Und dabei sehen wir klar, daß nicht etwa ein absolutes Muß der Verwandlung vorlag. Einzelne Tierformen sind tatsächlich viele Jahrmillionen bis heute unverändert stehen geblieben: die Gattung Ceratodus (Molchfisch) seit der Triaszeit; die Gattung Lingula (ein wurmartiges Tier in muschelähnlichen Schalen) gar seit jener kambrischen Epoche, mit der all unser Wissen beginnt. Warum ist nicht alles in dieser Weise seit Beginn seiner Existenz beim gleichen Leisten geblieben? Woher neben wenigen solcher Überlebenden mit jeder Epoche die Unmasse neuer, andersartiger Typen?
Und dabei ein weiterer, jetzt der eigentlich durchschlagende Zug.
Es zeigt sich, hält man Dauerbild zu Dauerbild von Epoche zu Epoche, ein Ansteigen von Unvollkommenerem zum Vollkommeneren.
Wir können da freilich nicht eigentlich von unten beginnen, da uns ja der ganze Anfang fehlt. Die kambrische Epoche setzt, wie gesagt, mit bereits relativ hohen Typen ein. Aber von da erleben wir doch noch ein Stück wenigstens mit.
Bis gegen die Sekundärperiode sehen wir ungeheure Gebiete der Erde bedeckt mit Wäldern farrnähnlicher kryptogamischer Pflanzen, also einer niedrigen Flora. Ganz allmählich erst treten dazu die systematisch niedrigsten Phanerogamen: Nadelhölzer und Palmfarrne. Erst in der Kreidezeit kommen auf einmal die höheren Blütenpflanzen.
Ganz ähnlich steigt der höchste Stamm der Tiere stufenweise von Bild zu Bild an, der der Wirbeltiere. Er erscheint mit Fischen, nur Fischen. Dann werden höher hinauf amphibische, reptilische Wesen sichtbar, erst urtümliche, dann vollkommenere. Vögel wie Säuger treten erst in der Sekundärzeit, viele Millionen von Jahren nach dem kambrischen Anfang, hervor. Der Vogel ist zuerst Archäopteryx, mit ausgesprochenen Eidechsenrückständen am Leibe. Das Säugetier ist Ursäuger und Beuteltier. Erst um die Wende zur Tertiärzeit erscheint eine Mischgruppe, die nicht mehr Beuteltier ist, aber die Merkmale von Raubtieren, Huftieren und selbst Halbaffen in sich vereinigt. Die Krone des Säugerstammes, der Mensch, endlich erscheint mindestens erst tief in dieser Tertiärzeit, selbst wenn wir ihn mit Klaatsch so weit zurückdatieren wollen, wie nur irgend zulässig. Er erscheint noch in der Eiszeit als Rasse mit primitiverem Schädel und erst nach der Eiszeit setzt seine höhere Kultur ein.
Gleiche Anpassungskreise werden dabei mehrfach in folgenden Epochen neu ausgefüllt, aber dann von einer im ganzen höheren Organisationsstufe: so ersetzen die Säuger der Tertiärzeit im gesamten Anpassungsumfang genau die Reptile der Sekundärzeit und wieder der Mensch mit seinem Werkzeug umgreift die ganze ältere Säugeranpassung.
An diesen großen Linien hat alle Kritik der Jahre seit Darwin aber auch rein nirgendwo rütteln können.
Versucht worden ist ja jeder Ausweg.
In den Steinkohlen sollten uns bloß die kryptogamischen Moore der älteren Zeit erhalten sein, wie wir deren aus Moosen heute noch genug haben, — die Nadel- und Laubwälder jener Tage aber sollten bloß zufällig keine Reste hinterlassen haben. Aber diese Farrn-, Bärlapp- und Schachtelhalmwälder von damals waren kein Moorwinkel irgendwo, sondern sie überzogen die Erde vom Nordpol bis zum Südpol in himmelragenden Stämmen. Ein Blick auf die räumliche Größe auch nur der heute bereits bekannten Kohlendistrikte genügt, um zu beweisen, daß es sich dabei um die Charaktervegetation der Erde in einer Weise handelt, wie es von keiner einzigen heutigen Pflanzengruppe behauptet werden kann. Und das eben ist das Bezeichnende.