So lagen die Dinge im Sommer 1886.

Das Kulturbeet war selber eingegangen, kaum daß man seinen Fleck noch erkannte. Ringsum aber in das Feld hinein und da und dort schon tief in diesem drängte es sich in zierlichen Blattrosetten und hohen Stauden von verwildertem Oenotherenvolk. Im Juli und August flammten mit ihrem verwegenen Leuchtgelb zahllose Blüten auf. Und da geschah’s.

Just auf diesen Goldacker geriet nicht ein harmloser Spaziergänger, den bloß die gelben Blumen freuten, sondern ein Mann, der seit Jahren auf der Lauer lag, ja dessen Geist so zu sagen ein großes Klappnetz darstellte, bereit, beim geringsten Einschlag mit energischstem Ruck zusammenzuschlagen.

Wenige Minuten davon hatte sich für drei Sommer der Professor der Botanik zu Amsterdam, Hugo de Vries, einquartiert.

1886, — das waren nicht mehr die Zeiten Lamarcks.

Dazwischen lag jenes Kolumbus-Jahr der neueren Biologie: 1859, da Darwin auftrat. Was bei Lamarck ein Traum eines einzelnen gewesen war, das hatte Darwin den Zeitgenossen als höchstes wissenschaftliches Arbeitsziel beigebracht: die Suche nach dem Werden der Tier- und Pflanzenarten, das Studium der Wandlungen, Umgestaltungen, Entwickelungen im Bereich des Lebendigen. Inzwischen waren indessen wiederum fast dreißig Jahre hingezogen. Die Generation nach Darwin hielt den Meister hoch in Ehren, aber sie grübelte selber schon wieder ein Stück weiter, wie das ihr gutes Recht war. „Was du ererbt von Deinem Darwin hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ De Vries war in den wesentlichsten Punkten Darwinianer, wie sich das beinahe von selbst verstand. Er zweifelte keinen Augenblick mehr an einer Entwickelung des Lebendigen nach natürlichen Gesetzen und an einer Wandelbarkeit der Arten. Aber der alte Darwin hatte auch jene Sätze über das „Wie“ dieser Entwickelung und Wandlung gelehrt: — von Vererbung, Anpassung, Kampf ums Dasein, Variieren, Zuchtwahl und Verwandtem. Dieser alte Darwin hatte dabei nie verfehlt, diese seine engeren Ansichten als alles eher, denn ein Dogma hinzustellen. Er verstand unter dem „Darwinismus“ nichts mehr und nichts minder als ein schweres Arbeitsprogramm für die Zukunft.

Die Generation, zu der de Vries (geboren 1848) gehörte, fing an, das mehr und mehr wirklich als Ernst zu fühlen. Man hatte im ersten Feuer doch etwas viel nur für die äußerliche Ausmünzung der Ideen Darwins gewirkt. Jetzt besann man sich auf des Meisters innerste esoterische Kernlehre: daß ja die Hauptsache erst noch zu leisten sei durch unermüdliche harte Beobachterarbeit. Auch de Vries hatte sich sein Programm gemacht, wo er arbeiten wollte.

De Vries war Botaniker.

Darwin hatte gelehrt, daß auch bei den Pflanzen die „Art“ veränderlich sei. Neue Arten entwickelten sich aus schon vorhandenen, und so fort. Ungeheure Linien dieser Entwickelungen lagen zweifellos in der Vorwelt, der Geschichte. Sie konnten in ihrem eigentlichen Verlauf, als Vorgang, von uns nicht mehr beobachtet werden. Aber Darwin neigte dazu, daß die Naturgesetze der Vergangenheit keine anderen seien als die unserer sichtbaren Gegenwart, — ein Punkt, in dem er wohl sicher recht hatte. Dann aber wurde im höchsten Grade wahrscheinlich, daß die Entstehung neuer Arten noch weitergehen und auch bis zu uns heranreichen müsse.

Darwin zog denn auch, um die Sache aufzuhellen, ganz folgerichtig die Experimente unserer heutigen Gärtner und Tierzüchter heran, die, wenn nicht Arten, so doch mindestens Abarten herangezüchtet zu haben glaubten durch planmäßiges Ausnutzen kleiner natürlicher Veränderungen.