Darwin selbst war der Ansicht, daß diese kleinen Varianten jeder Art von großer Bedeutung für die Entstehungsgeschichte ganz neuer Arten seien, grade darauf aber baute er auch seine Theorie auf, daß diese Entstehung unendlich langsam in weiten Zeiträumen, also uns unfaßbar, herankrieche.
Einerlei: wer immer nach Verwandlungsspuren suchte, mußte das Variieren als interessant beachten. Und diese Nachtkerzen-Kolonie in der Kraft ihres Könnens wies dem Besucher sogleich solche individuellen Varianten in verschwenderischer Pracht. Notwendig mußte es ihn fesseln. Er blieb eine Weile beim Studium der Kolonie. Schade nur, dreifach schade, daß mit allem Studieren dieses Variierens grade in Darwins Sinn so wenig für die Grundfrage herauskam! Ging die Artbildung diesen Weg, so war es eine ewige Zukunftsvertröstung für uns, keine sichere Erkenntnis. Wir sahen von der Artentstehung nicht mehr als ein Astronom in seinem Leben von der Wiederkehr eines Kometen sieht, der tausend Jahre braucht, um wieder in unsere Erdsicht zu kommen. Der Astronom konnte wenigstens die Ziffern fest errechnen. Wir hatten bloß schwache Vermutungen ohne festen Halt!
Indessen schon bald geschah etwas Wunderliches, etwas Unerwartetes.
Die Nachtkerzen-Art, die den gelben Blütenteppich des Ackers bildete, war von dem Botaniker zunächst ohne Skrupel und Mühe im Ganzen als die Lamarckiana bestimmt worden. Die kleinen Abweichungen der einzelnen Individuen galten ihm als selbstverständliche Varianten dieser einen guten Art. Aber in den Sommern 1886 und 1887 stellte er etwas fest, was hierzu nicht stimmte.
Beim sorgfältigen Durchprüfen aller vorhandenen Einzelnachtkerzen entdeckte er zwei andere Arten mitten dazwischen, beide scharf geschieden von der Nachtkerze Lamarcks.
Schon am 20. August 1886 fand er zwei Individuen, eines im dichtesten Wald der Lamarckskerzen, eines etwas davon entfernt, beide aber ausgezeichnet durch sehr viel kürzeren Griffel und kleinere Früchte, auch sonst in Einzelheiten durchaus absonderlich.
Im nächsten Sommer zeigten sich ihm an einer Stelle tief im Felde als pionierhaft vorgedrungene Nachtkerzen-Kolonie zehn Individuen einer zweiten Sonderart, die durch sehr viel schönere Belaubung, nämlich glattere Blätter und durch anders gestaltete schmälere, oben nicht herzförmig ausgebuchtete Blumenblätter abermals von der Lamarckskerze grundverschieden war.
Die Sachlage war auffällig über alle Maßen.
Die Individuen der beiden fremden Arten steckten so eingekeilt in der Kolonistenlinie der Lamarckier, daß schlechterdings nicht zu begreifen war, wie sie als „fremd“ hier hineingeraten sein sollten. Trotz ihrer Verschiedenheit saßen sie genau so da, als seien sie schlichte Abkömmlinge der Lamarcks-Gesellschaft selbst gleich allen andern des Feldes. Waren sie es nicht wirklich? Und waren sie dann nicht doch bloß gewöhnliche, nur etwas extreme Varianten der Lamarckskerzen?
De Vries trat dem gegenüber zwei feste Beweise an, beide in sich völlig gelungen.