Ganz zweifellos sind auch jene Algen des Krakatau auf solchem Wege der Luftpost angesegelt. Das Wunder der „Urzeugung“, von dem wir so wenig wissen, brauchte sich auf der verbrannten Insel nicht neu einzustellen.

Rings lag ja die weite Erde üppig nach wie vor unter ihrer grünen Pflanzendecke. Mit dem Winde entsandte sie ihre mikroskopisch kleinen Boten. Der Botaniker Kerner von Marilaun hat vor Jahren einmal in einem Tiroler Gebirgstal eine Tafel mit feucht erhaltenem weißen Filtrierpapier dem Südwinde ausgesetzt: kaum ein paar Stunden waren herum und an der Tafel haftete schon ein buntes Stück solchen windgeführten Wanderlebens: Pollenzellen und Sporen von allerhand Pflanzen, aber immer dabei auch ausschwärmende Zellgruppen jener Nostoc-Algen.

Wie die künstliche Tafel, so diente aber auch der natürliche nackte Fels, den der Tropenregen netzte: reisenden Algen bot auch er Quartier.

Die Algen hatten dann mit ihrem Schleimüberzug wieder den Keimboden, den ersten Humus gleichsam geschaffen für höhere, bereits etwas anspruchsvollere Pflanzen.

Auch von denen reisten Sporen durch die Luft: die Sporen von Farnkräutern und Moosen. Sie landeten und gingen auf, wo die Algen das Bett bereitet. Elf Arten tropischer Farnkräuter beobachtete Treub bereits an den Abhängen der Vulkanruine.

Solches Farnkraut steht aber selber immer noch wieder tief unter den eigentlichen Samenpflanzen, den Phanerogamen, wie sie unsere Wälder und Wiesen in der Masse zusammensetzen. Es war, als wiederhole dieser kleine Fels im Südmeer noch einmal den uralten Heraufgang des pflanzlichen Lebens auf der Gesamterde, in dem auch der Farnwald sich an zweiter Stelle über den Algenteppich erhoben, um selber dann dem echten Nadelholz- und Laubwald und der bunten Blumenmatte als der endlichen Krone der Entwickelung zu weichen. Die Insel Krakatau stand aber bereits auch an der Schwelle dieses höchsten Zeitalters, wie Treub des weiteren feststellte.

Auch diese obersten Pflanzengeschlechter haben ja noch gar manche Möglichkeit zu Luftreisen. Bald ist der ganze befruchtete Samen auch bei ihnen noch so staubhaft winzig, daß er mitgeht gleich Alge und Farnspore. So glückt es besonders ohne Mühe den schönen farbenfrohen Orchideen. Bald aber auch hat das Früchtlein allerhand Anhängsel, wie Flügel, Ruder und Luftschrauben, ich erinnere bloß an die allbekannten lustigen Luftschifflein des Ahorns. So sammelte unser Botaniker im Innern des Inselchens zwei Grasarten und vier Arten jener formenreichsten heutigen Pflanzenfamilie, die zusammengesetzte Blüten trägt, der Kompositen. Auch für ihre leichten, flugfähigen Samen war der Wind sicherlich noch Postillon gewesen.

Endlich aber wuchsen am Strande auch noch neun unterschiedliche Sorten Strandpflanzen, für die es am wahrscheinlichsten war, daß die Welle sie heranverfrachtet.

Das ist ja auch ein im oberen Pflanzenleben öfter benutzter Transportweg. Es ist dazu nur nötig, daß die Frucht ihre Keimfähigkeit im Salzwasser behält und daß sie schwimmen kann. Von manchen Samen hat man sicher beobachtet, daß sie über ein Jahr im Meerwasser liegen können, ohne ihre Keimkraft zu verlieren. Ein Muster von Schwimmfähigkeit bietet beispielsweise die Kokosnuß, die durch ein luftgefülltes Faserhemd und einen für Wasser unzugänglichen Fettpanzer wie in einen Schwimmgürtel eingeschnallt ist; ohne Mühe reist sie denn auch von Strand zu Strand und trägt ihr Paradies in den kahlsten Tropenwinkel. Die ganze Strandflora des Krakatau war entsprechend in den drei Jahren angeschwommen, von Meeresströmungen herangelotst und von der Welle dann als Spülicht abgesetzt wie Muscheln und Tange.

Nach dieser ersten Sondierung vergingen mehr als zehn Jahre.