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Auf den ersten Blick könnte es so einfach scheinen, und es gibt Menschen genug, die sich dabei beruhigen: der Mensch ist die Krone, wenn nicht, wie man sonst sagte, der Schöpfung, so doch der Lebensentwicklung auf Erden; senkrecht ist diese Entwicklung zu ihm heraufgekommen, so wird sie also auch allein über ihn weiter gehen. Hier gibt es aber vonseiten des richtig sehenden Naturforschers sogleich einen scheinbar zwingenden Widerspruch. Das Bild des Lebensheraufgangs ist in den geologischen Zeitaltern und erhaltenen Zeugen keine einfache Leiter. Wenn man eines der bekannten Haeckelschen Bücher oder sonst ein neueres Werk zur Stammesgeschichte aufschlägt, so gewahrt man den wirklichen Stammbaum als riesigen Zweigknäuel, der zunächst wie das äußerste Gegenteil aussieht. Die Einzelheiten habe ich selbst gelegentlich für die Kosmosleser in meinem Bändchen über den »Stammbaum der Tiere« gegeben, wo sie leicht nachgesehen werden können. Sieht man bei der gewöhnlichen Zeichnung darin zwar auch noch etwas wie ein grundlegendes »Empor« grade durchschimmern, so verliert sich der nähere Blick doch immer mehr in einem Astwald. Die Aufzweigungen gehen da, dort in Gabelungen, Tiefenästen, krummen Linien aller Art auseinander, das Alte bleibt massenhaft neben dem Neuen und reckt sich auch bis ins heutige Zeitniveau, zuletzt ist der Affe lebend neben dem Menschen als eigene Astspitze, und der verlorene Blick fragt, wo es denn hier weiter gehen solle. Vielleicht wieder ganz von unten heraus, vielleicht hier, da auf einem Ast. Mag der Mensch auf seiner Ecke auch gehen oder mag er hundert Millionen Jahre dort stehen bleiben wie das alte Lingulatier: beweisen kann man ihm das erstere aus diesem nach allen Richtungen züngelnden Astwirrwarr, scheint es, gewiß nicht. Und es ist wahr, man muß auch dieses Bild erst einmal ganz gründlich geistig verdaut haben, um noch wieder für dritte Züge zugänglich zu werden.

Zunächst ist eins doch wieder ein fester Fleck in dem ganzen Knäuel. Wo immer der Mensch in jenem Baum einmal hängen mag: an seiner Stelle ist er, was er nach der oben gegebenen Wesensskizze eben ist, – er ist heute jene vollkommenste Anpassungs- und Herrschform des irdischen Lebens, die ganz unzweifelhaft dabei ist, die ganze übrige irdische Lebenswelt unter ihr Zepter zu bringen. Der Mensch saugt, was da noch von anderen Zweigen des Stammbaums um ihn herum blüht, praktisch in sich ein. Was er brauchen kann, läßt er bestehen von all dem Tier- und Pflanzenvolk, was er nicht will, rottet er aus. Das geht schon so und so viel tausend Jahre jetzt und hat schon das allgemeine Bild verwandelt, es ist kaum zu sagen wie. Begünstigte Pflanzen beginnen ganze Erdteile zu überziehen, unerwünschte Tierarten sind zu Massen verjagt, vernichtet. Eine Welle rauscht hier über die Erde, der aber auch nichts mehr standhält. Wie immer die tierische Entwicklung noch gehen wollte, – gegen diesen menschlichen Ansturm kommt nichts mehr auf. An ein paar erwünschten Ecken, zu Kulturpflanzen, Kulturtieren, hat er selbsttätig umgestaltet in schnellstem Schritt: von eigenen Entwickelungen, wie sie auch kommen möchten, ist praktisch bei der Schnelligkeit des menschlichen Umklammerns, Einsaugens keine Rede mehr. Wenn der Orang-Utan noch so viel Entwicklungszukunft in sich trüge: er käme nie mehr dagegen an, was der Mensch längst über ihn bestimmt hat.

Das Aufsaugen des ganzen noch bestehenden Stammbaums durch den einen Menschen vollzieht sich aber nicht bloß so äußerlich. Es hat noch einen tieferen, innerlicheren Sinn. Wir saugen die ganze übrige organische Welt auch geistig ein. Sie geht ein in unser Bewußtsein, unsere Forschung, erhält dort eine ganz neue Einheit. Indem wir ihren heutigen Inhalt hier zu uns herüberziehen, greifen wir sogar (nach jenem großen uns eigenen Prinzip der Umkehr der Naturprozesse, des Aufrollens der Vergangenheit) auf die früheren, längst vergangenen Stammbaumteile zurück. Nicht bloß, was noch neben uns lebt, lassen wir gleichsam in unser Inneres einwachsen und dort geistig neu auferstehen, sondern auch die ältesten abgetrockneten Seitenzweige der Vorwelt reihen wir wieder ein, ziehen wir auch in unsere Vergeistigung. Viel reiner, viel erhabener noch als in jenem Gewaltprozeß wird hier jedes Tier in unserer Wissenschaft und Erkenntnishelle nachträglich noch einmal »Mensch« bis zum Ichthyosaurus hinab, der einst scheinbar ohne jeden Anschluß nach oben als Nebenzweig verdorrt war. Auch an einen dritten Weg sei wenigstens erinnert. Er klingt schon bei einzelnen Haustieren an. Wir vermenschlichen wenigstens gewisse höhere lebende Tiere auch selbsttätig von uns aus in ihrem Gemütsleben, ziehen sie hier zu uns herauf. Was haben wir da aus dem Hund nicht bereits gemacht! Und vielleicht, wenn wir die Gesetze des Empfindungs- und Seelenlebens überall kennen lernen werden, was wird auch hier für ein Fortgang noch liegen können, der noch wieder anders wäre als Gewaltherrschaft und eigene Menschenforschung, – der der armen niederen Lebensform nachträglich selber, soweit noch möglich, einen Segen des Geistes gäbe, der da oben an der einen Stelle zu einem immer gewaltigeren Schöpfersturm angewachsen ist.

Wenn man aber den Menschen so ungeheure Macht bewähren sieht, rückwärts ein Herr und Gärtner und Neuschöpfer des ganzen Entwicklungsbaumes in der Praxis zu werden, so sinnt man doch, meine ich, verständiger- und auch rein naturwissenschaftlicherweise darüber nach, ob die Art, wie dieser Mensch selber aus dem Baum gewachsen ist, nicht doch noch wieder eine etwas andere gewesen sein müßte. Wohl, der Baum ist keine grade Leiter. In seiner Verzweigung scheint eine Art Methode des Entwicklungshergangs wirksam zu sein, die uns ja nicht wundern kann, wenn wir auch nur in einigen Zügen die Darwinsche natürliche Zuchtwahl, die aus verschiedenen Varianten die besten weitersteigert, für etwas richtig halten; diese Zuchtwahl wird bis zu gewissem Grade immer Spielräume verschiedener Varianten erwarten lassen, also eine gewisse Breite der Dinge, ohne daß sie doch eine Hauptlinie, die triumphierte, ausschlösse. Und so werden wir, meine ich, doch überlegen, ob nicht durch den ganzen Astwald die Linie des Menschen eine zentrale bildet.

Er war zum Schluß die zweifellos beste, allumfassende Anpassung auch in Darwins Sinn, – sollen wir meinen, daß sie bloß eine Zufallsblüte ganz jäh wie aus dem Nichts gewesen sei – oder ist es nicht wahrscheinlicher, daß sie eben doch schon auch vorher Schritt für Schritt auf ihre universale Höhe geführt wurde? So wie wir uns das aber fragen, fragt der nächste Augenblick: ja, aus was für einer Organbildung erwuchs denn unser Schlußerfolg? Und dann sind wir ohne jede Mystik bei einem Organ oder Organsystem, mit dem allerdings das ganze scheinbare Wirrsal des Gesamtstammbaums der Lebewesen sich in der einfachsten Weise in eine entscheidende durchhaltende Zentrallinie und so und so viel Seitenbiegungen umzugliedern scheint, – wofern man nur ein klein wenig den Tatsachen schlicht ins Gesicht sehen und sich nicht aus lauter Angst vor künstlich hineingetragener »Mystik« die Augen zuhalten will.

Das Organ unseres Sieges, das Organ, das uns selber über das Organbilden hinausgeführt hat zu der überorganischen Stufe des Werkzeugs, ist das Gehirn. Dieses Gehirn oder, allgemeiner gesagt, das Zentralnervensystem, ist vom Augenblick an, da es für uns erkennbar an der Wurzel des Stammbaums auftritt, immer und überall das Organ des Fortschritts gewesen. Man versteht aus dem Zusatzwörtchen »zentral« bei ihm selber, was es in einer Steigerung von »Organismen« dazu machen mußte. Von Anfang an ist es nicht bloß ein Organ unter Organen gewesen, sondern eines über allen. Nicht bloß der Orientierungsapparat nach außen war es, sondern vor allem das Organ der inneren Einheit im Lebewesen. In diesem Sinne hat zweifellos seine älteste Vorstufe schon die persönliche Einheit der einzelnen Zelle geschaffen und steht somit unmittelbar schon an der Wiege des Lebens überhaupt. Wo es aber dann weiter wirkte, in die vielzelligen Wesen, die Zellstaaten, hinein, da straffte es fortgesetzt die Einheitsarbeit aller Organe erst recht eigentlich zum immer vollkommeneren »Organismus«. Wo es sich vertiefter einlebte in diesem Sinne, da mehrte sich mit ihm nicht das bunte Variationsbeiwerk, sondern es steigerte sich die Organisationshöhe. Ging das Leben sonst in unendliche Breite, so ging es hier empor. Was in den Ästen des Stammbaums ein Stück weit emporgeht, steigt unverkennbar stets mit ihm. Wo es aber frei durch das Ganze in immer weniger gehemmter Linie herauskommt, da ist der zentrale Fortschrittsstamm des Ganzen. Und nun kann praktisch nicht zweifelhaft sein, wo das ist.

Die Geschichte der organischen Welt, wie die Anatomie der noch lebenden Formen zeigt es. Ganz unten und früh hat das Prinzip zunächst die Sonderung der tierischen Zellenstaaten von den pflanzlichen bestimmt. Das Tier trat in seine straffe Einheitszucht ein, die Pflanze blieb loserer Verband. Die Pflanze ist allerdings bis heute in gewissem Sinne immer Nährapparat des Tiers geblieben und insofern selber eine Art frei angegliederten Organs dort, so daß man sie nicht ohne weiteres als Seitenast bezeichnen kann. Aber der Fortschritt der Gesamtorganisation blieb fernerhin jedenfalls beim Tier als Zentrallinie. In uralten Tagen ist offenbar ein erster Grundriß dort entstanden, nach dem der Tierkörper nervös vereinheitlicht werden konnte, – als Grundlage alles weiteren. Die Anatomie der vorhandenen Würmer verrät uns noch etwas davon, die entscheidende Urweltsform selbst muß aber noch vor der Zeit gelebt haben, aus der wir versteinerte Reste besitzen, also in der Gegend jener mehrerwähnten Hundertmillionenziffer. Eine Weile gab es dann Variationsbreite. Das Prinzip steigerte ein Stück weit scheinbar in mehrere Tiertypen hinein, Gliedertiere, Stachelhäuter, Mollusken, endlich Wirbeltiere. Im ersten Falle gab es eine Weile Fortschritt, im zweiten eine Art Kreisbewegung, im dritten sehr früh auch einen kurzen Fortschritt. Dann blieben diese drei Linien aber wieder starr stehen, und nur die der Wirbeltiere begann unhemmbar aufzusteigen im weiteren Sinne des Prinzips. Es bedarf nur schlichtester anatomischer Einsicht, um zu sehen, daß das Bauchmark der Gliedertiere, das zerstreute Nervensystem der Mollusken, das Ringmark der Stachelhäuter schlechtere Varianten waren gegenüber der glänzenden logischen Lösung im Rückenmark des Wirbeltiers. Man hat aus den verschiedenen Möglichkeiten grade hier allerdings gern das Vorhandensein einer zentralen Steigerungslinie zu leugnen versucht. Man zeichnete den Stammbaum so, daß alle vier Typen von damals als gleich lange Äste bis zur Gegenwart reichen, und meinte, das Wirbeltier sei doch nur ein Sproß neben andern in ihrer Art ebenso hoch aufwachsenden fortan gewesen. Diese Form des Bildes ist aber falsch. Sie übersieht, daß die drei Typen der Gliedertiere, der Stachelhäuter und der Mollusken bereits in der ersten großen Epoche der Erdgeschichte, der paläozoischen, alles erreicht hatten, was ihnen an Organisationssteigerung beschieden war. Stachelhäuter und Mollusken (diese im Tintenfisch) waren bereits an ihrem oberen Ziel, als für uns der Vorhang der Lebensgeschichte aufging, und auch die Gliederfüßer standen schon beim Krebs, und noch innerhalb der paläozoischen Zeit erreichten auch sie ihren Gipfel, das Insekt. Von da ab, viele, viele Millionen der Erdgeschichte bis heute, sind sie starr an ihrem letzten Steigerungspunkt stehen geblieben und nur in eine zum Teil ungeheure Formenbreite gegangen. Sie haben jenen Zustand, nicht der Degeneration ohne weiteres, aber der lebendigen Versteinerung, Erstarrung hinsichtlich einer echten Organisationssteigerung angenommen, der für alle Seitenäste des Stammbaums so charakteristisch ist; nicht die eigentliche Lebenskraft, wohl aber die Steigerungsenergie scheint sie innerlich verlassen zu haben. Umgekehrt aber der Stamm der Wirbeltiere. Schon neben ihrer kurzen Anstiegszeit in der paläozoischen Epoche hatte er es zu drei Stufen hinauf gebracht, die in der Nervenzentralisierung, im Gehirnbau, ihren Spitzen weit über waren: zum Fisch, zum Amphibium, zum Reptil. Und von da ab durch alle folgenden Millionen steigt und steigt nun dieser eine Stamm, anstatt selber zu erstarren, fort und fort, – er allein nicht bloß zeitlich weiter wachsend, sondern fortgesetzt auch, was der kolossale Unterschied gegen drüben ist, wachsend im Sinne von Steigerung. Ich meine, es ist wirklich haltlose Spielerei, wenn einer ablehnen will, daß dieses Wirbeltier die zentrale Linie war und bis heute blieb. In der mesozoischen Epoche fällt in sie, während die Reptilien wieder in die Variationsbreite gehen, der ungeheure weitere Ruck des Säugetiers, – des Säugetiergehirns, mag man ohne Umschweif sagen. In den Ausgang der Kreidezeit fällt in diese Säugetiere der neue, offenbar abermals ganz unerhört große Steigerungsruck der echten Plazentalsäuger. In den Einzelgruppen ihrer Variationsbreite sieht man auch hier während der Jahrmillionen der Tertiärzeit vielfach noch eine Weile gleichsam die Steigerungsspannung dieses Rucks nachzittern; Marsh und Osborn haben uns die famosen Gehirnausgüsse alttertiärer und spättertiärer Huftiere gegeben, bei denen man deutlich verfolgt, daß auch in diesen Nebengruppen die relative Gehirnmasse und die Gehirngestaltung noch eine Weile leise anstieg. Man braucht aber nur eine Reihe Gehirne aus der Primatengruppe, also von Halbaffen, Affen, Menschenaffen, daneben zu legen, um abermals zu sehen, wo auch jetzt die zentrale Linie weiter ging ohne anzuhalten, während dort wiederum bald Erstarrung eintrat. Irgendwie in dieser Primatenfolge, jedenfalls aber auch hier nochmals zentral der Steigerung nach, liegt dann als letzte, weit überbietende Krone der Mensch selbst, was seit Linné, wie gesagt, zoologisch kein Vernünftiger mehr zu bestreiten gewagt hat.

Dieses Durchhalten in der festen Richtung des Zentralnervensystems seit so unermeßlichen Zeiträumen hat in jedem Betracht etwas Bedeutsames. Karl Ernst von Baer, der alte verdienstvolle Begründer der neueren Embryologie, hat gelegentlich gesagt, der Inhalt der Lebensentwicklung sei der zunehmende Sieg des Geistes über den Stoff. Wenn man bei diesem Geist sich nicht eine außernatürliche Macht denken will und sich auch stets darüber klar bleibt, in wieviel Klammern der Instinkte usw. das tierische Gehirnleben auf den untermenschlichen Stufen noch als Geist liegt, so enthält dieser Satz die tiefste Wahrheit, die sich vom Standpunkt des »Empor« über den Stammbaum des Lebens auf der Erde aussprechen läßt. Für die Zukunft des Menschen ziehe ich aber ein paar kurze Folgerungen aus der langen Rede.