Auf ungezählten denkenden Menschen liegt es wie ein Tyrann.
Sie wissen nicht, wie sie ihm entrinnen sollen, aber sie fluchen ihm. Jeder Fortschritt der Naturforschung erscheint ihnen wie ein Schritt mehr zum Minotaurus hin, der sie in seiner Höhle zu Asche verbrennt.
Was tut’s, wen tröstet’s, ob in diesem Minotaurus ganze Sonnensysteme mit uns sinnlos verpulvert werden. Je größer das Ungeheuer wird, es steigert sich nur seine Ungeheuerlichkeit. Du magst diesen Leuten von Doppelsternen und Marskanälen, von Urweltmeeren und dem Werdegang des Menschen zwischen tollem Getier erzählen: das Gemüt hat immer nur das Gefühl, daß es selber dabei gefressen wird. Nun hat dieser Drache auch schon die Geschichte des Menschen. Wo wird er Halt machen? Alles packt er. Gibt es denn gar keine Grenzen dieses Verheerungszuges?
In mein einsames Sinnen mischt sich wieder ein altes Bild.
In einem verwitterten Büchlein fand ich unlängst Dokumente aus dem Leben des Naturforschers Konrad Gesner, des Meisters der Tierkunde im sechzehnten Jahrhundert. Ich suche seit Jahren Stoff zusammen über sein Leben. Daheim habe ich die alten Pracht-Folianten seiner Werke, ein Monumentalwerk deutschen Fleißes.
Zeit seines Lebens war er ein armes dürres Männlein, dieser Gesner, unsagbar fleißig, mit den großen Augen des Genies, aber vom Leben unerbittlich gedrückt. Und doch: eins drückte diese Seele nicht: Skrupel über den Natur-Begriff. Sie war nicht gerade besonders liebenswürdig gegen ihn im gewöhnlichen Sinne, diese Natur. Um ihn, den pflichttreuen Arzt, wütete die Pest. Mit 49 Jahren schon ist er selber ihr erlegen. Als sie, die er mannhaft bei anderen bekämpft, ihn endlich selber „hatte“, da hat er sein Testament niedergeschrieben, das uns heute noch erhalten ist. Er hatte nicht über allzuviel Glücksgüter zu verfügen. Nur eine Rente von hundert Gulden kann er stiften, daraus sollen jährlich zwei ärmste Kinder gekleidet werden. Aber seinem Geschlecht läßt er eine andere Aufgabe vergeistigterer Art. Je einmal im Jahr soll die Familie sich in allen ihren Gliedern zu einem frohen Liebesmahl vereinigen. Ein goldener Becher soll dabei kreisen, den er mit dem Testament übergibt. „Sonderlich“ sollen daraus die trinken, „welche etwas Zwytrachts miteinander gehebt.“ Nach dem Mahl soll einer ein paar Sprüche aus dem Evangelium vorlesen, „welche dienind, Fried, Liebe und Einigkeit zu förderen.“ „Demnach,“ aber heißt es zum Schluß, „soll er ihnen fürhin bringen (vorzeigen) meine Figurenbücher der Tieren, daß sy sich die zu besächen belustigend, und durch myn Gedächtniß, auch ihre Kind, welche tugendlich, zu der Lehr oder sonst zu guten und ehrlichen Künste und Uebungen erzüchten.“ Dieser Mann hatte kein Gefühl dafür, daß sein „Tierbuch“ die Weihe jener Sprüche stören könne. Es ist ein friedevoller Optimismus, der aus den Worten dieses besten Kenners der „Natur“ in seiner ganzen Zeit spricht ....
Das Ergebnis der unheilvollen Trübung, die für unsere Tage das Wort „Natur“ bedeckt, ist der immer tiefer fressende Pessimismus.
Es ist die Weltanschauung des knirschenden Sklaven.
Man fühlt, daß man gegen die überwältigenden Resultate der Naturforschung dauernd nichts machen kann. Dieser Sieg kommt ja nicht allein durch den Gedanken. Man darf Darwin in den Boden verfluchen und steigt doch in eine Eisenbahn, spricht durch ein Telephon. Von dieser Ecke her gibt’s kein Entrinnen, und wer einmal in der realen Bahn sitzt, hält schließlich doch auch bei der Station Darwin, ganz unversehens. Aber man glaubt zugleich zu fühlen, daß man damit etwas in Kauf nehmen soll, was das ganze innerste Leben lahmlegt. Man bekommt einen Toten ins Haus für immer. Zuerst heißt die Folgerung Resignation. Und dann heißt sie Pessimismus.
Täuschen wir uns nicht: der Pessimismus als theoretisch ausgesprochene lehrhafte Philosophie ist immer nur eine gelegentliche Erscheinung; der Pessimismus der Stimmung aber nagt und nagt bei uns fortgesetzt wachsend in allen Kreisen, wo man unter jener Sonnenfinsternis des Naturbegriffs wandelt und diese Sonnenfinsternis für ein Ergebnis der Astronomie hält.