Wenn Darwin noch lebend unter uns weilte, so würde er ganz zweifellos der erste sein, der jenen heute fortbrennenden Fach-Zwist mit Freuden, ja mit Genugtuung begrüßte. Er würde in ihm nichts anderes finden als sein eigenes Entwickelungsprinzip, das unablässig weiterwaltet, — das sich jetzt auf einen Fels rettet als die endlich erreichte Feste, — und das morgen diesen Fels selber anbohrt, um abermals weiter zu kommen.
Darwin hatte in eigner Bahn die volle Wucht gefühlt, was es hieß, einen Ideengang umwerfen. Er hatte sich zuerst von der Theologie freigemacht, immerhin das noch ohne allzuviel Nöte. Dann war er in die strenge Wissenschaft gekommen, als halber Dilettant zunächst. Seine ganze Sorge war, sich nur überhaupt als berechtigt zur Fachforschung zu erweisen. Inmitten dieses Strebens aber geht ihm auf, daß ein allgemein angenommener Lehrsatz dieser Wissenschaft, der Satz von der Unveränderlichkeit der Tier- und Pflanzenarten, falsch sei.
Immer ist es ihm als etwas Ungeheures erschienen, daß er gerade berufen sein sollte, so verwegen den Revolutionär zu spielen.
Sein endloses Zögern, das seinen Ruhm bedroht hat, vielleicht zum teil selbst seine physische Krankheit hingen damit zusammen.
Doch er wagt es, muß es als ehrlicher Mann wagen, und er bricht durch. Er erlebt mit einem gewissen Grauen, daß ein einzelner den Kampf aufnehmen kann mit einer ganzen, über lange Jahrhunderte heraufkommenden Wissenschaft und daß er siegen kann.
Nie hat er das vergessen. In allem Triumph seiner Lehre, wo mancher vom Weihrauch erstickt wäre, schaut er beständig sich nach dem Manne um, der nun ihn wieder umwerfen wird. Er rechnete mit der Wissenschaft, die er an einer Stauungsstelle entfesselt hatte, und die ihn dafür verschlang, indem sie auch über seinen Fleck strömte.
Buchstäblich hat er die ganzen Jahre seines rauschenden Erfolges gegrübelt, wo er sich geirrt haben könnte. Hinter den späteren Auflagen der „Entstehung der Arten“ glaubt man einen Menschen zu sehen, der beständig aus dem Schlaf aufschreckt mit dem Gedanken: „Ich habe etwas vergessen.“
Wenn ich mir heute den Alten von Down denken soll, wie er in irgend eine zoologische Sektion tritt, zwischen einen Kreis junger, leidenschaftlich schimpfender Entwickelungs-Mechaniker, er könnte nur mit den Worten kommen: „Na endlich, Kinder, seid ihr endlich drauf, wo die Sache hapert!“
Ob er freilich grade diese Einwürfe anerkennen würde, wäre ja eine andere Frage. Sicherlich aber würde er eins vorweg betonen.
Wenn ich in den Kampf der Meinungen heute offen hinaustrete — hinaus aus der Studierstube in die große ringende Welt — so finde ich zwei Dinge im Streit, im unversöhnlichen Streit. Zwei Weltanschauungen mögen wir sie nennen. Man könnte ziemlich ebenso gut auch sagen: zwei Geschichtsepochen, die heute beide nebeneinander (noch und schon) Vertreter haben.