Damit ist der Kerngedanke aber der Darwinschen Zuchtwahltheorie immer und immer wieder gerettet als ein schlicht logisches Grundprinzip, um das wir außen und oben, auf der Kampffläche der Dinge, nicht herumkommen.

Was sich aber fragt und von Anfang an schon für alle ernsten Denker, vor allem Darwin selbst, gefragt hat, das ist: wie es sich mit jenen „individuellen Veränderungen“ selbst verhalte, also mit dem Korn, das die Daseinskampfmühle oder das Daseinskampfsieb, wie das Bild besser lautet, zu verarbeiten bekommt?

Die Darwinsche Schule, so will ich einmal etwas allgemeiner hier sagen, hat durchweg angenommen, daß für die große Entwickelungslinie wesentlich jene kleinen individuellen Varianten in Betracht kämen, die, wie erwähnt, ungefähr unter jene statistischen Schwankungsgesetze Quetelets fallen, — also im groben Bilde etwa, was bei uns Menschen sich als Unterschiede in der Nasenlänge oder so etwas Ähnlichem äußert.

Eine solche kleine Variante sollte gelegentlich schon ein kleines Plus im Daseinskampfe geben. Durch bessere Erhaltung auf Grund dieses Plus sollte dieser Daseinskampf sie so zu sagen mehr und mehr in Reinkultur herausarbeiten und allmählich so steigern, daß sie endlich unter die Dauermerkmale der ganzen Art geriet. Ein Komplex solcher endlich fest herangezüchteten Plus-Varianten mochte schließlich das ganze frühere Art-Bild so verwandeln, daß wir Systematiker die ausgelesene Varianten-Elite der Ur-Ur-Enkel gradezu für eine neue Art ansprachen. Und ein Hauptstützmittel dieser Auffassung waren eben die Erfahrungen unserer Gärtner und Tierzüchter, die mit großer Sicherheit behaupteten, genau in dieser Weise, durch stete Auslese der passenderen Varianten, völlig neue Dauerformen „erzeugt“ zu haben.

So die darwinistische offizielle Lehrmeinung.

Nun ist aber in hohem Grade bemerkenswert, daß Darwin selbst mindestens ursprünglich in diesem heikelsten Punkte gar kein extrem waschechter „Darwinianer“ war.

Er betonte, daß sich in der „Variation“ zwei Dinge zu verstecken schienen, zwei nicht ohne weiteres gleiche Dinge.

Erstens nämlich ein stetiges individuelles Wechselspiel von Plus und Minus im Sinne eben jenes Nasenbeispiels. Zweitens aber gewisse plötzliche, unvermittelte Abweichungen vom Grundschema der Art, Varianten, die nicht in die Linie Plus und Minus ausbogen, sondern so zu sagen in eine neue Dimension hinein, in etwas ganz abrupt Neues.

In der ersten hellsichtigen Genieschau durch das ganze neue Lichtfeld der Dinge sah das Darwin sehr gut.

Als er sich aber dann mehr in die praktischen Gärtner- und Tierzüchter-Versuche hineinarbeitete, vermischte sich ihm die Zweiheit.