Er konnte an sie als gegebenes „Absolutes“ direkt in keiner Weise heran.

Aber er warf unablässig alle schlechten Mutationen wieder aus dem Spiel, einschließlich aller überbotenen Stammformen, und reichte einer besten oder einigen gleichberechtigt besten die Palme der Herrschaft.

Indem er ungeheure Ketten von Mißmutationen und wertlos gewordenen Stammformen wie welke Zweige beständig abschnitt, trennte er die überlebenden Sieg-Mutationen durch weite Räume voneinander.

Darum erscheinen uns im Dauerbilde die „Arten“ meist so getrennt, obwohl die Mutationen sich zunächst immer noch so verhältnismäßig nahe gestanden hatten, wie die Lamarckiana und ihre Zwergenkinder, Riesenkinder, Kurzgriffler, Rotnervchen und Glanzblättler.

Ganz scharf tritt in dieser „Mutationstheorie“ die Beziehung wie der Gegensatz hervor zu der engeren Darwinschen Lehre von den Bedingungen der Entwickelung.

De Vries nimmt den ganzen äußeren Besitz des Darwinismus vollzählig in sich auf, er umspannt ihn, wie jede gute neue Theorie alles Gute der älteren umspannen soll, anstatt künstliche Unterschiede zu schaffen.

Dem lauten Getriebe, das heute alle darwinistischen Grundtatsachen wieder aus der Welt reden möchte, steht ein so besonnener Kopf, der grade beim alten Darwin arbeiten gelernt hat, vollkommen fern.

Die fördernde oder hemmende Macht der äußeren Existenzbedingungen, in die die lebenden Wesen jedes für sich eintreten — der „Daseinskampf“, wie es Darwin nannte, ohne selbst in die Mißverständnisse überzulenken, die das vieldeutige Wort im Alltagsleben seitdem erfahren hat — sie bleibt in voller Wucht bestehen.

Wie sollte sie nicht?

Fällt doch jedes neue Pflänzchen auf dieser alten Erde nicht vom Blauen ins Blaue, sondern es tritt vom Tage seiner Entstehung an in ein ungeheures Netz bereits bestehender Verhältnisse, vor denen es sich ausweisen muß, ob es „lebensfähig“ ist. Wenn ein Fischlein im Wasser aus dem Ei kriecht und das Wasser rauscht um es her — und es hat plötzlich durch irgend eine individuelle Veranlagung keine Kiemen, so muß es augenblicks sterben, es ist untauglich zum Lebenskampf. Je besser dagegen seine Kiemen sind, desto flotter kann es das „Leben“, sein Leben in den gegebenen Bedingungen des Fischs im Wasser, aufnehmen. Die Logik dieses Gedankens ist eine immer wieder so schlichte, so schlechterdings zwingende, daß einer sich wirklich schon künstlich in den blinden Zweifel hineinreden muß, um das nicht mehr zu fassen. Wo immer in einer Tier- oder Pflanzenart individuelle Veränderungen auftreten, da muß diese logische Mühle weiter mahlen, da muß eine Selektion, eine Auslese des Besseren, vor den äußeren gegebenen Bedingungen Zweckmäßigeren, und eine Ausmerzung des Schlechteren stattfinden. Und das Resultat muß eine beständige Annäherung sein an eine immer bessere, eine beste „Anpassung“ der Gesamtmenge an diese Bedingungen, — also genau das, was wir in so ungezählten Beispielen wirklicher famosester Anpassung und Zweckdienlichkeit der Lebewesen allerorten auf Erden vor Augen sehen.