Er gibt die Grundzüge einer Kosmogonie auf Grund natürlicher Entwickelung, oder wenigstens des ersten Kapitels einer solchen. Die Erde erscheint zuerst als Stern. „Als ein Wandelstern. Die neuen Erfahrungen zeigen das Universum selbst nicht als fertig. Die Nebelsterne sieht man als Massen werdender Welten an. Ja den Jupiter als nicht erstarrt. Die Kometen, die man ehemals als Weltenzerstörer ansah, betrachtet man als werdende Erdkörper.“ So geht das weiter. Die Erde erstarrt. Die Urwasser schlagen sich nieder. „Sinken des Wassers. Hervortreten des Soliden. Gebirge im Kreuz.“ Der Granit erscheint als das frühste Gebirge. Überall ist „eine genetische Betrachtung wünschenswert.“ „Alles was wir entstanden sehen und eine Succession dabei gewahr werden, davon verlangen wir dieses successive Werden einzusehen. So wie die wahre Geschichte überhaupt nicht das Geschehene aufzählt; sondern wie sich das Geschehene auseinander entwickelt und darstellt.“

Goethe verwarf die Katastrophen in der Erdgeschichte, weil sie ihm nicht genug Entwickelung enthielten. Er predigte die Lehren Lyells lange vor Lyell; er begrüßte Lyells großen deutschen Vorgänger, Hoff, als einen, der endlich in seine (Goethes) Bahn einlenke.

Man fragt sich, wie jener Entwurf, der leider beim Gestein abbricht, ohne je ausgeführt zu werden, ins Organische hinein hätte weiter gehen können. Und es ist nur selbstverständlich, daß er auch da Entwickelung annahm. Goethe hat ja an anderen Orten seine Ansichten auch darüber klar genug ans Licht gestellt. Inwiefern seine engeren Ideen über den Weg dieser Entwickelung von der späteren Darwins abwichen, ist dabei sehr belanglos. Er dachte sich wohl, daß gewisse Grundtypen des Lebendigen naturgesetzlich bestimmt zu ihrer Zeit auf der Erde anschießen wie Krystalle. Die äußeren Umstände, das Milieu, die Lebensweise modelten dann im Einzelnen während des Werdens an der Reinheit dieser Krystallformen, bis das unendlich wechselvolle Spiel der heutigen verschiedenen Tier- und Pflanzenarten entstand. Man kann sich bei dieser Auffassung über die Gesetze streiten, nach denen der Typus sich bildet. Aber man kann sich ja auch in der Mineralogie über die Gesetze streiten, die dort die anorganischen Krystalle bilden, und heute noch weiß keiner da Rat.

Das Wesentliche bleibt, daß beides innerhalb der Natur gedacht wird. Jenes ganze Weltbild, zu dem Darwin nur ein letztes Stiftchen hinzutun konnte, war unzweifelhaft in Goethes Tagen schon vollkräftig da.

Wie sollte es nicht.

Wenn man das übernatürliche Eingreifen von jenseits der Käseglocke auch nur auf einen Moment vergißt, so werden Entwickelungstatsachen auch dem schlichtesten Sinn sofort übermächtig.

Unser eigenes Leben unterliegt der Entwickelung; zwischen Kind und Mann, Mann und Greis liegt nicht ein göttlicher Wunderakt, sondern eine kontinuierliche Folge.

Wie unsagbar einfach ist die Lehre der Geschichte. Ist der heutige Franzose aus dem alten Gallier entstanden durch glatte Entwickelung oder trennt die beiden ein mystisches Wunder? Sind die romanischen Sprachen, ist das heutige Schriftdeutsch nicht kontrollierbar „natürlich“ durch Entwickelung herauf gekommen? Zu solchen Gedankengängen ist kein Darwin erst nötig gewesen. Man kann die ganze Ideenunterlage zum „Darwinismus“ in diesem Sinne aus Goethes „Wahrheit und Dichtung“ oder aus Schlossers Weltgeschichte lernen, ohne den „Origin of species“ je gesehen zu haben.

Aber Bücher sind überhaupt nicht dazu nötig.

Wie oft bin ich gefragt worden, ob mich nicht manchmal ein Bangen anwandle, wenn ich mir sagen müßte, auf was für verwickeltem, spitzfindigem, haarspalterischem biologischen Material meine „darwinistische“ Weltanschauung im Grunde beruhe. Wenn nun ein Stäbchen wankt, hieß es, eins von den ganz zerbrechlich dünnen der biologischen Fachforschung, irgend so ein Sätzchen aus der Zellenlehre, ein statistisches Zifferchen über Variieren der Arten, ein Müschelchen oder Zähnchen der Paläontologie? Und das immer als Stoß in der Weltanschauung zu fühlen, im Heiligsten, das man für sich selbst, über sich selbst hat! Jeden Morgen zittern, wenn der Briefbote kommt und eine grüne oder blaue Broschüre bringt: ob da nicht der ganze „Darwinismus“ doch jetzt den Gnadenstoß hat durch ein Knöchelchen in einer verkehrten Erdschicht, oder eine neueste Superklugheit über den Zellkern, oder einen Froschembryo, der zwischen zwei quetschenden Glasplatten aufgezogen ist, — zittern um den Zusammenbruch der ganzen Weltauffassung!