teufelsspuk. Auf einsamem Kreuzweg wird sie gesucht, wenn die Eulen schreien; mit Bluthandschrift muß seine Seele verschreiben, wer sie sehen will.
Aber aus dem Munde eines Mannes, der gelebt und geliebt, gelacht und gegrübelt hat und der zuletzt auf dem Scheiterhaufen steht, um ein Märtyrer seines naiven Menschentums zu werden, — aus dem Munde des Nolaners Bruno ringt sich das Wort: Gott-Natur.
Dann kommen Rousseaus Tage, und ein Klang romantischer Wehmut, die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradiese, zittert aus dem Wort.
Der größte Dichter vom deutschen Stamme steht in seinem Garten vor dem Wunder eines grünen Blattes und wiederholt abermals das große: Gott-Natur.
Und nun ist das Wort schon mit hineingerissen in die wilden Wogen des neunzehnten Jahrhunderts. Ein Getöse ist plötzlich darin wie von einer ungeheuren stampfenden Maschine. Ein tausendstimmiger Jubelruf erschallt, Kränze wehen, — heisa, der Mensch sitzt hoch auf dieser Maschine, sie trägt ihn, er regiert sie. Seine Natur! Der Mensch Herr der Naturkräfte, Herr der Welt. Diese Hoffnung reißt empor wie ein Schwindel.
Aber die Vision wechselt jäh.
Der weiße Dampf der Lokomotive teilt sich und auf einmal liegt der Mensch unter der Maschine, ein zuckendes Haupt auf blutiger Schiene. Fühllos geht die Maschine über ihn fort. Und die sterbende Lippe stammelt „Gott-Natur“, — es klingt aber wie eine Blasphemie.
Kein Wort in unserer Zeit wiegt so schwer wie dieses Wort Natur.
Alles drängt darauf, ringt und lechzt darnach. Dieser Begriff Natur hat die Sterne erobert, die Billionen von Meilen von uns abstehen, er hat den Menschen selber erobert, hat die Geschichte erobert, die Milchstraße ist ihm nur ein Zeichen, der Mensch eine Station, die Zukunft eine mathematische Gleichung.
Und doch ist vielleicht kein zweites Alltagswort unserer Tage so wenig geklärt, so verschleiert, so mißverstanden wie „Natur“.