„Dickköpfe“ wurden es, die jeder Laie schon auf den ersten Blick herauskannte. Lata, die Breite, taufte man also diese zweite Nachtkerzen-Art, die unter den Augen des unbestechlichen Beobachters sich aus der echten Lamarckskerze „entwickelt“ hatte.
Von allen bisher erkannten Neu-Arten wich sie am meisten von der Urform ab. Und schade nur, daß diesmal die Dauerhaftigkeit in weiteren Generationen nicht festzustellen war aus einem rein äußerlichen Grunde: diese (und alle später noch beobachteten) Individuen der Lata waren nur in ihren weiblichen Blütenteilen voll entwickelt, in den männlichen dagegen so verkümmert, daß eine Befruchtung mit echtem Lata-Staub unmöglich blieb.
Das Wirtschaften mit solchen Pflanzenkolonieen, die in die vielen Tausende hinein gehen, ist kein Kinderspiel. Trotzdem folgte de Vries zunächst unentwegt noch wieder einer Generation weiter. Er erzielte aus echtem Lamarckssamen der Fünfzehntausend von 88/89 eine Generation für 1890 und 91, die zehntausend gezählte und geprüfte Pflänzchen enthielt.
Unter diesen Zehntausend waren abermals drei Lata-Kerzen und drei Nanella-Kerzen!
Die Kraft, die zu erzeugen, bestand also bei den Lamarckiern auch jetzt noch fort.
Aber außerdem war diesmal ausgespart ein einziges Individuum dabei, das eine dritte Neu-Art darstellte!!
Diese Art war von hervorragender Schönheit. Sie wies rote Blattnerven und breite rote Streifen auf Kelch und Frucht. Die Blüte war größer und dunkler gelb. Ganz besonders auffällig aber war ihre Sprödigkeit. Stengel und Blätter zerbrachen bei jedem derberen Stoß. Schlug man von oben auf die blühende Pflanze, so zersprang „der Stengel förmlich in mehrere Stücke mit glatten Bruchflächen“. Den Grund bildete die sehr schwache Ausbildung der mikroskopischen Bastfasern, — ein interessanter Umstand als Beweis, wie tief bis in ihre feinste Struktur hinein diese Art von der echten Lamarckiana verschieden ist. Im übrigen war grade sie über allen Verdacht hinaus kräftig und fruchtbar.
Rubrinervis, die Rotnervige, nannte sie ihr Entdecker, und diese Rotnerven-Kerze gab in der Folge, als sie noch einmal und zahlreicher in einer Lamarckszucht „entstand“, aus acht Individuen Samen für tausend Nachkommen, von denen 999 echte Rotnerver waren, und nur ein einziges Exemplar die alte Lamarckierin.
Selbst dieser eine Rückschlag war höchstwahrscheinlich gar kein echter, sondern Ergebnis einer zufälligen Einschleppung in das Beobachtungsbeet. Denn eine weitere Samengeneration lieferte 1114 Pflanzen, die samt und sonders rote Blattnerven besaßen.
Leider wurden die Schwierigkeiten der Kultur jetzt so groß, daß für eine Weile das großartige Experiment ruhen mußte. Drei Jahre ruhten die Samen der Sommergeneration von 1891 unbenutzt und mit ihnen ruhte so lange das Schöpfungswunder von Amsterdam.