Seit über hundert Millionen Jahren steht hinter dem Menschen also ein zentraler, nie unterbrochener Lebensfortschritt, – nicht bloß ein einfaches Weiterleben, sondern eine unausgesetzte Steigerung im Anschluß an die nervöse Zentralisierung, die noch jetzt der organische Quell seiner Erfolge ist. Alle entschiedenen Steigerungswenden tierischer Organisation liegen seit unfaßbar langen Zeiten in seinem Stamm, dagegen keine einzige dauernde Erstarrung. Die letzte große Wende (das ist sehr wichtig) liegt, nachdem in so viel Zeiten die Steigerung nicht abgelassen hatte, erst verhältnismäßig ganz nah noch hinter uns: der Ruck im Menschengehirn zur Kultur. Mag man ihn bis in die Tertiärzeit schieben, so ist doch die Spanne seither im Vergleich mit den früheren Zeiträumen winzig. Wir stehen also unzweideutig erst grade wieder im Anfang einer neuen Vertiefungsepoche, die an Kraft der Steigerung, mit der auch sie eingesetzt hat, wahrlich nicht nach »Nachlassen« aussieht; haben wir doch wohl mit Recht den Satz gewagt, daß dieser Schritt im Menschengehirn zur Freiheit ungefähr noch einmal als ebensoviel bezeichnet werden kann, wie alle Lebensentwicklung zusammengenommen, vom grundlegenden ersten Zellenbau etwa abgesehen, bis dahin geleistet hatte. Eine günstigere Wahrscheinlichkeit für auch ferneren Lebensfortschritt überhaupt und dafür, daß dieser Fortschritt auch weiterhin in der zentralen Linie des Menschen liegen werde, die jetzt seit so endloser Zeit alle entscheidenden Steigerungstreffer dort erhalten hat, kann nicht wohl aufgestellt werden.
Abermals doch knüpfen sich hier Fragen an, friedlichere auch jetzt, nachdem die großen Drachen wohl etwas von ihren Schrecken eingebüßt haben, aber Fragen. Wenn das »Erbe des Lebens« im Menschen also vermutlich dazu führt, daß er wirklich auch weitergehen wird, so möchte man gern wissen, inwiefern in dieses Weitergehen nun bestimmte Hilfen noch weiter eingreifen könnten, wie sie früher die Entwicklung in Fluß gehalten haben. Man könnte ja einen Augenblick denken, er braucht nichts mehr von dem, was früher galt. Er hat doch jetzt seinen hellen Verstand. Mit dem geht er überall frei aufs Ziel, braucht er keine natürliche Zuchtwahl für sich mehr, wird er seinen Kulturfortschritt selber fortan in die Hand nehmen. Neue Ideen wird er von hier erzeugen, neue technische Erfindungen machen, neues von Sternen und Zeiten zu sagen wissen, neue Ordnungen seines Zusammenlebens finden. Daran glauben wir gewiß, an dieses wachsende Teil bewußter Selbstarbeit. Da wir aber nach dieser Seite die nächsten Entdeckungen nicht nennen, die nächsten Ideen nicht bezeichnen können (wir müßten sie ja selber erst finden dazu, selber ein Stück Zukunft spielen), so wären wir hier rasch am Ende weiterer Betrachtung. Inzwischen ist aber ebenso gewiß, daß wir neben diesem hellen Felde im Menschen auch jetzt noch immer ein tieferes, dunkleres haben, in dem zwar auch in ihm gearbeitet und wohl auch Zukunftsarbeit grade getan wird, das aber seinem Bewußtsein noch lange nicht so offen steht, sondern wo er immer noch auf tiefe Naturhilfen von Innen heraus auch im eigenen Selbst angewiesen ist, nach wie vor. Wir haben solche Dinge erwähnt, die bei ihm doch auch noch auf solches vom Verstand nicht unmittelbar erreichtes Innenland wiesen: Triebhaftes, das nicht Instinkt war, doch aber unmittelbarer tief heraus waltete, wie in Liebe, Gemütsdingen. Wir haben vom geheimnisvollen »Es« gesprochen, mit dem die Kunst aus uns heraus schafft, aber auch, wie die hier selbsttätig, traumartig auftauchende Phantasie mit ihrem scheinbaren reinen Spiel von jeher Ideen, Einfälle geliefert hat, die der Verstand selbst gebrauchen konnte auch für die nüchternste »Wirklichkeit«. Hinter unsern größten Entdeckungen und Erfindungen steht von je auch ein Stück solcher Phantasie. Diese Dinge sollen alle auch keine »Wunder« sein im groben Sinne, sollen innerhalb des Göttlich-Natürlichen, wie alles Obere schließlich auch, liegen; aber sie bilden doch eine tiefere Unterschicht auch in uns hellen Wesen dort. Dann ist da auch unser Intellekt selber als Instrument sozusagen, mit dem wir oben so hell wirtschaften, wie wir wollen, der aber zuletzt auch nach unten wieder an dieses Dunkle angewachsen ist, von wo er zwar nicht Erfahrungsmaterial, aber Gesetze, Förderungen, Schäden mitbekommen kann, die wir ihm nicht geben oder nehmen können. Endlich ist außer diesen Dingen, die mehr oder minder alle um das Gehirn liegen, auch noch unser übriger Körper vorhanden. Er stellt im ganzen noch einmal wieder eine solche Geheimschrift für uns dar. Noch ist unsere Stufe so, daß unsere tiefste Organisationseinheit ihn zwar praktisch umfaßt bis in jede Faser, doch aber unser freier Verstand noch lange nicht überall auch an ihn herankann. Äußerlich beginnen wir ja auch damit schon lebhaft, große Forscher haben uns über den Zellenstaat in uns bis zu gewissem Grade schon belehrt, der Arzt schafft, wenn auch oft noch ein bißchen plump versuchend, an uns und in uns herum, versucht den erkrankten Zellenstaat im Einzelfalle als sozialer Helfer einzurenken, amputiert und immunisiert und so fort. Eine gewaltige Zukunftsaufgabe wird auch hier der wachsende bewußte, zweckdienliche Eingriff und Anschluß sein mit dem höchsten Ideal, daß die Freiheit unseres Gehirns endlich auch zu diesem ganzen Unterstock verfügende Macht bekäme, womit noch eine neue Stufe wohl wieder erstiegen wäre in der Richtung der Vereinheitlichung durch das Zentralnervensystem; unsere Enkel und Urenkel werden sicherlich auch in dieser »Eroberung des Leibes« tatkräftig weitergehen, – wer weiß (im Traum gesagt), bis zu was für wunderbarem Ziel, wo Blutkreislauf, Herzschlag, Verdauung usw. auch vom Gehirnbewußtsein her unmittelbar beeinflußt werden könnten und der Kopf wirklich auf ganz normalem Wege sozusagen hellsehend bis in die Eingeweide hinunter würde. Inzwischen arbeitet aber bis auf weiteres unser unteres Zellenreich tatsächlich noch in Ungezähltem wie eine Welt für sich, verwaltet sich nach altem Naturbrauch weiter, bewährt ihr Automatisches und was sonst im alten Naturerbe der alten Naturzüchtung steckt. An diesen Körper ist aber auch noch wieder Fortpflanzung und Vererbung angeschlossen und ragt mit ihm selber weit in das Dunkelgebiet, das wir einstweilen nur in seinen Leistungen studieren, aber nicht selber umschrauben und lenken können. Und in all diesen genannten Tiefenzonen unseres Menschenwesens werden wir also auch weiter zweifellos noch das Walten der großen unmittelbaren Entwicklungs- und Steigerungsgesetze des alten Lebens erwarten müssen, die uns bis heran auf unsere Höhe gebracht haben. Mag für ihre oberen Wege schon vieles neue, wie es die Kultur gibt, in Betracht kommen: als innerlichste Mitspieler werden sie weder zu umgehen, noch zu entbehren sein. Fragte sich, ob wir von dieser Zukunftsarbeit nicht schon etwas gewahren könnten.
Hier ist nun freilich auch einstweilen ärgerlich, daß wir von dem »Wie« der Umwandlung im tieferen Lebensbereich, dessen Spur wir hier an uns selber wiederfinden möchten, so wenig ganz Sicheres wissen. So deutlich wir jene zentrale Richtungsbahn im Stammbaum sowohl wie Umwandlungen überhaupt sehen im Laufe der Vergangenheit, so wenig fest haben wir noch heraus, nach was für einer Gesetzmäßigkeit sich jedesmal der Umschwung selbst und vor allem die uns bedeutsamste Form dabei, die eigentliche Steigerung, vollzogen hat.
Eine alte Idee meinte: es liegt nun einmal im Leben, daß es fort und fort empor muß. Wie das Hühnchen im Ei aus einer kleinen Keimzelle sich einfach gradeaus entwickeln muß zu einem fertigen Huhn mit all seinen Organen, gepeitscht gleichsam von einem ehernen Gesetz, das es in diese letzte Form schmieden soll, so werde auch der Stammbaum der Arten im ganzen heraufgedrängt von einem solchen unentrinnbaren Schicksalszug des »Empor«. Orthogenesis, zwangsweise Entwicklung nur nach einer Richtung empor, könnte man das mit einem Fremdwort nennen. Es ist richtig, der Gedanke ist auch besten Köpfen immer wieder so aufgetaucht. Trotzdem will er uns, obwohl das Ergebnis schließlich eines wirklichen großen »Empor« auch im Stammbaum vorliegt, in dieser losen Form meist nicht recht genügen, er sieht so nach einem andern Wort bloß ohne näheren Inhalt, den wir doch gerade suchen, aus. Auch will das Stammbaumbild mit seinen stehenbleibenden Nebenästen, gelegentlichen Variationsbreiten ohne Steigerung und ähnlichem, auch wenn man an eine zentrale Linie glaubt, die immer emporgegangen ist, trotzdem nicht ganz zu dem Bilde so passen. Schließlich ist das, wie in unserm eigenen Alltagsleben mit dem Guten. Wir sehen es sich im ganzen wohl durchsetzen, aber das geht doch nicht so wie in einem einfachen Marsch aufs Ziel; daneben zeigen sich tausend Zickzackwege, die doch auch einen Grund verlangen. Dahinein stellte sich nun Darwins allbekannter Zuchtwahlgedanke. Das Leben habe allerdings einen beständigen Zwang, sich zu verändern. Jede Art ergebe, anstatt starr zu bleiben, was sie ist, in ihren Nachkommen immerzu gewisse Varianten. Darunter seien bessere und schlechtere. Die besseren aber erhielten sich im Lebenskampf auf die Dauer gegenüber allen andern, und so könnte die Art steigen. Diese Lehre entspricht sicherlich mehr dem wahren Stammbaumbilde, wo der Fortschrittsbaum beständig aus einem breiten Variationsrasen zu wachsen scheint, – ihr Weg ist stets etwas loser. Zum Ziel muß sie aber natürlich auch kommen. Um den großen Aufstieg zu erklären, muß sie annehmen, daß hundert und mehr Millionen Jahre lang nach gewisser Richtung immer wieder bessere Varianten dabei waren, die zum Siege kamen. In diesem Sinne haben beide Lehren doch wieder eine gewisse letzte Ähnlichkeit, und wie sollten sie nicht, da zuletzt die zu deutenden Tatsachen immer die gleichen bleiben. Seit aber Darwins Idee in der Welt ist, hat man sich auch immer wieder bemüht, ob man nicht doch in der Gegend der guten Varianten zu einem noch etwas graderen Wege kommen könne. Eine Partei hat immer wieder Gewicht auf Lernen und Übung der Einzelwesen gelegt. Von hier sollte der Fortschritt doch, wenn das Spiel einmal im Gange war, noch unmittelbarer beeinflußt worden sein, indem eine Art, die etwa ein Organ besonders eifrig übte, schon immer mehr gute Varianten in dieser Richtung (mit bereits verfeinertem Organ) hervorgebracht hätte. Im Verfolg haben viele hier sogar das ganze Fortschrittsprinzip sehen wollen; andere haben bestritten, daß Übung und Lernen so auf die Nachkommen unmittelbar fortwirken könnten; noch andere haben verwickelte dritte Erklärungen gesucht, um das letztere (Nichtvererbung einer erworbenen Organverbesserung) zu halten und das erste doch nicht ganz zu umgehen. Der Streit ist hier noch ungeschlichtet.
Unterdessen haben aber noch andere versucht, das »Gut« und »Schlecht« der neuen Variationen ohne solche Übungsvererbung an sich vertiefter zu fassen. De Vries hat gelehrt, neben den kleinen besseren und schlechteren Varianten habe es zeitweise immer einmal größere Umwandlungen, »Mutationen«, gegeben, die, am betreffenden Fleck bei vielen Individuen zugleich auftretend, das ganze Artbild ruckweise von innen heraus zu einer neuen Einheit gestaltet hätten; sei solche neue Einheit besser gewesen, so habe sie sich gleich so durchgesetzt, und alle Umwandlung der Arten sei nur über solche Mutationen gegangen. Hier ließe sich, wenn die Sache genau stimmt, doch noch wieder manches überdenken. In der Linie zum Menschen, die seit hundert Millionen Jahren jetzt immer Wandel und Fortschritt gezeigt hat, müßten also in all der Zeit immer wieder solche großen Mutationen, und zwar stets gute, steigernde dabei, gelegen haben. Hier könnte zu denken geben, daß wir doch in dieser zentralen Linie das Gewicht schon aufwachsende Einheit in der Organisation legten. Sie bedingte uns die eigentliche Steigerung überall. Sind nur diese eigentlichen Steigerungen Werke der Mutationen, während vielleicht die gewöhnliche Wechselbreite der Artentfaltung Ergebnis des einfachen kleinen Variierens wäre, das den Stammbaum in der Breite reicher macht, aber nicht am »Empor« arbeitet? Das wäre schon interessant. Man könnte sich denken, daß grade das Zentralnervensystem mit seinem Einheitszug einen besonderen Zug zu Mutationen hatte. Wieder aber von da schweift der Gedanke. Ob in den Mutationen nicht doch ein »orthogenetisches«, unmittelbareres Fortschrittsprinzip verkappt stecken könnte. Nach de Vries können sie zwar bald gut, bald schlecht sein, obwohl stets mit innerer Einheit, also sozusagen als ganze Kerle in ihrem Fall, ganze Engel, ganze Teufel, nicht Halbwerk. Wenn es aber von je doch auch schon Mittel und Wege in der Entwicklung gegeben hätte, den Mutationen bestimmte Richtungen zu geben? Jener Einfluß von Gebrauch und Nichtgebrauch eines Organs könnte hineingespielt haben, ihn einmal zugegeben. Im gewöhnlichen Sinne verfeinerte er bloß das viel geübte Organ bei den Nachkommen. Zog er aber auch Mutationen heran, und zog sie gleichsam in seine Folge nach irgendeinem Geheimgesetz, so konnte Gewaltiges erfolgen: das Organ konnte nach ganz neuer verbesserter Zweckeinheit stoßweise umgeschaffen werden und wohl noch weiter ein ganzes Organsystem so auf eine neue höhere Stufe mit einem Ruck gebracht werden. Die Nutzanwendung wieder auf das Zentralnervensystem, von dem die ganze übrige Körpereinheit abhing, liegt auf der Hand, – hier hätten bestimmt gerichtete Fortschrittsmutationen stets die gesamte Organisation auf eine neue verbesserte Grundlage heraufreißen müssen; man denkt unwillkürlich an den Ruck vom Reptil etwa zum Säugetier oder – wir reden ja doch auf ihn immer wieder hin – vom ursprünglichen Primaten zum Menschen. Schwere Fragen, – ja, wer will die einstweilen lösen? Mag man alles, was man »mystisch« zu nennen pflegt, d. h. alle Eingriffe und Gängelbänder von außen in dem großen heiligen Selbstvorgang der natürlichen Lebensentfaltung folgerichtig ablehnen, – zugeben wird man müssen, daß wir in diesem »Natürlichen« durchaus auch noch im Lande der »unbegrenzten Möglichkeiten« sind. Wenn uns Darwin die entscheidende Frage in die Varianten gelegt hat, so war das gewiß ein Schritt weiter. Aber nun steht die Schlachtlinie wieder dort. Sind die Varianten schon auf Richtungen beeinflußt, sind die wahren Steigerungsvarianten ruckweise Mutationen, sind diese Mutationssteigerungen selber schon bestimmt gerichtet, – Fragen, starke Fragen, wert als Erkenntnisnüsse ersten Ranges geknackt zu werden, aber, Hand aufs Herz, grade in der untermenschlichen Welt des Lebens zurzeit ungeknackt oder doch nur mit losen Denkwahrscheinlichkeiten vorläufig hier und da durchleuchtet. Statt den Menschen von hier zu enträtseln, werden wir fast mehr geneigt sein, von ihm aus rückwärts nach dort hinunter noch etwas mehr verstehen zu lernen. Und nur ein Fingerzeig mag uns doch eben auch bei ihm gegeben sein, daß wir gegenüber all jenen Dunkelgebieten in ihm unser Augenmerk darauf richten, ob und wie auch dort das Variieren selber sich äußere. Wenn an diesem Variieren aller nicht vom freien Intellekt erzielte Fortschritt von je irgendwie gehangen hat, so müssen wir doch annehmen, daß auch in allem tieferen Menschentum, das der Intellekt zwar verwerten und kulturell ausgestalten, aber nicht selber bisher erzeugen oder beeinflussen kann (erinnern wir uns noch einmal an das alte Bild, daß der Mensch zwar den Baum der Erkenntnis, aber noch nicht den des Lebens besitzt!), dieses natürliche Variieren fortgesetzt eine gewaltige, ja entscheidende Rolle spielen müsse. Obwohl die meisten Menschen, die bei Zukunft der Menschheit an Gott weiß was für kühne Utopien denken, diesem schlichten Punkt kaum eine Beachtung zu schenken pflegen, scheint er mir doch der zurzeit allerbedeutsamste und wirklich lehrreichste zu sein.
Vorweg vom menschlichen Körper, wie er vorhin in einen gewissen Gegensatz zu unserm Großhirngeist gebracht ist, ist ja schon ganz oberflächlich gesehen kein Zweifel, daß er individuell ganz unverkennbar auch jetzt noch unausgesetzt variiert. Jeder von uns ist Zeuge dessen mit seinem persönlichen Gesicht, aus dem dich aus dem Spiegel nicht die Menschheit, auch nicht bloß deine Rasse, dein Volk anschauen, sondern eben noch einmal du, deine persönliche Variante dort. Wie weit das aber bis in die kleinsten Maße, Verhältnisse, Muskelzüge und Organeinzelheiten geht, davon wissen sowohl unsere Kriminalbeamten, wenn sie jemand genau wiedererkennen wollen, zu sagen, wie auch unsere Handwahrsagerinnen, die zwar nicht viel Schicksal aus der Hand lesen werden, aber doch das eine jeden lehren mögen, daß zu seinem Schicksal auch seine Hand mit persönlichen Variationslinien gehört. Unzähliges sieht auch hier wie ziemlich belangloses Spielen aus, das wir im Geistesleben lose Phantasie nennen würden und das die ewigen Kreuzungen noch ins Unendliche weitertreiben. Daneben erscheinen aber auch schon Dinge, die doch nicht ohne Belang sind. Wir sehen von Geburt an widerstandsfähigere, gesündere Varianten neben schwächeren, harmonisch schönere Körper neben häßlicheren, reinere Rassentypen neben verwischteren. Und auch über dem Schicksal dieser Varianten, dieser Plus- und Minusvarianten, walten entschiedene Auslesen in Darwins Sinn.
Teils begünstigt der Intellekt das Bessere und merzt das Schlechtere aus, teils bleibt doch auch hier ein Teil einfacher Zuchtwahl im Spiel, die den körperlich gesünderen, edleren, echteren Typus im allgemeinen weiter kommen läßt, als den geschwächten. Zwar gibt unser kulturelles Wirtschaftsleben hier viele Verschiebungen hinein und scheint oft einer rechten Zuchtwahl des körperlich Besseren gradezu entgegenzuarbeiten. Doch wirken soziale Besserungen dem auch umgekehrt wieder entgegen, über deren Fortschritt mit unserer Kultur doch auch kein Zweifel ist. Einzelne speziell menschliche Zuchtwahlfragen wird der Verstand in der Folge noch ganz besonders hier zu regeln haben, er sieht sie dafür aber auch schon jetzt. So ist unser allgemeines Mitleid, diese herrliche Blüte grade unseres edelsten Menschentums, doch immerfort auch ein leiser Anlaß zu einer Art »negativer Zuchtwahl«, indem sie auch den körperlich Minderwertigen durchs Leben zu helfen sucht. Nun kann man zwar sagen, daß viele sonst körperlich Schwache doch geistig noch vieles, selbst Großes leisten können, – man denke nur an den kranken Spinoza als riesengroßen Denker, und daß sich hier oft schon ein Ausgleich für das Menschheitskapital im ganzen ergeben wird; auch ist Mitleid selber so hohe Gotteskraft in uns, daß es sich auf alle Fälle durchsetzen muß. Aber eine gewisse Verschiebung der Auslese zum Besseren liegt hier körperlich gewiß vor, die unser Kulturverstand im ganzen noch wird wieder korrigieren müssen. Ich sehe auch da einen Hauptfortschritt im Sozialen, das der gesunden Variante immer mehr freie Bahn schafft, sie immer vollkommener zur Entfaltung kommen läßt; dann können wir schon manches Minderwertige um Gottes Lohn mitschleppen, wenn nur das Tüchtige Luft und Licht in jedem Fall bekommt. Vergessen wir nicht, daß auch im Kriege nach der einen Seite eine gefährliche »negative Auslese« dieser Art liegt, das Opfer grade zahlloser körperlich bester Elemente; auch hier muß uns eine tiefe Mahnung liegen, daß auf jeden Krieg, auch den sieghaftesten, eine Zeit verdoppelter sozialer Hilfsarbeit folgen muß, die dem Volke erst wieder auf sein Gleichgewicht heraufhilft, indem sie jedem tüchtigen Element, wo immer es sich bietet, verdoppelt Licht und Raum schafft.
Im ganzen aber wird man, wenn man auf alle diese Dinge blickt, sagen, daß aus diesem individuellen Körperspiel mit seinen kleinen Plus- und Minusvarianten doch noch nicht eigentlich Änderungen oder gar große Fortschritte bei uns herauszusteigen scheinen, sondern es macht den Eindruck, daß es sich dabei im letzten Ausgleich immer nur um eine gewisse Erhaltung des Bestehenden auf einem ungefähr guten Fuß handelt. Wir müssen an dieser Stelle zufrieden sein, daß sich eine ungefähr gesunde, nicht unedel gebildete, ihre alten Körperfügungen in Rasse und sonst mehr oder minder rein ausdrückende Menschheit im status quo behaupte.
Ich betone dabei auch das Wort Rasse, denn ich bin, wie gesagt, nicht der Ansicht, daß es in absehbarer Zeit eine Notwendigkeit oder ein Vorteil für die Menschheit wäre, wenn grade die Rassenmerkmale sich gegeneinander ausglichen. Wohl muß es geistige Kulturwerte geben, die über allen Rassen stehen, und muß es eine Erziehung aller Rassen geben, daß sie hier eine gewisse oberste Gesetzgebung der Menschheit anerkennen. Auch der Begriff Nation selbst kann eine solche mehr geistige Kultureinheit sein, unter der verschiedene gesunde Rassen in treuer Gemeinarbeit zusammenhalten. Aber der Unterschied, wo er einmal gegeben ist, braucht sich deswegen nicht zu verwischen.