Wenn die Nachtkerze auch im Garten unter Kontrolle eine neue Art zu erzeugen beliebte, so war jetzt erste Gelegenheit.
Und der Fall ließ in der Tat nicht auf sich warten.
Unter den fünfzehntausend Kerzchen von 88/89 waren genau zehn Stück, die nicht auf den Steckbrief der Lamarckskerze hören wollten.
Da standen zunächst fünf Individuen, die sich als „Zwerge“ gaben.
Trieb die echte Lamarckiana durchweg erst bei Meterhöhe Blüten, so sproßten sie diesen Zwergen schon bei zehn Zentimetern ihres Höhenwachstums. Dabei handelte es sich aber keineswegs um reine Miniaturausgaben im Sinne einfach schwacher Individuen, etwa wie auf so und so viel Menschen auch einmal ein Schwächling weit unter dem Normalmaß kommt. Gleich das erste Blättlein, mit dem die zierliche Rosette einsetzte, erschien schon anders als die Lamarcksblätter, breiter in der Basis, kürzer gestielt, kurz art-verschieden. Wiederum die Blüte, wenn sie kam, war selber gar nicht verkrüppelt, sondern im Verhältnis der Blätter ganz auffällig groß. Kurz: der Botaniker stand vor einer neuen Art. Und, wohlverstanden, vor einer Art, die diesmal nachweislich von echten Lamarcks-Eltern herstammte!
De Vries taufte sie ob ihrer Zwergenhaftigkeit die nanella.
Es erübrigte, sie auf ihre Artbeständigkeit in eigenen, weiteren Generationen zu prüfen, und auch das gelang. Samen der fünf Zwerge ergaben zwanzig neue Exemplare, die mit der höchsten Sorgfalt vor Vermischung mit echten Lamarckiern geschützt wurden. Es ist zur Abwehr solcher Vermischung ein besonderes Verfahren nötig, das erst einen rechten Begriff gibt, welche Arbeit überhaupt in solchen Versuchen steckt. Bekanntlich wird die Befruchtung bei den höheren Pflanzengruppen durchweg so vollzogen, daß männlicher Blütenstaub der einen Blüte auf den weiblichen Griffel einer anderen gebracht wird. Die Vermittler dieser Uebertragung sind bei den höchsten Gruppen (zu denen auch die Nachtkerze gehört) die ab- und zufliegenden Insekten, Bienen, Fliegen, Schmetterlinge, die auf ihrer Honigsuche ohne Willen hier den Staub einer Blüte sich aufpulvern lassen und dort, bei Einkehr in einer anderen, am rechten Fleck zurücklassen. Bei solcher Post wäre nun in unserm Falle nur zu leicht möglich, daß ein Insekt mit echtem Lamarckianastaub bepulvert in eine Nanellablüte kröche. Der Erfolg aber wäre eine Kreuzung der beiden Formen, die die Einsicht hemmte, ob die Nanella, allein gelassen, als echter Artanfang wieder reine Nanellae erzeugte anstatt Lamarckskindern. So mußte denn die Insektenpost hier vorsätzlich ausgeschaltet werden. Jedes Pflänzchen wurde, wenn es Blüten setzte, durch transparente Papierhütchen gegen anfliegende Gäste abgeschlossen, die nötige Befruchtung aber besorgte an Insektenstatt der Professor selbst und zwar stets so, daß er nur den Staub einer echten Nanella wieder auf eine Nanella brachte. Resultat war, daß aus den bewußten zwanzig Nanellae 2463 neue Keimpflanzen hervorgingen, die ausnahmslos Nanella-Zwerge waren. Das entschied.
Inzwischen waren aber die Wunder in den fünfzehntausend ursprünglichen Lamarcks-Abkömmlingen noch nicht zu Ende.
Dabei wuchsen nämlich nochmals genau fünf andere Exemplare, die auch ihren Sonderweg gingen.
Auch sie waren bereits im zweiten oder mindestens dritten Blättchen, das sie trieben, von den Lamarckiern streng unterscheidbar an der wunderbaren Breite und oberen Abrundung ihrer Blätter. Kamen sie ganz herauf, so erwies sich alles an ihnen entsprechend dick und geweitet.