Lyell betonte, wie langsam, successive alles in der äußeren Geologie sich vollzogen habe: Wandel der Erdteile und Gewässer, Gesteinsbildungen, Klima, kurz der „Wechsel der Verhältnisse“.
Das war gut und paßte trefflich zu Darwins Selektions-Idee.
Lyell betonte, daß dieselben Kräfte wie heute ausgereicht hätten. Seine Verhältnisse der Vergangenheit behalten immer in ihrem stillen Strom eine größte Wesens-Ähnlichkeit mit den heutigen.
Auch das gab damals viel Hülfe. Man studierte die eigene Epoche und konstruierte danach die verflossenen, wie Mommsen aus der modernen Politik die Geschichte Cäsars ausgelegt hat.
Aber in der Weise hat sich das doch nur sehr bedingt als dauerndes Prinzip wahren lassen. Ehrlich gesagt, versagt das Prinzip heute an ganz auffälligen Stellen auch wieder. Die große Eiszeit hat da zuerst Bresche gelegt. Hier war ein Vorgang, der aus dem allzu korrekten Schema grob heraussprang. Die einfache Parole: zunehmende Abkühlung der einstmals heißen Erde in den geologischen Epochen, langte nicht aus. Warum lag diese Eiszeit schon wieder hinter uns? Vor ihr war in Europa Tropenklima. Warum? Heute ist die ganze Klima-Frage in der Geologie ein Labyrinth ungelöster Probleme. Schon dämmert die Idee auf, daß es mehrfach auch in früheren Epochen Eiszeiten gegeben habe. Periodische Erscheinungen der Erdkugel tauchen dahinter auf. Hängen sie mit periodischen Akten der Erdkugel zusammen? Hängen sie ab von Periodizitäten unseres Sonnensystems? Fragen.
Die ganze Abkühlungstheorie der Erde ist heute schwankend, wenigstens in der hergebracht einfachen Form.
Die Klimafrage ist aber nur ein krasses Beispiel. Wie hier sind erste, scheinbar sichere Schemata überall in der modernen Geologie in die Brüche gegangen. Ein ungeheurer Zuwachs von Tatsachen hat einen Berg ganz neuer Fragen aufgetürmt. Wenn wir sagen, die „Verhältnisse“ haben die Arten geschaffen, so muß uns beständig heute der Zweifel ins Ohr raunen, was wir denn von diesen Verhältnissen geologisch eigentlich wissen?
Wie viel Möglichkeiten umschließt das Wort noch, und wie wenig Klarheit!
In der Tier- und Pflanzengeschichte sehen wir einzelne besonders merkbare große Einschnitte. Wir träumen da besonders starke Umwandlungen. So vor der Trias-Periode und wieder in der Mitte der Kreide-Periode. Was ist da äußerlich auf Erden vorgefallen? „Wechsel der Verhältnisse“ ist an solchen Stellen ein Kryptogramm für uns, ein Deckwort für ein Bündel dunkler Dinge, deren Füße wir bloß gespenstisch hinter dem Vorhang arbeiten sehen.
Kaum eine einzige große Hypothese der älteren Geologie schließlich, die im Moment nicht wackelte. Sie ist ein unendlich viel merkwürdigeres Ungeheuer, diese alte Erde, als wir dachten. Man braucht bloß an die magnetischen Erscheinungen, die Polschwankungen und anderen Achsengeheimnisse, den Wechsel des Meeresniveaus, die immer wieder verwirrten vulkanischen Phänomene, die Geheimnisse der Innenwärme zu denken, um den Stich zu fühlen, wie wenig wir von diesem Ungeheuer wissen. Jene unerklärten krystallinischen Schiefer rufen es uns aus der Mineralogie zu. Von den rätselhaften Periodizitäten der Sonne, deren Fleckenperiode mit unsern magnetischen Mysterien über 20 Millionen Meilen hinweg in Kontakt steht, kommt es auf kosmischen Umwegen zu uns zurück.