In der Zeitziffer, die wir hier noch vor uns haben, ist geschichtlich hinter uns die ganze Lebensentwickelung auf der Erde emporgestiegen vom einzelligen Schleimklümpchen einer Amöbe oder eines Bakteriums bis zum Menschen mit seiner Kultur von heute. Nehmen wir an, die Entwickelung steigt auch über uns von heute ohne inneres Hemmnis genau so weiter, so lange die Sonnenheizung noch bleibt, also nochmals über hundert Millionen Jahre lang. Dann würden wir erwarten müssen, daß am Ende dieser Millionenziffer ein Wesen auf der Erde vorhanden ist, das so hoch über den Menschen von heute hinausentwickelt ist, wie dieser Mensch über jenes einzellige Urwesen. Es wird sogar tatsächlich noch sehr viel weiter sein; denn die große Lebensentwickelung auf ihrer an Organ und Instinkt gebundenen älteren Stufe ist, getrieben nach Darwins Schule von der äußerst umständlichen natürlichen Zuchtwahl, ganz unverhältnismäßig viel langsamer vom Fleck gegangen als unsere menschliche Kulturgeschichte, mit deren Eilschritt die kommende Steigerung gleich einsetzte; doch einerlei.

Was das aber dann für ein »Wesen« sein soll, davon können wir unmöglich eine sichere Vorstellung haben. Etwas ganz unvergleichlich anderes als wir müßte es eben sein. Kein Mensch. Wir würden uns nicht darin wiedererkennen. Vielleicht sähen wir es überhaupt nicht, wie die Amöbe mit ihrem geringen Licht- und Dunkelempfinden, das ihr augenloser Leib bloß besitzt, uns nicht unterscheiden kann. Wir können uns schönere, edlere, reichere Menschen denken als uns, um sie schwebt unsere Phantasie, wenn wir an die Zukunft der Menschheit denken, an sie glauben wir, wenn wir um Besserung und Sittigung in ermattender Arbeit uns selber dahin geben. Aber das alles wären noch Menschen. Was zu Mensch ist, wie Mensch zur Amöbe, das liegt nicht mehr in der verklärenden Sonne dieser Phantasie, es wandelt ganz einsam fern in der Sternennacht des Unausdenkbaren. Und so ist unsere Vision der armen erfrierenden Menschenseelen hier recht eigentlich erledigt. Grade wenn die Entwickelung weiter steigt, so ist an jenem Tage der Sternenrechnung das, was wir Menschheit nennen, seit undenklichen Zeiten überhaupt nicht mehr dabei. Unser banges Kältebild hat etwas von dem Ausspruch, den in naivem Kinderglauben mein kleiner Junge einmal tat. Wenn ich groß bin, sagte er, baue ich mir ein schönes Schloß; darin ist aber auch ein Zimmerchen, da kann mein Schwesterchen sitzen (es war ein Jahr gerade jünger wie er) und mit ihren Püppchen spielen. Er wurde groß, und das Schwesterchen blieb klein und spielte mit ihren Püppchen. Nein, wenn die Sonne da oben so alt ist, spielt das Menschenkind hier unten nicht mehr mit seinen Püppchen. Es ist selber längst eingewachsen in eine ganz andere Welt. Eingegangen, still vergangen ist es zu seiner Entwicklungsstunde in ihr, wie das Kind in jedem von uns einmal gestorben ist, auch wenn wir leben. Die Menschheit hat in jenen Tagen längst ihr Werk getan, sie hat gelitten und gebüßt, ausgerungen und ehrlich zu Ende gekämpft. Sie hat sich tapfer zu ihrer Zeit weitergearbeitet, hat neue Entwicklungen eingeleitet, hat ihren Einsatz mit ins Spiel gegeben. Dann aber ist sie selbst still zurückgetreten, verklungen in der großen Melodie, verweht als alte Puppenwiege tief, tief unten, die der Schmetterling verlassen hat. Als Amöbe wiederum eines unendlichen Stammbaums. Von den Gefühlen, den Schauern oder Erhebungen, mit denen jenes Wesen dann, an jenem Tage, wo die alte große Wundersonne da droben wirklich auszuglühen beginnt (falls sich nicht doch in ihr noch wieder eine ganz neue, uns unbekannte Regulierung bis dahin gefunden hat), auf der Erde steht, erleben, erfahren wir nichts.

Ob es darum notwendig dort die Schauer eines erfrierenden Schmetterlings sein müssen? Hier wandert der freie Traum, – aber durch seine schwebenden und webenden Farbenkreise, die keine greifbaren Bilder mehr enthalten können, geht doch noch immer ein tiefer Klang: Entwickelung. Und noch einer: Intelligenz; weitere Richtung auf Intelligenz. Und noch einer: Leben, sich behauptendes Leben, Anpassung, Selbstregulierung, Erdherrschaft, Naturherrschaft. Wie der Wandrer im Gebirge bisweilen seine kleine Gestalt riesenhaft als Schatten vergrößert, als Brockengespenst, durch die Wolken schreiten sieht, so mag unser blauer Traum einen Augenblick doch noch ein ungeheures Gespensterwesen hier ahnen, das Ernst gemacht hätte mit allen winzigen Ansätzen unserer Technik. Sollen wir uns denken, daß seine Erdherrschaft vollkommen wurde, daß der Sternenblick, der uns vom Tier scheidet, selber sich bei ihm zu Technik ausgewachsen haben könnte, die an Sternenherrschaft rührt? Mit den befreiten Stoffen des Innern würde von ihm die Erde erhellt und gewärmt. Oder andere, sonnennähere Planeten würden bewohnt. Die Sonne selbst, nachdem sie erloschen. Andere kosmische Intelligenzstufen vereinigten sich. Der Fortgang des blauen Traumes hängt davon ab, wie man sich die große kosmische Entwickelung überhaupt denken will. Träumen wir immerhin noch einen weiteren Augenblick.

Wir sehen die Möglichkeit von Leben und Intelligenzentwicklung schon heute gebunden an wahre Wunderwerke bereits himmlischer Systeme, Bewegungsbalancen der Gestirne bis zu unserer Erde herab, die weite Zeiträume ungestörter Entfaltung gewährten und gewähren. Sie mögen selber bereits das Ergebnis unendlicher Entwickelungen, unendlicher himmlischer Auslesen von chaotischeren zu harmonischeren Bewegungen sein, – nun aber sind sie offenbar längst zu einer solchen Harmonie gediehen, daß die Entwickelung sich in ihrer Hut und Garantie wunderbar verinnerlichen, vertiefen, nochmals unendlich viel verwickeltere Systeme von innerer Harmonie und Dauermöglichkeit schaffen konnte: Leben, belebte Zellen, höhere Zellwesen, endlich Intelligenzwesen immer reicherer Art. Es wäre denkbar, daß das vorhandene Gleichgewicht des Weltalls schon jetzt bis in alle Fernen genügte, vielleicht mit geringen Schlußverbesserungen genügte, um einer Intelligenz, die sich kosmisch erweitert hätte, dauernde Gewähr von sich aus zu bieten, – ihr einen genügend geordneten kosmischen Körper gleichsam zu bieten, daß sie immer weiter fort ihren Weg der innerlichen Vertiefung und wachsenden allgemeinen Vergeistigung darin gehen könnte. Immerhin hätte diese kosmisch freie Intelligenz sich doch wohl auch so noch mit einer weiteren ungeheuren Frage der Welttechnik auseinanderzusetzen. Inmitten der harmonischen Bewegungen sänke eben doch die Wärme der himmlischen Einzelkörper zuletzt überall und der gesamte Zustand des Systems ginge, sich selbst überlassen, auf jenen allgemeinen Wärmeausgleich los, der endlich alle Leistung lähmen müßte und den unsere Physik schon heute gern als das Schlußgespenst aller Weltarbeit in ihrer sogenannten Zunahme der Entropie an die Wand malt. Man müßte also (immer im Traum) annehmen, daß die sich behauptende und weiterentwickelnde Intelligenz auf ihrer Höhe des Umfassens und Genießens aller Sternenmöglichkeiten und nachdem sie alle gespeicherten Kraftschätze erlöst und ausgespielt, schließlich von ihrem Prinzip der Umkehrung der Naturvorgänge aus auch eine umschaltende kosmische Regulierung gegen diesen Wärmetod, dieses physikalische Nirwana, aus eigener Einsicht fände. Wenn nicht etwa auch das schon rein automatisch in unserm gegebenen Weltsystem längst geregelt wäre, – in einer Form, der sich die kosmische Intelligenz abermals bloß anzugliedern brauchte!

Vielleicht hat Arrhenius in seiner gewaltigen Vision der Weltphysik hier schon einen hellen Gedanken gehabt. Nach ihm wäre dazu nur nötig, daß die Sternenbahnen eben nicht in alle Ewigkeit bloß harmonisch im Sinne niemals mehr gekreuzter Bahnen blieben. Sondern es müßte das Spiel grade so in seiner tiefsten Melodie geregelt sein, daß in allerdings ganz unermeßlichen, auf Billiarden anzusetzenden Zeiträumen doch die erkalteten Sonnen zu je zweien in scheinbarer Dissonanz wieder aufeinanderstießen und sich zu Nebelflecken verflüchtigten, aus denen dann abermals neue glühende Sonnen wieder als reiner Klang hervorstiegen. In diesem Wechselspiel erledigte sich jedesmal auf der Stufe des Übergangs von Nebelfleck zu Sonne einzeln der falsche Ton, der zur Entropie hätte führen müssen: eine kosmische Selbstregulierung drehte Stück für Stück den Naturverlauf selber um und brächte alle Schwungräder der Weltarbeit neu in Kraft. Und so überstände die Sphärenharmonie auch diesen dunkeln Punkt.

Man könnte sich denken, daß wirklich auch diese Regelung schon mit zu der überkommenen Ordnung des kosmischen Weltkunstwerks gehörte, als die Intelligenz entstand. Und daß diese Intelligenz sich auch ihr nur anzupassen brauchte durch rechtzeitigen Wechsel des Orts im Raum, wenn für einen Weltkörper die große Dissonanz des Übergangs zu ertönen begönne, seine läuternde Katastrophe sich nahte, – durch Auswandern auf einen andern, der schon frisch wieder geläutert schwebte und auf unermeßliche Zeiten den harmonischen Frieden böte. Arrhenius selbst hat an wanderndes Leben so von Stern zu Stern gedacht, das immer wieder die gefährdeten Augenblicke des Zurückdrehens der Räder mit ihren Zusammenstößen glücklich überstände. Ihm haben Bakteriensporen (also winzigste Einzeller-Leben), die der Lichtdruck kosmisch vertreibt, diese glückliche Gabe, den Stürmen des Entropiewechsels ewig zu entrinnen und sich immer wieder der Melodie des Ganzen zu erfreuen. Es würde aber wenig verschlagen, das, was hier dem Bakterium in blinder Fahrt zugeschrieben wird, auch umgekehrt der Stufe einer sehr vorgeschrittenen, weit übermenschlichen Intelligenz als technische Bewußtseinstat zuzugestehen. Dabei würde man allerdings wohl dem Weltbilde des Arrhenius noch eine wesentliche Gedankenvertiefung hinzufügen müssen, die unserem Vergangenheits- wie Zukunftsdenken aber grade die mehr zusagende ist. Arrhenius geht auf keine wahre Entwickelung ein. Seine so schön regulierte und immer wieder auch von kosmisch wandernden Zellen neu belebte Welt ist ein himmlisches Perpetuum mobile, immer mit den gleichen Umkehrbahnen, und starr ist in ihm auch das Leben – der Bakterienkeim ist ewig, aber sein Fortgang zur Intelligenz nur eine belanglose Episode, wie diese Intelligenz selbst. Die Frage bleibt, woher dieses kosmische Wunder? Man wird doch eher wieder annehmen, daß es sich selber erst in unendlichen Urauslesen auch zu dieser Melodie entwickelt habe. Vielleicht hat es auf lange ringenden Stufen zuerst wirklich bloß das Leben selbst in seiner noch denkbar einfachsten Form geschaffen, dieses wunderbar noch einmal vertiefte, verinnerlichte System im System, – hat es einzelne bakterische Zellen zunächst geschaffen, die dann vielleicht wirklich mehrfach erst als solche durch die Regulierungen kamen. Bis zuletzt aber eine so lange Dauerstufe erreicht war, daß nun dieses Zelleben selber wieder weiter konnte und aus sich bis zu Intelligenz stieg. Worauf diese Intelligenz auf unendlich hoher technischer Stufe fortan nun selber wieder eine unzerstörbare Macht blieb, die sich auch über alle diese Melodien und Regelungen der Himmelswelt als ihrem freien Unterreich auftat, um nun die große, im Leben zum erstenmal angebahnte Verinnerlichung und Vergeistigung der Entwicklung von sich aus abermals weiter und weiter zu treiben in immer gesteigertes Licht …


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