Ich bin in den letzten Jahren auch in guten, aber nicht naturwissenschaftlichen Schriften mehr und mehr einer Stimmung des Zweifels, der Unsicherheit gegenüber den Darwinschen Ideen begegnet. Man weiß nicht recht, wo selber angreifen, aber es kommt wie ein vages Echo: im Fache selbst sieht man ja schon wieder über die Sache hinaus. Der eine oder andere „Professor“ wird genannt, der bereits offen den „Zusammenbruch des Darwinismus“ lehre. Schwerwiegende neue „Tatsachen“ werden natürlich dahinter vom Laien vorausgesetzt, — Tatsachen, die Darwins Behauptungen widerlegt oder die sie doch nicht gestützt hätten.
Dabei ist es merkwürdig: der Verdacht scheint sich meist auf das eigentliche Wort „Darwinismus“ zu konzentrieren, das Wort in Anführungszeichen.
Der große Entwickelungsgedanke lebt, auch ohne Schlagwort, als das Lebendigste der ganzen Zeit in uns allen, beherrscht unser ganzes Denken und Handeln.
Jener Mann, der in Darwin den Hemmschuh sah, war praktisch ein wahrer Entwickelungsfanatiker.
So scheint es fast, als löse sich nachträglich bloß ein Wort, das Jahrzehnte hindurch die Bewegung gekennzeichnet, wieder von ihr ab. Das Wort ist aber gleichzeitig so mit ihr verquickt, daß der Mißverständnisse kein Ende werden will.
Ist es wirklich möglich, heute „Darwin“ wieder aus der großen Entwickelungs-Richtung in unserem Geistesleben herauszuwerfen, — wegen irgend welcher subjektiven Begleitumstände, irgend welcher naturwissenschaftlichen Fach-Einwürfe?
Oder äußert sich unter der Hülle des Kampfes gegen den „Darwinismus“ am Ende doch eine beginnende Abschwenkung von dieser ganzen Entwickelungs-Richtung, über die sich bloß manche neueren Darwin-Angreifer selber in der Tragweite noch nicht klar sind?
Ich gestehe, daß ich in dem ganzen Auftauchen und Weiterverbreiten solcher Zweifelfragen schon etwas Mißverständliches sehe.
Es ist richtig, daß im engeren Fachgebäude des sogenannten Darwinismus gegenwärtig wieder einmal besonders lebhafte Kämpfe stattfinden. Diese Kämpfe sind überaus fruchtbar und segensreich, soweit sie gewisse allgemeine Gesichtspunkte nicht ganz verlieren und soweit persönliche Gehässigkeiten herausbleiben. Aber gerade diese echten Kämpfe sind in jeder Faser etwas total anderes, als der Laie, Freund wie Feind, dahinter zu suchen beginnt.
Der Darwinismus mit diesem seinem Namen ist heute genau 44 Jahre alt, datiert vom Erscheinen des „Origin of species“ von Charles Darwin im November 1859.