Inzwischen tun wir aber auch wieder unsere Arbeit durch die Jahre, wie viele es sein sollen, – immer im nächsten Ziel zum Licht, ob so, ob so.

Wie mancher von uns hat grade in diesen schweren Zeiten wieder das Gewaltige an sich selbst erfahren, das darin liegt: Hier stehe ich, ich kann nicht anders; ich frage nicht, ich schaue nicht nach rechts, noch links; ich tue meine Pflicht; mag die Welt zerbrechen; ich tue meine Pflicht. Das ist es, was auch unser großer Dichter meinte, als er seinen Faust, der in ruhelosem Begehren die ganze Welt durchstürmt hatte, zuletzt die Heiligkeit des Augenblicks erkennen ließ.

»Ja diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
Das ist der Weisheit letzter Schluß:
Nur der verdient die Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.«


2

Es ist wertvoll, das leichte Schifflein unserer Fahrt zum Menschen der Zukunft zunächst von diesem sicheren Hafen ausgehen zu lassen. Eine gewisse Gewähr gibt er, daß wir heimfinden um jeden Preis. Inzwischen ist aber gewiß, daß, wenn wir uns schon auf die blaue oder graue Weite dieses fernen Meeres hinauswagen sollen, heute ein ganz bestimmter Leuchtturm da draußen uns zunächst am besten leiten kann. Vielerlei Utopien lassen sich ja auf schmuckem oder schwarzem Segel dort hinaustreiben. Alle Weltanschauungen lassen sich einschiffen, goldene wie gallige. Es gibt keinen technischen, keinen sozialen, keinen ethischen Lieblingswunsch von heute, der nicht dort schon verwirklicht gesehen worden ist, – von den Träumen, daß alle Menschen zu essen haben, bis zu den Menschen, die mit unendlich vervollkommneten Apparaten Wellen auffangen, mit denen die Bewohner anderer Weltkörper zu ihnen reden, oder die selber durch die Sterne reisen. Und es gibt auch keine Angst, die sich nicht schon in einer kalten Nacht dort begraben hätte. Alle diese Wege haben gewiß ihren Wert in ihrer Weise, denn wie der praktische Idealismus, so hat auch die kühnste Phantasie ihre gewaltige Bedeutung, die nur ein ganz Unkundiger verkennen mag. Die Phantasie ist einst vor Kolumbus her auch über den wirklichen Ozean gefahren, und es gibt keinen Wirklichkeitssieg, an dem sie nicht irgendwie still vorschaffend und begeisternd beteiligt gewesen wäre. Selbst wenn sie bange Bilder baut, ist sie ein strenger Zuchtmeister gegen das allzu Bequeme, – wenn sie aber ins Licht malt, was wir vielleicht durch eigene Kraft noch mehr aus uns machen könnten, ist sie ein heiliger Apostel der Tat zum Ideal. Das alles wohl in Ehren, wollen wir aber so hohen Flug zunächst doch einmal nicht nehmen, – wollen vielmehr sozusagen etwas mehr von unten anfangen, statt von oben. Wir wollen für unsere Zukunftsfrage nicht davon ausgehen, was etwa noch einmal ganz Neues und Überraschendes aus dem Menschen werden könnte; sondern wir wollen dabei beginnen, was er eigentlich heute ist, – mit seines Schicksals Sternen in der Brust. Und hier erscheint ja eines heute vorweg geklärt.

Seit rund fünfzig Jahren, wenn wir sie mit Darwin anfangen lassen wollen, haben wir jetzt mindestens die große neue Weisheit und Wahrheit in der Welt: daß der Mensch in natürlichem Wachsen und Werden aus der Entwickelungsstufe der organischen Wesen, genauer der Tiere, herausgekommen sei. Man kann den Gedanken auch deutsch und dann schon vor etwas über hundert Jahren anknüpfen, denn damals war er bei uns schon im stillen spruchreif; damals hatte der alte Kant die Idee einer natürlichen Entwickelung in ihrer Anwendung auch auf lebendige Wesen (von Sternsystemen hatte er sie selber gelehrt) als ein »gewagtes Abenteuer der Vernunft« bezeichnet; eben dieses Abenteuer aber vermaß sich kein Geringerer als Goethe ausdrücklich schon zu bestehen, wobei die Nutzanwendung auch auf den Menschen nur eine unvermeidliche Folgerung sein konnte. Jedenfalls aber ist heute über den Beweis der großen Sache im Ganzen naturwissenschaftlich kein Zweifel mehr. Man streitet sich mit gutem Recht noch über Methoden der Entwickelung, nicht aber über sie selbst; und wenn man sie für Pflanzen und Tiere zugibt, kann man den Menschen nicht wohl ausschließen, seit schon der alte fromme Linné schlicht der Wahrheit die Ehre gegeben hatte, daß das Menschenwesen naturgeschichtlich eine Säugetierart sei. Zuletzt ist noch Hader über das Wörtchen »natürlich«, von dem viele noch meinen, es schließe ihr tiefer vertrautes »göttlich« aus; wozu aber auch eben Goethe doch wohl schon das Entscheidende gesagt hat: daß, wer sein Göttliches im rechten Sinn in allem suche, was da ist, es zuletzt auch im Natürlichen finden müsse. Was immer wir über den Menschen der Zukunft uns denken: mit dieser Grundtatsache also müssen wir heute rechnen, von ihr müssen wir ausgehen. Nun aber mit ihr müssen wir uns doch noch ein Zweites klar vor Augen stellen, das mancher nicht so deutlich heute zu sehen pflegt, grade wenn er das andere noch so fest unter seine Überzeugungen aufgenommen hat.

Man sagt sich wohl: seit Kopernikus uns gezeigt hat, daß unsere Erde nicht die Achse des Weltenrades ist, sondern als Stern zwischen Sternen geht, und seit wir durch Darwin wissen, daß der Mensch einst vom Tier gekommen ist, – so mag uns nun diese Erde recht nur ein gleichgültiges Stäubchen sein und der Mensch eine beliebige belanglose Tierart neben anderen. Mancher hat geglaubt, das in möglichst herabsetzender Form als eine Art stiller Entsagung in sein Weltbild aufnehmen zu müssen. Richtig aber ist es deswegen nicht. Wenn es richtig wäre, hätte ja auch unsere ganze Zukunftsbetrachtung, die Betrachtung der Zukunft von etwas so Gleichgültigem, von Anfang an wenig Zweck.