Aber doch bei den Äpfeln? Keineswegs auch da, sagt de Vries. Die wahre Tatsache ist in diesem Falle, daß schon der wilde Holzapfel eine gewaltig mutierende Pflanze war, die sich bereits wild in so und so viel Unterarten zerspalten hatte, in echte Mutations-Varianten also, die natürlich als solche konstant waren und das schönste Ur-Material bereits lieferten. Die Gärtner haben sie durch Ausnutzung ihrer jedesmal „auch“ vorhandenen Plus-Varianten des Zuckergehalts einzeln zu Kulturäpfeln umgeformt. Dabei sind die Spielarten als solche eben geblieben, — niemals aber sind sie erst bei dem Gärtnerprozeß der Versüßung, den alle parallel erlebten, selber „erzeugt“ worden.

Dieser Fall gibt nach de Vries gradezu den Schlüssel für alle jene Irrtumsquellen, wo Arten durch Steigerung der einfachen Variation gewonnen worden sein sollten. Immer war Mutation im Spiel, ungewollte, unberechenbare, einfach in den Schoß fallende Mutation als Akt des tiefsten Eigenlebens der Pflanze, — wenn die Sache gelang! Fehlte sie als Kräutchen Nießmitlust, so mochte die Pastete hundert Jahre schmoren, es gab keinen Erfolg.

Daher die Klagen der Gärtner, daß sie mit aller Variations-Nutzung keine blauen Georginen, großen weißen Kannablüten, hochgelben Hyazinthen „erzeugen“ konnten. Die stille Helferin Mutation warf eben diese Nummern bisher nicht ins Spiel. Daher der alte tiefsinnige Praktikersatz: „Die erste Bedingung, um eine Neuheit hervorzubringen, ist, sie bereits zu besitzen.“ Zu besitzen: das heißt, vom Glück so begünstigt zu werden, daß die Mutation, selber unbeherrschbar wie sie ist, sie einem grade ins Spiel setzt. Sonst hilft alle Zuchtwahl und alles Rübenglück nichts.

Wenn es aber mit der künstlichen, uns zugänglichen Züchtung so steht, dann wird es wohl mit der natürlichen, auf die wir ja nur von hierher schließen, ebenso sein.

Auch der freie Daseinskampf wird nur echte Neuheiten mit Dauerwert durch die Arbeit der Mutation seit alters zur Verfügung gehabt haben, von denen er dann die einen bestehen lassen, die andern, unpraktischen ausroden konnte.

Mit den Varianten der einfachen Sorte aber wird auch er nichts weiter haben anfangen können, als daß er diese oder jene eine Weile ins Extrem trieb; zog er die Hand von solchem Schützling, weil sich in seinen eigenen Bedingungen lokal etwas änderte, so fiel das sofort wieder ab, ohne daß je eine wirkliche innere Erneuerung damit angeregt gewesen wäre.

Es ist sehr wichtig, daß im Augenblick, da man bis hierher mitgeht, ein tatsächliches Sachverhältnis in der Tier- und Pflanzenwelt sich plötzlich ganz von selbst aufhellt.

So lange die Zuchtwahl-Theorie mit ihrer Anpassungs-Idee jetzt in der Welt ist, so lange ist auch von Freund, wie Gegner (am schärfsten wieder von Darwin selbst) erkannt und betont worden, daß ihr ein Zug im Bilde der Arten, wenn nicht direkt widerspricht, so doch zäh widerstrebt.

Die charakteristischen Eigenschaften der einzelnen Tier- und Pflanzenarten lassen sich in ungezählten Fällen in zwei scharfe Gruppen sondern.

Die einen fallen unter den Anpassungsbegriff.