Nach der einen Ansicht ist die Welt ein Ding unter einer Käseglocke. Jenseits der Glocke schaltet und waltet etwas absolut anderes. Es holt heraus, stellt hinein, macht was es will. Drunten rechnen sie, inventarisieren sie. Droben wird nicht gerechnet und aus dem Droben kommt, in das Droben geht ein unbegrenzter loser Inventarbestand. Wenn das „Droben“ will, so rauscht von der Glocke der Wind, rinnt der Regen. Und jeder Windstoß, jeder Regentropfen kommt eigentlich als „Wunder“. Das Droben setzt Tiere herunter, heute Trilobiten, morgen Ichthyosaurier, übermorgen Menschen. Und zu den Menschen übermenschliche Wesen noch wieder von jenseits der Glocke. Alles als unberechenbares Wunder. In der Existenz der Glocke steckt ein ewiger Riß, eine immer erneute Unfaßbarkeit, ein Hin und Her, das uns Menschen keine andere Rolle finden läßt, als die Hände in den Schoß legen und resigniert abwarten, was kommt.
Dem gegenüber steht ebenso schlicht die Anschauung, daß es keine Käseglocke gibt. Daß alles eins ist im Sinne des Ur-Zusammenhangs. Das Drüben, das die Schäfchen und die Bäumchen setzt, sind diese Schäfchen und Bäumchen selbst, es ist nicht noch einmal besonders da. Wir selbst sind wir selbst. Alle Dinge der Natur, der Welt, sind da bloß als Ausfluß von Eigenschaften dieser Natur.
Nun blicken diese beiden Ansichten in die Geschichte zurück.
Die eine sieht da dieselbe Willkür. Eingriffe von jenseits der Glocke. Unberechenbare. Was ist ihr überhaupt die Gewähr des Geschichtlichen? Jene Übermacht ohne Raum und Zeit könnte auch rückwärts ja noch einmal hineingreifen.
Die andere aber gerät unabänderlich auf den Begriff natürlicher Entwickelung. Weil es überhaupt eine Geschichte, eine Zeitenfolge gibt, die eins an Stelle des andern zeigt; und weil es ihr nichts gibt als die Dinge selbst; so folgt ihr einfach Wandel dieser Dinge: Entwickelung. Hier steht etwas. Morgen etwas anderes. Aus der Versenkung ist nichts gekommen. Folglich hat das eine sich entwickelt zum andern. Zu den Eigenschaften der Natur gehört auch Werden, Verwandlung, Entwickelung. Und die Geschichte ist das Reich dieser Eigenschaft.
Nun denn: in den Kampf dieser beiden Grund-Meinungs-Verschiedenheiten greift auch nicht eine einzige jener „neuen“ Tatsachen oder Ideen ein, die heute den Mittelpunkt der Fachkämpfe um den Darwinismus bilden.
Ob die Zuchtwahl-Theorie richtig ist. Ob ältere Lamarcksche Ansichten besser sind als die neueren Darwinschen. Ob es eine Vererbung erworbener Eigenschaften gibt. Was Vererbung ist. Wie die ersten Varianten entstehen, aus denen der Kampf ums Dasein nach Darwin ausliest. Ob neue Arten entstehen aus den einfachen Variationen oder (im Sinne von de Vries) aus plötzlichen Mutationen. Ob die bisher aufgestellten Entwickelungsgesetze der organischen Welt sämtlich falsch sind. Ob alle bisher entworfenen Stammbäume verkehrt sind. Ob der Haeckelsche Zusammenhang von Ontogenie und Phylogenie stimmt oder nicht. Ob selbst die Methoden, mit denen man bisher solche Gesetze, solche Stammbäume gesucht, alle grundirrig sind. Ob es ganz neuer experimenteller Wege bedarf, um nur erst einmal das Anfangsmaterial dazu notdürftig zu erlangen. Ob wir seit und mit Darwin in einem Überschwang von geistreichen Konstruktionen geschwelgt oder ob wir, wie andere meinen, in dürrer Heide uns im Kreise herumgetrieben und das Nächstnötige noch gar nicht gesehen haben. Ob es in der einheitlichen Natur als Grundeigenschaften dieser Natur noch zweitausend verschiedene Entwickelungsgründe, Entwickelungsgesetze, direkte oder indirekte Wege der Umwandlung gibt, von denen die ganze Darwinsche Richtung keine Ahnung besessen hat. Und so weiter. Das alles und noch ungezähltes mehr, das jüngere, besonders höfliche Kritiker heute gelegentlich veranlaßt hat, Darwin einen Tropf zu nennen und alle seine Schüler in Haeckel’s Richtung samt diesem unwissenschaftliche Stümper, hinter die die ganze Entwickelungsforschung erst wieder zurückgehen müsse, wenn je etwas aus ihr werden solle, — — das alles miteinander hat nämlich auch nicht die leiseste Beziehung zu jenem General-Zwist der beiden Weltanschauungen.
Es kann sie nicht haben, denn dieser Zwist ist viel älter als Darwin, er ist weder entfacht noch beendet durch Darwin, er ist viel größer, viel umfassender, viel tiefer als Darwin.
Und in ihm haben noch ganz andere Leute mitzureden als bloß naturwissenschaftliche Spezial-Forscher.
Im neunten Bande der großen Weimarer Goethe-Ausgabe (S. 268–79) steht ein loser Entwurf, ein „Schema“, von Goethes Hand, mutmaßlich von 1806.