Dort fielen die beiden Arten der Variation anscheinend für die Praxis so durcheinander und in eins, daß es unwichtig schien, die Trennung noch zu betonen.
Es folgte die Hochflut der Darwinschen Schule. Insbesondere Wallace trieb den Zuchtwahl-Gedanken aufs gedanklich Äußerste hinauf. Hier war von irgend einer Beachtung des feinen Unterschiedes gar keine Rede mehr. Die Variation war Eines nur und in diesem Einen war entscheidend ausgesprochen bloß die Plus- und Minusschwankung. Aus ihr wuchsen die neuen Arten.
Ist das doch selbstverständlich, meinte Wallace, wenn wir nur etwa ein so einfaches Beispiel anschauen wie unsere tausend Kulturspielarten aus der einzigen Ur-Art des wilden Apfelbaums. Dieser Apfelbaum hat nach Plus und Minus variiert und diese Varianten haben die Gärtner benutzt, um alle die prächtigen süßen Apfelsorten unserer Obstgärten allmählich herauszufixieren. Dabei sind die Äpfel aber keineswegs bloß süß geworden. Es sind so und so viel echte Apfelspielarten von recht verschiedenem Bau dabei herausgekommen, — ein Beweis, daß die ursprüngliche einfache Plus-Variante auch den Keim solcher Artbildung bot.
Und das schien wirklich schlagend. Eine ganze Generation beugte sich. Wer da oder dort zweifelte, der geriet in das Dilemma, ob er etwa mit dem ganzen Darwinismus brechen wollte ob seiner Ketzergedanken. So unzertrennbar fest schien diese Masche im großen Netz der Theorie zu stecken, daß man gradezu glaubte, sie trüge das Ganze und der große Entwickelungsgedanke müsse unten durchfallen, wenn man sie löse.
Nun, meint de Vries, die Entwickelungslehre als solche steht heute auf so breiten Füßen, daß man diese Skrupel wahrlich abtun kann. Eine neue Prüfung des Variationsproblems ändert da auch nicht ein Titelchen. Zumal wir eigentlich nur auf Darwins eigene erste Ideenlinie zurücklenken. Und so steht denn hier die Lamarcksche Nachtkerze mit ihren „Mutationen“ und wirft eine ganz neue Farbe ins Bild.
Sie besagt mit ihrer proteisch vielseitigen Person zunächst klipp und klar, daß es jene Doppelgestalt hinter dem einfachen Wörtchen „Variation“ wirklich gibt. Es gibt neben dem Variieren im Sinne von Hin- und Herpendeln der Plus- und Minus-Varianten auf der Art-Kante noch ein regelrechtes Umkippen in neue Art-Merkmale hinein, eine Sorte Variation, die eben mit besserem Wort als „Mutation“ von der gewöhnlichen geschieden wird.
Das aber geklärt, kommt nunmehr ein Vorstoß allerdings über Darwin hinaus und sogar gegen ihn.
Über diese Mutations-Varianten und nicht über die einfachen Schwankungs-Varianten läuft nach de Vries und ist immer gelaufen die wahre Neubildung von Arten. Alle Behauptungen und angeblichen Resultate der Gärtner und Tierzüchter, alle noch so sicheren Schlüsse und Thesen der hyperdarwinistischen Theoretiker sind falsch, so weit sie die Entstehung irgend einer neuen Art durch künstliche oder natürliche Weiterzüchtung einfacher Plus-Minus-Varianten behaupten.
Wo ein Ergebnis dieser Sorte durch Zuchtwahl mit „Varianten überhaupt“ zustande gekommen ist, da steckten eben Mutationen mit darunter, sie haben nachgeholfen ganz in der Stille und ein Gewinnlos in die an sich falsch gestellte Nietenlotterie eingeschmuggelt. Beispiel: eben die Wallacesche Geschichte der Gartenäpfel.
Die künstliche Gärtnerzuchtwahl konnte wohl aus sauren Wildäpfeln süße Kulturäpfel durch einfache Ausnutzung der kleinen Schwankungs-Varianten machen. Hier handelte es sich bloß um Steigerung einer Plus-Variante im Zuckergehalt bis auf ein extremes Maximum. Das ist genau der gleiche Erfolg wie bei dem allbekannten Beispiel der Zuckerrüben, über das die einwandfreieste Statistik vorliegt. Niemals wird so ein eigentlich konstanter Wert geschaffen. Läßt man die künstliche Auslese ruhen, läßt die süße Kulturform wieder verwildern, so sinkt sie binnen kurzem wieder auf den zuckerärmeren Urstand zurück, der Kulturapfel wird wieder Holzapfel, die Zuckerrübe in unserm Zuchtsinne verschwindet wieder von der Erde. Vollends aber niemals entsteht bei einfachem Zuchtprozeß auf diesem Wege der Variantennutzung eine feste neue Spielart, die sich nicht bloß in einem einseitigen Plusmerkmal von der Stammart unterschiede und darin in alle Nachkommenschaft hinein konstant bliebe. Nie ist es bei den Zuckerrüben passiert.