Es gibt aber noch mehr Lücken.

Als man zuerst Tier- und Pflanzenabdrücke fand und noch in biblischer Treue dabei nur an die Sintflut dachte, bürgerte die Idee sich ein, alles Versteinerte sei das Resultat irgend einer jähen Katastrophe, einer großen Wandlung im Erdenleben: verschüttete Wälder, in Hekatomben verunglückte Tiere. Einzeln ist es auch wohl so gewesen, in der Regel nicht. Die Regel zum Zustandekommen von Versteinerungen war gerade das Gegenteil: lange Epochen größter Ruhe und Regelmäßigkeit. Wälder von kryptogamischen Gewächsen grünen Jahrhunderttausende am gleichen Fleck und bilden eine ungeheure Torfschicht; die bleibt als Steinkohle erhalten. In eine seichte Bucht (wie die von Solnhofen) rinnen kalkhaltige Bäche, häufen in endlosen Zeiten immer neue ungestörte Häutchen feinsten Schlicks übereinander; an diesem Ort muß ein wahres Paradies an Ruhe gewesen sein und sein Ergebnis ist das wunderbare Bilderbuch im Schiefer abkonterfeiter Quallen, Libellen, Krebse, Fische und Urvögel. Gesellige Korallentiere bauen in ungestörter Ruhe berghohe Riffe; sie tauchen bei Faltungen der Erde in die Tiefe und liegen unzerstörbar. In den Abgründen der Tiefsee, tausende von Metern tief, lagern sich die mikroskopischen Schälchen einzelliger Wesen ab zwischen Seelilien, deren schwanken Stiel hier unten kein Sturm bedroht, — auch ein Reich des Friedens, stationär bis zu dem Maße, daß es seit Jahrmillionen bis heute fast das gleiche Gesicht, immer die gleichen Anpassungen und Formen, zeigt; aus solchem Tiefseeschlamm ist die weiße Kreide geworden, die selbst dem Laien durch die Masse ihrer Versteinerungen auffällt.

Gerade diese Zeiten der Ruhe, des unendlichen gleichartigen Fortzeugens bestimmter Arten sind es aber nicht, die der Darwinismus sucht!

Er möchte die Reste sehen der unruhigen Zeiten, die auch äußerlich, im Bilde der Erdverhältnisse, sei es lokal oder im ganzen, bewegt, im Fluß und beeinflussend erscheinen. In solchen Zeiten gab es nach ihm Wandel der Formen, Zwang zu neuer Entwickelung, veränderte Anpassungen, Degenerationen und Aufschwung. Aber grade die Spur ist verwischt — wegen der Unruhe. Erst nach langer Zeit, wenn alles sich so in Gleichtakt gesetzt hat, daß wieder viele Jahrtausende lang immer die gleichen Gewächse ihre Stämme im Torf begraben, dieselben Müschelchen in Millionen Generationen sich im Teichschlamm ablagern, geht von neuem in solcher Dauerschicht der Ruhe der Vorhang wieder für uns auf. Wir sehen dann wohl, daß alles ein Stück anders, ein Stück weiter ist. Aber grade der Zwischenakt fehlt uns in Spuren, auf die wir die Hände legen könnten.

Es ist eine bitterernste Wahrheit, daß das, was man hat, hier nichts beweist und daß man das, was beweisen könnte, nicht hat.

Nicht Darwin, sondern das Dilemma in unserm geologischen Material hat diese Ironie geschaffen.

Denken wir uns, in der Geschichte fehlte uns die Völkerwanderung. Wir hätten Pompeji und dann wieder unvermittelt das Reich Karls des Großen. Oder die Mumie eines römischen Cäsars und unmittelbar darauf das Grab eines Papstes, ohne Kenntnis des Christentums. Es gibt ja Orte, wo auch die Geschichtsdokumente ganz ähnlich abrupt aufeinanderliegen: im Lehmboden von Höhlen geraten einsinkend die Scherben von Porzellantassen moderner Kulturnomaden, vielleicht von Bahnarbeitern, die dort einmal bei Regenwetter ihren Kaffee gekocht haben, unmittelbar zwischen Knochen des Höhlenbären und Steinbeile der Mammutzeit. An Wunder glaubt aber hier niemand, bloß an Lücken der Überlieferung.

Grade bei solchem Sachverhalt ist es aber doppelt merkwürdig, doppelt lehrreich, daß sich nun dennoch — in Umkehrung des eigentlich Selbstverständlichen — darwinistische Züge in der Geologie haben aufweisen lassen.

Das erste, was immer wieder auffallen mußte und muß, ist eben die nachträgliche Existenz immer wieder so vieler neuer Tier- und Pflanzenformen von Epoche zu Epoche.

Haben wir auch durchweg nur Dauerbilder, so sind eben doch diese Dauerbilder stufenweise immer wieder verschieden.