Die Dampfsäule schoß dreißig Kilometer hoch empor.

Eine Sturzwelle, wie die Phantasie sie für die Sintflut sich ausmalt, bis zu sechsunddreißig Meter hoch, verwüstete die nahen Küsten von Java und Sumatra und kostete vierzigtausend Menschen das Leben.

Das Gebrüll der Katastrophe hörte man bis Ceylon, bis zu den Philippinen, bis Perth in Australien, also so weit, wie es etwa von Berlin bis Kairo ist.

Zehn Stunden nach der Explosion fingen selbst in Berlin die automatisch registrierenden Barometer an, unruhig zu werden: es war die Luftwelle, die über Ostindien kam; sechzehn Stunden später folgte die zweite auf dem längeren Wege über Amerika; so schlug der Stoß um die ganze Erdkugel. Die aufgeschleuderten Aschenteilchen aber haben noch Jahre lang als erhöhte Dämmerglut und leuchtende Nachtwolken auch in unseren Landen die Forscher beschäftigt.

In diesem Sommer wurden es zwanzig Jahre seit diesem Tage der Schrecken für eine paradiesisch schöne Gegend. Das Paradies hat sich wieder hergestellt, so gut es konnte, — in der tropischen Üppigkeit wurde es ja nicht allzu schwer. Nur auf der See schaukeln da und dort noch treibende Bimssteinfelder. Und aus der blauen Sunda-Straße ragt als düstere Ruine das letzte Stück Kesselwand, der bis ins Herz zerborstene Vulkan. Aber auch auf diese Ruine hat die schaffende Natur leise schon wieder ihre Hand gelegt mit neuem Leben.

Die Insel Krakatau war bis zum Tage ihrer Explosion dreiunddreißig Quadratkilometer groß. Diesen Raum bedeckte dichter Wald in vollkommener Tropen-Üppigkeit. Als sich der furchtbare Qualm später verzogen hatte, stand von der ganzen Insel nur noch die Südhälfte des Vulkanpiks. Mehr als die Hälfte des Landes war verschwunden, und es wäre noch mehr fort gewesen, hätten nicht die vulkanischen Massen selbst sich wieder angelagert; hatte der Vulkan doch nachweisbar allein mindestens 18 Kubikkilometer Asche und Bimsstein gespieen. Was stand, war aber in diesem Moment ausnahmslos und bis aufs letzte Hälmchen gründlich nackte Schlacke, ohne Pflanzenwuchs, ohne Tierwelt. Ein soeben aus seiner Urglut erstarrter Planet konnte nicht radikaler vom Leben frei, gleichsam kosmisch sterilisiert sein.

In den zwanzig Jahren seither aber sind zweimal Botaniker auf den Ruinenpik geklettert. Und ihnen ist vergönnt gewesen, etwas zu beobachten, was in dieser Reinheit des Exempels wohl noch nie zeitlich genau von kundigen Menschenaugen verfolgt worden ist: die stufenweise Neueroberung einer einsamen irdischen Brandstätte im Ozean durch Flora auf ihrer Wanderschaft.

Drei Jahre nach der Katastrophe, im Juni 1886, besuchte der hochverdiente Direktor des prachtvollen botanischen Gartens zu Buitenzorg (Batavia), Melchior Treub (sprich: Tröb), die Insel.

Er traf den Prozeß der Neubesiedelung durch Pflanzen bereits in vollem Gange. Zunächst machte sich auf der vulkanischen Zerstörungsdecke aus Asche, Lava und Bimsstein eine schwarzgrüne, gallertartige Schicht „Leben“ bemerkbar: Genossenschaften von (einzeln mikroskopisch winzigen) Algen. Sie waren zweifellos der Urstamm der Pioniere. Sechs Arten ließen sich unterscheiden, alle aus der Gruppe der Cyanophyceen. Die Cyanophyceen oder Schizophyceen, zu deutsch Blaualgen oder Spaltalgen, gehören jener alleruntersten, allereinfachsten Reihe pflanzenähnlicher Urwesen an, zu denen auch die vielbesagten Bakterien oder Bazillen gerechnet werden. Im Engeren gehört dazu das wunderliche Volk der sogenannten Nostoc-Algen, die es in ihrer gemeinsten Sorte bei uns bis zu handgroßen, hirnartig verfalteten Gallertbrocken bringen, wenn die nötige Feuchtigkeit sie trifft; gerät solcher Nostocteller umgekehrt in eine ganz trockene Jahreszeit, so schmilzt er fast zur Unsichtbarkeit ein, unbeschadet doch seiner fröhlichsten Lebenszähigkeit. Auch jene allbekannte Erscheinung unserer Seen, die „Wasserblüte“, ein plötzliches Trüb- und Grünwerden des Wassers, beruht auf einer jähen grenzenlosen Vermehrung solcher Spaltalgen.

All dieses niedrigste Pflanzenvolk weiß sich nun zum Zweck der Ausbreitung aufs Wunderbarste zu „verflüchtigen“. Wir kennen das ja von den Bakterien, den allgegenwärtigen, besser als uns lieb ist. Als trockene Keime (Sporen) reisen sie mit jedem Luftzug dahin, über Berg und Tal, Eis und Wasser, — Herren der Erde, die keine räumliche Schranke anerkennen.