Die stille Lampe leuchtet über allerlei bunte Farben. Ein blasses Grün, ein grelles Orangegelb.
Buchumschläge sind’s. Bücher haben sich angehäuft, während ich im Gebirge war, neue Bücher, eine ganze Schicht. Unheimlich schnell mahlt sie, diese große Geistesmühle der Menschheit. Ein paar Monate will man allein sein, mit Felsen, Bäumen, Tieren. Man schaut auf vom Traum und das Zimmer ist voll gemahlen von der Rastlosen, — wie Max und Moritz steckt man halb im frischen Korn. Alles riecht nach Korn.
Ich blättere. Darwinistisches, Antidarwinistisches. Das letztere kommt jetzt immer in einer gewissen Prozentziffer. Geht der Strom wirklich von hier fort? Sind wir so rasch fertig mit dem neunzehnten Jahrhundert? Mit der Idee schon, die es für seine größte hielt?
Ich muß an ein Gespräch denken, droben in den Bergen, während Rübezahl seine Wolken warf.
Wir unterhielten uns von den großen Problemen unserer Zeit. Mein Freund war ein geistvoller, außergewöhnlich kenntnisreicher, echt moderner Mensch. In allen Hauptpunkten waren wir einig über den Fortschritt, über den Kampf gegen das Veraltete, Absterbende, über den notwendigen Sieg der Aufklärung und das Wachstum freiheitlicher Ideen überall.
„Aber die Haupt-Störenfriede, die alles hemmen,“ sagte er schließlich, „sind doch der Marx und der Darwin.“
Ich wußte, was er an Marx auszusetzen hatte. Wissenschaftliche Details, wissenschaftlich diskutierbar, jedenfalls auf ernsten Fachstudien bei ihm beruhend. Ziemlich ebenso war es bei Darwin. Er war auch da Fachmann und seine eigentliche Kritik setzte wenigstens bei diskutabeln zoologischen und botanischen Einzelheiten ein.
Aber seit langem polemisierte er so auch allgemein gegen die beiden. In seinem Kopfe hatten sich die Dinge allmählich so zurecht gestellt, daß er an diese Namen wie an Symbole dachte für das Äußerste, was ihm überhaupt befehdenswert schien. Er brachte sie auch jetzt vor, daß ein unbefangener Zuhörer, der beider Werk nicht genauer kannte, sie als Trumpf auf unser vorhergehendes Gespräch auffassen mußte, — als verkörpere sich in Marx heute etwa alle Unterdrückung, soziale Unfreiheit, starre Reaktion gegenüber jedem Versuch sozialen Fortschritts; und als sei Darwin der Typus des Obskurantentums, der geistigen Vergewaltigung und Rückschrittlerei auf dem Gebiete der Weltanschauung.
Lassen wir Marx hier auf sich beruhen und bleiben bei Darwin. Leute, die, vor die Wahl gestellt, unbedingt für freie Ideen etwa gegenüber dem Kirchendogma eintreten würden, hauen in einer Weise neuerdings auf den Darwinismus los, als sei er plötzlich der böse Dämon.
Aus der Fachliteratur läuft das dann in die Menge. Bei halben und flachen Geistern wird der Ton „Mode“, weil er wenigstens Abwechslung bietet. Die wirklich finstern Kreise aber freuen sich, daß ein gefährlicher Name plötzlich preisgegeben ist und sie ziehen, selber mit unverkennbarer Logik, ihren Vorteil davon.