Der einfachste Fall ist natürlich der, daß eine Art einfach deswegen verschwunden ist, weil sie sich in eine andere hineinentwickelt hatte; das werden wir auch beim Menschen im Sinne des früher Gesagten später sogar einmal erwarten und jedenfalls nicht fürchten. Was aber alle gefährlicheren, wirklich abschneidenden Ursachen betrifft, wie eine Art in solchen Fällen beseitigt sein könnte, so wird man sogleich den Eindruck bekommen, daß keine einzige auch nur mit einiger Sicherheit noch auf die Zukunft des Menschen angewendet werden könnte. Die Überlegenheit dieses Menschen tritt hier eben schon in überwältigender Deutlichkeit hervor. Jene Riesenalke, Dronten, Borkentiere (also ein flugunfähiger Schwimmvogel der nordischen Küsten, eine ebensolche Riesentaube von Mauritius und eine Seekuh des Meeres bei Kamtschatka) sind vom Menschen als dem überlegenen Wesen gewaltsam vertilgt, zum Teil buchstäblich aufgegessen worden bis auf den letzten Kopf, und solche Vernichtungen einer Art durch eine überlegene im »Kampf ums Dasein« hat zweifellos von jeher einen Hauptteil des »Aussterbens« bedingt. Man wird aber doch nicht leicht glauben wollen, daß irgendeine Tier- oder Pflanzenart der Erde (und rückten sie selbst alle zugleich vor) den Kulturmenschen noch einmal zur Strecke bringen könnten. Der Bischof Hatto, den die Mäuse fressen, oder die Abderiten, die griechischen Schildbürger, die flüchten müssen, weil die Frösche ihnen auf den Kopf steigen, sind Scherzbilder. Die großen Diluvialtiere haben schon den Höhlenmenschen, der keine Metallwaffen kannte, nicht mehr untergekriegt, Tiger und Schlangen den nackten Wilden nicht, und wenn heute etwas zusammenbricht, so ist es die Tierwelt am Menschen, aber nicht umgekehrt. Vielleicht ist nur ein einziger ernst zu nehmender Feind noch in Protozoen und Bakterien, die uns mit Malaria, Pest und ähnlichen guten Sachen beglücken. Vor ein- oder zweihundert Jahren hätte man noch denken mögen, unser Geschlecht könnte einmal an Pest oder Cholera aussterben, obwohl es schon damals eine Übertreibung war, denn auch die schlimmsten Seuchen von früher haben sich stets nach einer gewissen Wirkung sozusagen von selbst ausgelöscht; heute aber ist unsere Medizin bereits bei so zielbewußtem Gegenangriff auch hier, daß über den Ausgang keinem Einsichtigen mehr eine Frage bestehen kann. Eine andere sehr allgemeine Ursache des Aussterbens war sicherlich zu weitgehende Einzelspezialisierung. Das trifft schon vielfach auf den ersten Fall mit zu. Die Dronte, die sich zu einseitig (z. B. durch Flügelverlust) an die Verhältnisse ihrer bequemen Insel angepaßt hatte, ging unter, als von fern übers Meer ein großes Raubtier (die holländischen Matrosen, die sie massenhaft abschlachteten) kam. Ein Geschöpf, das sich ganz eng mit seinen Organen bloß auf eine Ernährungsart, eine Lebensweise eingestellt hat, muß aber immer besonders leicht bedroht sein, sowie sich im geringsten im Naturhaushalt etwas ändert, auch wenn es sich nicht um einen eigentlichen Feind handelt. Einigermaßen hat die ganze Tierwelt mit ihrer erwähnten einseitigen Organzerspaltung sich hier in die Sackgasse gebracht. Fast alle sind sie Spezialisten, unsere Tierarten, und alle bedroht der rasche Wechsel. Der Mensch aber ist ja mit seiner Technik grade das Universalgenie, das alles zugleich kann, er ist in jedem Sattel gerecht und wird als Gesamtart unmöglich je am Spezialismus zugrunde gehen im Sinne einseitiger Wasser- oder Luft- oder Wärmetiere, einseitiger Grab- oder Lauf- oder Klettergeschöpfe. Ein Fall, über den man auch bei ihm vielleicht noch nachdenken könnte, betrifft das Schmarotzertum. Es ist von je offensichtlich eine besonders gefährliche Form des äußersten Spezialistentums gewesen. Ein Tier gewöhnte sich, ein anderes lebenslang auszunutzen, zu bewohnen, und es war dann in der Regel mit verloren, wenn sein Gastgeber aus irgend einem der andern Gründe ausstarb. So lebt z. B. ein Käfer (Platypsyllus castoris) nach Flohart nur im Pelz des Bibers; heute stirbt der Biber infolge menschlicher Verfolgung aus, und der ungebetene Gast muß mit. Nun, der Mensch ist in einem Punkt auch noch Schmarotzer. Gleich allen andern Tieren schmarotzt er an der Pflanze. Ohne sie könnte er trotz aller seiner Kultur noch heute nicht leben, und Untergang aller Pflanzen wäre auch seiner. Eine gewisse Hoffnung besteht ja, daß uns auch davon einmal die Chemie befreien könnte, die uns die Pflanzenarbeit künstlich ersetzte. Inzwischen ist aber auch so schon an dieser Stelle von einer Gefahr keine Rede. Grade die Pflanze ist stärker als irgend etwas in unserer Hand. Wir haben sie längst »kultiviert«, in eine Art Ertragsmaschine für unsern Zweck verwandelt. Wir bestimmen das Pflanzenbild der Kulturländer, wir füttern die Pflanze durch Bodendüngung, wir veredeln ihre Rassen, wir kämpfen gegen ihre Krankheiten, machen sie immun, verteidigen sie gegen das Klima. Wir sorgen nicht mehr, daß sie uns aussterben könnte: wir schaffen längst, daß sie nicht aussterben kann. Und dabei sind wir sogar noch immer bisher nur in den Anfängen gewesen. Man muß eine unserer biologischen Versuchsanstalten von heute besuchen, um zu ahnen, was der Mensch bewußt zum Ziel für sich noch alles aus dieser geduldigen Naturecke herauszüchten wird; die Hauptlast unserer ganzen »sozialen Frage« wird er uns hier noch einmal hinwegzüchten, anstatt daß hier eine Hungersgefahr für ihn läge.
Und so läuft, wo man an diese »Gefahren« herangeht, immer wieder alles zum Triumph des Menschen aus. Gelegentlich scheint es (wir erwähnten schon ein Beispiel), daß Tierarten bedroht worden sind, weil jenes auf rhythmisch-ornamentale Gebilde (»Kunstformen« der Körperbildung) ausgehende Prinzip in Kampfpausen zu sehr das Nutzprinzip überwog, den Tieren allerlei Schmuck anhängte von sich aus, der nachher, bei wieder stärkerem Kampf, störte und unterliegen ließ gegen bessere Schutz- und Trutzausnutzung bei andern. Ins Menschliche gebracht, wäre das, wie wenn ein Volk über lauter Kunst und Schönheit seine Wehrkraft vernachlässigte. Im rechten Volk muß eben beides in richtiger Harmonie sein, denn wenn die Wehr nicht ist, geht im gegebenen Fall alles zugrunde und damit auch die Kunst. Und in der letzten Entscheidung, wenn alles daran zu setzen ist, muß sogar die Kunst immer zurücktreten gegen die Daseinsbehauptung; wenn es um die heilige Not eines Volkes geht, kann keine Kathedrale mehr darüber gehen. Auch an diesem Dilemma wird aber der gesunde Sinn der Menschheit nicht sterben, es ist nur eine Frage der dauernden richtigen Arbeitsteilung in unserm Kulturleben.
Erwähnenswert könnte noch die Frage der Inzucht sein. Man meint, daß lebende Wesen degenerieren und absterben, wenn sie zu gleichartig werden, immer untereinander im Engsten kreuzen ohne Blutauffrischung So gehen abgeschlossene Tierherden in zoologischen Gärten oder die gehegten Tierreste unserer Elche und Wisente in ihren Asylen, vielleicht auch Inseltiere, anscheinend allmählich herunter. Und so hat man gesagt: wenn der Mensch einmal die ganze Erde als sozusagen uniformer Kulturmensch bewohnt, wird er an Gedanken-Inzucht zugrunde gehen und schließlich auch an körperlicher, es wird kein juveniler, auffrischender Einfluß mehr für ihn übrig sein auf seiner Erdeninsel. Ich gestehe, daß mir zunächst die reinen Tatsachen der körperlichen Inzucht und ihrer Folgen immer unklarer geworden sind. Man muß da erst noch neuere biologische Experimente in ihren endgültigen Ergebnissen abwarten. Vielleicht handelt es sich nur um Störungen, die gegebenenfalls leicht auszumerzen wären, wenn unsere Biologie erst einmal die Gesetze mehr beherrscht.
Andererseits hat aber jede Anwendung auf die Menschheitszukunft überhaupt gute Weile. Anstatt zu nivellieren, führt alles, was wir bis jetzt am Kulturmenschen sehen, zu immer stärkerer Ausbildung der einzelnen Persönlichkeit. Je tüchtiger ein Volk ist, desto entschiedener ist unbeschadet allem Volks- und Kulturbewußtsein die Ausbildung der einzelnen Individualitäten. Der Kosmopolitismus kann daran nichts ändern, im Gegenteil bringt er immer neue Wurzeln von Gegensätzen hinzu. Das verschiedene physische »Milieu« der Erde in Zone, Höhe, Erdteil usw. wird keine Kultur an sich je verwischen. Von ihm aber sind schon in der Bildung der Pflanzen und Tiere von je Gegensätze immer wieder geschaffen worden, nicht bloß grob verschiedene Anpassungen, sondern schon landstrich-, stromtal-, gebirgsweise weit darüber hinaus unendlich feine verwickelte Milieu-Abhängigkeiten, deren noch sehr geheimnisvollen Gesetzen von den Biologen heute besonders eifrig nachgeforscht wird. Diesen gleichen Einfluß hat aber auch der Mensch erfahren, er steckt bei uns eben in Rassen, Nationen, Sonderarten der einzelnen Volksteile und so fort, die Zukunft wirds aber mit noch mehr Ausbreitung über die Erde nur immer neu erfahren. Eine Nivellierung von Volks- und Landesgegensätzen in diesem Sinne wäre weder wünschenswert, noch ist sie bei jener »Milieustärke« und ihren geheimen Imponderabilien irgendwie denkbar als Möglichkeit. Die Kultur kann so einheitlich im Ideellen werden wie möglich, so wird sie doch immer die Gegensätze der Erde spiegeln, und wo verschiedene Menschen, da keine Inzucht. Was aber die »Ideen-Inzucht« selber anlangt, so glaube ich an sie erst recht nicht. Wohl wird sich vieles vereinfachen bei uns, was geistig jetzt als zu viel an Neuem auf uns eindringt, vieles in Formeln, Gesetzen Allgemeingut werden, was jetzt Spezialwissen häuft. Das ist sogar gut und nötig, da unser Kopf sonst die Masse nicht aushielte. Man denkt mit einigem Grausen an die Größe unserer Bibliotheken, Museen usw. Ein Segen, wenn da in Zukunft vieles wieder sehr vereinheitlicht und handlich wird, anstatt daß zuletzt unsere Bücher wie eine geologische Schicht über unserer Erde zusammenschlagen.
Andererseits aber glaube ich nicht, daß das Neue, Anregende, Umschaffende, »Juvenile«, das von außen zukommt, je wieder bei uns an sich abreißen könnte. Man erinnere sich an die zwei Menschenwege: Wiederaufrollen der Vergangenheit und Blick in den Kosmos. Hier liegen, was geistige Blutauffrischung betrifft, unzweideutig Unendlichkeitswege. Dazu aber kommt noch ein anderes. Die Menschheit schafft individuell auch von innen weiter, von innen heraus. Man denke an Kunst. Aber noch an mehr. Die »juvenilen Quellen«, die hier sprudeln, kommen aus einem Grunde, den wir mehr ahnen, als genau kennen, – daß er aber plötzlich versiege, dazu sehen wir wahrlich keinen Anhalt.
Der letzte Gedanke führt aber ganz von selbst aus dem Degenerations- und Todesgebiet überhaupt hinaus in ein neues, positives, das wir jetzt, nach Erledigung der bösesten Gespenster, doch auch zu wenigstens kurzer Schau betreten müssen.
Wir haben eben in unserm kosmischen Ausblick angenommen, daß der Mensch noch weiter gehe. Ist uns jetzt wahrscheinlich geworden, daß er aus Gründen des allgemeinen Lebens nicht zu degenerieren brauchte, so möchte man die Frage daran schließen, ob aus solchen ursprünglichen Lebenszusammenhängen erwiesen werden könnte, daß er umgekehrt sich noch weiter emporentwickeln müsse.
Die Antwort ist in diesem Fall nicht so ganz einfach, sie erfordert Umwege; ihr Ergebnis müßte dafür freilich auch das bedeutsamste sein. Statt des Drachen sähen wir ja hier gleichsam den guten Engel der Urvergangenheit des Menschen auftauchen.