Nun ist interessant, daß wir in der Welt der Tiere wie Pflanzen noch eine ganze Reihe Vorgänge haben, wo (tief unterhalb schon des Menschen) eine Art prästabilierter Harmonie zwischen äußerer Forderung und innerer Entwickelungsreaktion wirklich besteht, — nämlich in der Ontogenie, in der Bildung der Tiere und Pflanzen aus Ei und Keim.

Das Hühnchen im Ei entwickelt aus sich heraus Augen, mit denen es im Moment, da es die Eierschale bricht, sehen kann. Jenes Axolotl entwickelt nach innerem Gesetz sich zu bestimmter Zeit, wo es aufs Land soll, die zum Landleben nötigen Lungen. Es ist genau, als sei im werdenden Wesen, in Eizelle, Embryo, Larve, eine Uhrfeder so eingestellt, daß zur rechten Zeit grade das zur äußeren Forderung Zweckmäßigste ausgelöst wird. Im Moment, da das kleine Menschlein das Licht der Welt erblickt, sind seine Augen da, wirklich zu sehen, sind seine Lungen da, wirklich zu atmen. Der Schmetterling bildet sich in der Puppe schon zum Fliegen vor, was die Raupe nicht konnte. Und so ist der Beispiele Legion.

In all diesen Fällen aber fällt es keinem Naturforscher ein, diese ausgesprochen teleologischen Vorgänge als „Mystik außerhalb des naturwissenschaftlichen Denkens“ zu bezeichnen.

Man fühlt bloß das Bedürfnis, zur natürlichen General-Erklärung dieser wunderbaren „prästabilierten Harmonie“ hier noch eine besondere Hülfskette natürlicher Erklärungen hinzunehmen.

Den Schmetterling in der Puppe bildet individuell weder die zu durchfliegende Luft draußen, noch bildet ihn eine unfaßbare mystische Flugsehnsucht ohne Kausalzusammenhang. Sondern es waltet die Vererbung. Die Eltern haben schon die Flugfähigkeit erworben, einerlei jetzt wie, das ist Frage für sich. Dem neu werdenden jungen Schmetterling, ihrem Kinde, haben sie aber durch Vererbung das Uhrwerk so zu sagen schon in den Leib gesetzt, daß es auf die Flügelentwickelung genau losarbeite und rechtzeitig wie eine automatische Weckuhr vor dem „Zweck“ abschnurre.

So wunderbar fein die Sache also auch funktioniert: ein wahres „Wunder“ ist sie keineswegs. Kein vernünftiger Naturforscher bezweifelt, daß bei der „Vererbung“, so verwickelt sie auch sei, alles mit natürlichen Ursachen zugehe.

Jetzt setzen wir den Fall, solche Anzeichen prästabilierter Harmonie von Zweckforderung und Reaktion zeigten sich aber nicht bloß in der Ontogenie, sondern auch in dem bereits, was Haeckel die Phylogenie genannt hat, nämlich eben in der geschichtlichen Entwickelung der ganzen Tier- und Pflanzenarten.

Jede Mutation wäre stets eine zweckmäßige, und das arbeitete genau so wie das kleine teleologische Uhrwerk in der Schmetterlingspuppe. Es hätte für sein Teil die ersten Flügel der Schmetterlingsahnen schon ebenso für den „Zweck“ gebaut, wie heute die Vererbung in der Puppe sie wiederholt.

Der einfache Schluß müßte sein, daß auch das nicht „Mystik“ sei, sondern bloß auf etwas noch Früheres hinweise.

Auch hier schon waltete irgend eine Art Vererbung. Die ganze Phylogenie wäre selber schon etwas wie eine versteckte Ontogenie. Der Stammbaum mit all seinen Arten wäre eigentlich nur die große Auswickelung eines einzigen Individuums, das von dieser Ur-Vererbung als Zweckuhrwerk innerlich beherrscht würde, wie den Schmetterling in seiner Puppe seine Vererbung zweiten Grades beherrscht. Das Leben in den vielen Millionen Jahren seiner Erdgeschichte wäre bereits das Produkt einer ungeheuren Vorgeschichte, die in der ersten Urzelle als „Eizelle“ schon die ganze Zweckmäßigkeits-Uhr für alle folgenden Reaktionen aufgezogen hätte. Und in jeder Mutation sähen wir diese Uhr bloß laufen.