Ich denke an eine solche Tat, — wie fruchtbar sie gleich ist! Die Geschichte vom Geheimnis der Nachtkerze.
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Die Geschichte, an die ich mich erinnere, fängt streng genommen an mit der Entdeckung Amerikas, — mit der ja so vieles Merkwürdige für unsere Kenntnis wie Schätzung des Himmels und der Erden angefangen hat.
In der hübschen Morgenstunde des 12. Oktober 1492, als die Kanonen der „Santa Maria“ den großen Tag verkündeten, stellte sich das Zünglein der Wage auch schon auf die Entscheidung ein: wer nun Herr werden sollte, die alte Welt über die neue oder die neue über die alte. Es sollte noch gar manche Sprünge vor und zurück machen, dieses Zeigerlein. Was Kolumbus damals aber wohl am wenigsten geahnt hat, das war die rasche und endgültige Lösung der Frage durch einige der sanftesten Landeskinder der neuen Erdhälfte, wenigstens für ihr Gebiet: nämlich Pflanzen.
Im Laufe der jetzt verflossenen vier Jahrhunderte haben eine Anzahl amerikanischer Pflanzen unzweideutig die alte Welt erobert.
An jenem Entdeckungsmorgen berührte des Altweltlers Kolumbus Fuß auch den Erdteil der Nachtkerzen.
In bald hundert Arten wuchs das Geschlecht dieser lieblichen Blumen auf dem neuweltlichen Kontinent. Ein schwefelgelber Strauß Nachtkerzenblüten, in unsere sandige Mark gebracht, wäre damals ein eigenartig exotischer Genuß von jenseits des großen Wassers mit allem Zauber jungfräulicher Neuheit gewesen.
Uns nachkolumbisches Geschlecht nimmt das schon Wunder. Denn wir pilgern aus der Stadt in die märkische Heide und am Bahndamm zwischen den Kiefern stehen die Nachtkerzen Kopf an Kopf wie die gelben Flämmchen, ein echtes und rechtes Unkraut, das uns weder in Liebe noch Haß für gewöhnlich imponieren kann. Denn es gehört zwar zum altvertrauten Vaterlandsbilde, aber der schlichte Sinn achtet es doch durchweg eben als ein Unkraut sehr niederen Grades.
Nun denn: die erste Oenothera, wie die Nachtkerze als botanische Gattung heißt, kam um 1614 aus Virginien in Nordamerika zu uns herüber. Es war die sogenannte Oenothera biennis. Im Jahre 1778 führte John Fothergill eine zweite Art (muricata), 1789 John Hunnemann die dritte (suaveolens) aus Kanada ein. Europas Luft und Erde sagten den Gästen aber alsbald so zu, daß sie sich heimlich aus den Gärten, wo man sie als fremde Rarität gehegt, fortmachten und bald da, bald dort als freie Kolonisten auf eigene Faust ansiedelten. Seitdem besitzen sie Sandgrube und Düne und Waldrain bei uns, als hätte Thusnelda schon ihre Kränze aus ihren Gelblingen geflochten.
Das ist die ursprünglichste Voraussetzung der wunderbaren Historie, die es zu berichten gilt: die erste Station der Nachtkerze von Amerika bis zum märkischen Bahndamm.