Die nächste Wegstrecke ist freilich etwas länger. Sie führt nämlich von da bis ins Herz menschlicher Philosophie und Weltauffassung.

Am Ende des 18. Jahrhunderts lebte in Paris Lamarck, Botaniker und Zoologe, ein ebenso großer Mann wie Pechvogel der Weltironie. Er predigte die natürliche Entwickelung der Tiere und Pflanzen und die Wandelbarkeit der Arten zu einer Zeit, da nur ein halbes Dutzend Auserlesener (die sich meist untereinander nicht kannten) etwas davon wissen wollte, der nicht unbeträchtliche Rest dagegen solche Ideen als Kontrebande aus dem Heiligtum der Forschung hinausprügelte.

Dieser Lamarck fand wieder in einem Augenblick, da ihm alle Spekulation ganz fern lag, im Herbarium des Pariser Pflanzengartens einige getrocknete Exemplare auch so einer amerikanischen Nachtkerzen-Art, die er als erster wissenschaftlich beschrieb. Sie war von den genannten anderen verschieden und der Zufall wollte, daß sie in der Folge den Namen Oenothera Lamarckiana bekommen hat.

Heute, da jedermann den alten Lamarck als Vorläufer Darwins kennt, klingt das förmlich herausfordernd darwinistisch. Gedacht hat sich aber damals und noch lange später niemand etwas derart dabei. Es war wie ein prophetischer Donnerschlag der Olympischen, den zunächst jeder für ein ganz simples Gewitter hält.

Auch diese Lamarcksche Nachtkerze ging übrigens den Weg ihrer Schwestern. Sie wanderte zunächst in unsere Gärten hier und da ein, und wenn die Gartenpforte offen stand, rückte auch sie ein Schrittchen weiter, fühlte sich wieder als freie Farmerin mit dem Pioniermut des Westens und verwilderte. Das aber sollte grade ihr großes Schicksal bedingen.

Im Jahre 1886 war es.

Und in Holland war es, Nord-Holland, zwischen Hilversum und s’Graveland.

Dr. jur. J. Six hieß ein Mann dort und der Mann hatte einen Kartoffelacker. Er gehörte zu seinem Gute, Jagtlust mit Namen. Durch Kanalanlagen war das Feld von drei Seiten her unzugänglich geworden und infolgedessen hatte der Eigentümer es seit einer Reihe von Jahren nicht mehr verpachtet. Es lag da, in die Hand der Natur zurückgegeben, was sie mit ihm machen wollte. Und sie schenkte ihm, was sie für solchen Acker hat, von dem der Mensch seine Hand zieht: Unkraut unter dem Himmel.

Ich erzähle die Umstände so genau, denn der Leser wird die Behauptung zu hören bekommen, es habe sich auf diesem Kartoffelacker, der brach lag wie in einem Gleichnis des Evangeliums, nichts Geringeres vollzogen als eine Art Akt der Weltschöpfung. Den Lehm, aus dem eine Welt geschaffen wird, möchte man doch aber genau kennen.

Noch wieder in nicht allzuweiter Entfernung von diesem Acker hatte Herr Six Gartenanlagen und darin ein kleines Zierbeet. Als Gartenpflanze war dort neben anderem bunten Volk auch die gelbe Nachtkerze Lamarcks gelegentlich angepflanzt worden. Ihr aber war, treu dem alten Nachtkerzen-Gelüst, das Beet bald zu klein geworden. Da lag ja, gerade von dieser Seite zugänglich, der leere Acker, eine Fläche von 5000 Quadratmetern. Also dehnte sie sich allgemach dort hinüber, setzte ihre Kinder und Kindeskinder ins freie Feld und trieb zwischen den Kanälen des Herrn Six im Kleinen, was ihre Schwestern im großen Stil einst mit ganz Europa gemacht hatten.