Dieser Weg führte ihn auf gewisse mögliche Gesetze der wirklichen Artentstehung in der Natur. Aber grade er schien ihm auch zu beweisen, daß der wahre Naturweg in diesen Dingen ein ganz unglaublich langsamer sei. Die winzige Zeitspanne, in der wir beobachten, schien viel zu kurz, um eine wahre Artentstehung, die Entwickelung einer neuen Pflanzenart aus einer andern ohne menschliche Nachhilfe, darin schon erleben zu können. Das war denn nun eine mißliche Zwickmühle. Die eine Beweisinstanz geriet in die unfaßbare Vergangenheit, die andere in die nebelblaue Zukunft. Dort waren wir nicht mehr dabei, und hier noch nicht.

Es gab hitzige Köpfe, die da behaupteten, an diesen Dingen hinge ein großes Stück Weltanschauung. Es war nicht gerade angenehm, von dem entscheidendsten Ding dann sagen zu müssen, es schwebe wie Mohammeds Sarg einstweilen zwischen Himmel und Erde.

Leute der jüngeren Generation, wie de Vries, begannen zu fragen, ob Darwin hier unbedingt Recht behalten solle, — nicht mit seiner Entwickelungsidee, sondern mit seiner Skepsis. Wenn es nun bei sorgsamster Tatsachenprüfung doch einmal glückte, die Natur bei der Arbeit zu belauschen, wie ihr das Meisterstück gelang, heute noch unter unsern kritischen Augen eine neue Art zu schaffen?

Gelang es, so mußte ja im „Wie“ der Artbildung einiges anders sein, als Darwin sich gedacht hatte. Aber darauf kam ja grade gar nichts an. Man arbeitete nicht an einem toten Monument für Darwins Einzelmeinungen, sondern man arbeitete an einem lebendigen Werk der Wahrheit, das sein Name als der eines vorbildlichen Wahrheitssuchers bloß eingeweiht.

In solchen Gedanken schweifte seit Jahren jetzt de Vries Auge über jeden Fleck Erde, wo Pflanzen bei einander standen.

Wie einst Goethe in Palermo den Blick wandern ließ, ob er nicht in irgend einem bunten Beet doch die „Urpflanze“ entdecken möchte, die das reine Urbild des Pflanzenwesens heute noch verkörpere, so suchte de Vries die Wandelpflanze, die Pflanze, die ihr Artbild durchbricht einem Neuwerden zu Liebe. Gab es sie, — gab es sie nicht, mochte er die Blüten fragen wie Gretchen ihr Blumenorakel nach Fausts Liebe befragt.

Er besuchte auch den Kartoffelacker von Hilversum.

Ein Botaniker bringt seinen sichern Blick in solches Unkraut-Paradies mit. Er sah den Zusammenhang, wie diese Nachtkerzen-Gesellschaft sich seit etwa zehn Jahren hier auf die Eroberung begeben. Solcher freie Einfall in unbenutztes gutes Terrain ist für eine Pflanzenart aber stets ein Ereignis. Unerhört war ihre Üppigkeit, ihre Individuen-Zahl in den wenigen Generationen gesteigert worden. Was eine Art konnte, mußte hier geleistet sein.

Nun weiß man seit Alters, in besonderem Maße aber seit Darwin, daß jede Pflanzenart, die man in vielen Individuen vergleichen kann, ein solches Können hat: das sogenannte Variieren.

Die Individuen zeigen in den feinen Einzelheiten ihres Baues kleine Schwankungen, kleine individuelle Abweichungen von einander. Man lege beispielsweise eine Anzahl Blätter der gleichen Art nebeneinander und man findet nicht zwei absolut gleiche. Bei genauerem Zusehen findet man sogar bestimmte Reihen, in die diese Variationen des vorgesetzten Grundschemas sich einordnen lassen. Man kann sie unter gewisse Schwankungsgesetze einordnen, wie das (unabhängig von Darwin) durch Quetelet geschehen ist.