In Wahrheit ist diese Erde – selbst wenn wir den Naturforscher einmal bloß als prüfendes Auge auf ihr gelten lassen und vergessen wollen, daß er doch selber auch zu Erde und Menschheit mit Heimatsgefühl gehört, – in Wahrheit ist sie das große Beispiel für uns, an dem wir die wunderbare überbietende Naturstufe des Lebens kennen lernen, diese höhere Stufe, die alles bis dahin von der Natur Geleistete und Sichtbare noch einmal weit hinter sich läßt. Mögen wir annehmen, daß auch dieses Leben seine Wurzel zuletzt in dem allgemeinen tieferen Untergrund der Natur habe. Mögen wir ahnen, daß auch diese Lebensstufe eine kosmische Stufe der Entwickelung sei, die auch sonst tausend- und tausendfach im All erreicht wird nach gleichem Gesetz. So ändert das doch nichts an der Gewalt und dem Reichtum des großen Lebensvorgangs selber und ändert auch nichts daran, daß es für uns eben die Erde ist, die ihn uns offenbart. Wenn auch der Mensch tatsächlich nichts anderes wäre, als bloß ein Teil dieses Lebens auf Erden, dieser Lebensstufe der Natur, so wäre es schon ein Großes auch um ihn, denn nicht auszusagen sind die Leistungen und Geheimnisse, die uns diese Welt des Lebendigen alle Tage noch neu bietet, je tiefer wir mit unserer Forschung in sie einzudringen suchen. Wie in ganze neue Sternsysteme, bloß von noch höherer Ordnung und Einheit, schauen wir hinein selbst in die kleinsten Teilchen des vom Leben erfüllten Stoffs, in die einfache Zelle mit ihrem Wunderbau, in die verwickelten Staaten dieser Zellen, in all ihre geheimen Selbstregulierungen und unendlichen Gestaltungs-, Umgestaltungs- und Anpassungsmöglichkeiten, – gewiß, daß wir überall erst bei den Anfängen einer wahren Einsicht in diese belebten Systeme stehen, die den ungeheuren Ball unserer Erde nur wie ein zarter Duft seiner Oberfläche überziehen, beständig zu zerfließen, zu vergehen scheinen und sich doch ebenso beständig wieder herstellen, seit so viel Jahrmillionen im ewigen Fluß und doch unzerstört, in unendliche Formen zerspalten, Individuen geteilt und doch auch wieder in ihren Gesetzen ein einheitliches Wesen, das von grauen Urtagen sich heraufringt und in allem Wechsel behauptete bis heute.
Nun aber ist die weitere Wahrheit, daß der Mensch, wie er uns gegenwärtig vor Augen steht auf der Erde und wie wir selber aus seinen hellen Augen heraus schauen, keineswegs bloß eine beliebige Probe und Dutzendarbeit wieder dieses Lebens ist. Auch er ist vielmehr innerhalb und jenseits der Entfaltung des irdischen Lebensbeispiels noch einmal ersichtlich eine ganz besondere neue Stufe der Naturmöglichkeit im steigernden Sinne, – entsprungen aus der tieferen allgemeinen Lebensschicht nach natürlichem Gesetz (daran halten wir ja auf alle Fälle fest), aber in einer ganzen Reihe wesentlichster Punkte nochmals über alles weit hinausgewachsen, was selbst das vollkommenste Leben vor ihm zusammengenommen geleistet.
Deutlich sehen wir ja noch (und das Sehen nach dieser Seite war eben die große Errungenschaft der Darwinschen Schule), wie der Mensch auf der einen Seite noch immer in den Linien dieser niedrigeren Lebensleistung hängt. Auch sein Leib baut sich auf aus jener rätselreichen Systemeinheit des ursprünglichen Lebens, der Zelle. Wenn auch er nach dem alten Lebensgesetz seinen Körper individuell immer wieder neu aufbaut, gleichsam immer wieder an früherer Flamme zu neuer anzündet (das Bild hat eine tiefere Bedeutung, denn in der Tat hat das Leben zur sich selber verzehrenden und wieder ersetzenden Flamme einen geheimnisvollen Bezug), so geht er dabei von einer zeugenden Einzelzelle durch Teilung zur Vielheit, deutlich so beweisend, daß auch in ihm der uralte Weg steckt von der bakterisch einsamen Zelle zum Zellenstaat. Ganz genau prägt sich in seinen einzelnen Organen dann ab, durch wieviel Hauptstationen des großen Lebensweges auch er noch weiter mitgegangen sein muß. Seine chemische Körperarbeit verrät, daß er einst die Wende mitgemacht hat von der Pflanze zum Tier. Sein Magen zeigt, daß er durch den allgemeinen Urgrundriß des höheren Tiers gegangen ist, mit seiner Wirbelsäule, die das Rückenmark trägt und schützt, muß er die Straße des Wirbeltiers berührt, mit seiner Lunge den Fisch überwunden, mit seinem Warmblut und der Gebärmutter und Brust seines Weibes die Station des Säugetiers durchschritten haben. An seiner Hand haften noch die Züge des Kletterorgans, während sein Fuß fast wie unfertig erstarrt erscheint auf der Stufe zwischen solchem Greiforgan und der neuen eines aufrechten Ganges. Man glaubt den geschichtlichen Moment noch ungefähr zu ahnen, wo er zuerst mit all diesen Merkmalen äußerlich fertig dastand, – noch in dem älteren, sehr warmen Teil wohl der Tertiärzeit, nicht allzufern den letzten großen Gabelungen des Säugetierstammbaums. Manche Kleinigkeit ist damals noch urtümlich an ihm geblieben, wie sein Gebiß. Er beteiligte sich an einem Schwund der Nase, doch lange nicht so weit wie die höchsten Affen. Mit Schwanz und Spitzohr fiel gleichsam der Satyr noch von ihm ab, der Waldpan, ohne daß er doch kleine Zeichen auch davon je ganz verloren hätte. Rätselhaft verschwand ganz zuletzt noch sein Haarkleid, er wurde wirklich nackt wie im Paradiese.
Alle diese Züge geben den unzweideutigen Anschluß nach unten, an die große übrige Lebensschicht. Keiner aber würde noch darüber hinaus führen. Auch die höchsten Wirbeltier- und Säugetierzüge geben nur eben Züge eines einzelnen stark spezialisierten Astes im Stammbaum der Tiere, der neben andern dort steht. Nichts tritt in Gegensatz zu allen Tieren bisher, allen andern Lebewesen überhaupt. Aber wir alle wissen auch, daß der Mensch nicht erschöpft, nicht fertig beschrieben ist mit diesen Zügen allein. Und die andere Seite beginnt bei dem uns allen ebenso geläufigen Satz: der Mensch steht geistig turmhoch über jedem Tier. Mit diesem Satz müssen wir uns aber noch einen Augenblick beschäftigen, um ihm den ganz richtigen Sinn zu geben.
Es ist zunächst nicht so, daß etwa der Mensch bloß Geist hätte und selbst die ihm nächsten Tiere nur geistlose Maschinen wären. Mit dieser Auslegung ist vielfältig der außernatürliche Zusammenhang des Menschen zu begründen versucht worden, es gibt aber immerhin auch Naturforscher, die sie naturwissenschaftlich für möglich halten. Ich glaube aber, daß sie kaum ernsthaft widerlegt zu werden braucht. Man kann sie sich in der Studierstube aushecken, jeder praktische Tierkenner aber wird über sie lächeln. Er weiß, daß eine Unmenge geistiger Regungen – Leidenschaften, Freude und Schmerz, die verschiedenartigsten Gemütsbewegungen – bei unsern Hunden, Pferden, Affen so vollkommen den gleichen Ausdruck finden wie bei uns, daß jeder Zweifel voreingenommene Künstelei bleibt. Wenn die Behauptung aufgestellt worden ist, der Ausdruck sei beim Tier zwar der gleiche wie bei uns, wir hätten aber keinen Anhalt dafür, daß auch dort wirklich Gefühle dahinterständen, so tritt die Spitzfindigkeit wohl genügend hervor, um sich selbst zu widerlegen.
Die allgemeinen Anzeichen für Empfindungsprinzipien gehen aber durch die gesamte Welt des Lebens bis zu ihren Anfängen hinab, und auch in jeder allereinfachsten Empfindung liegt schließlich im Kern bereits das ganze Geistige, wie ja jede Empfindung auch schon ein einfaches Bewußtsein voraussetzt, von dem etwas »empfunden« wird. Also in diesem Sinne hat der Mensch zweifellos auch seinen Geistesodem schon auf tiefster Urstufe mit eingeblasen bekommen, sofern es sich nur um Geistiges überhaupt handelte.
Nun könnte man aber weiter meinen, der menschliche Geist stelle bloß eine gewisse Spezialisierung und Häufung des tierischen Geistes dar. Bekanntlich sehen wir bei gewissen Tieren selbst schon Geistesorgane, Gehirne, auftreten, die auch dort auf ziemliche Häufung nach dieser Seite schließen lassen, so bei Insekten und in anderer Gestalt bei Wirbeltieren. Ein Affengehirn sieht einem Menschengehirn schon überaus ähnlich, und wenn man diese beiden Gehirne bloß vergliche und sonst vom Menschenwesen als Tat nichts wüßte, so würde man ja wohl raten, daß dieses Geschöpf mit dem noch ein Teil größeren und verwickelteren Gehirn wohl noch etwas mehr Geisteshäufung bewähren müßte, aber im übrigen doch nur glatte Fortsetzung ohne Änderung wäre. Die wirkliche »Tat« des menschlichen Gehirns aber erweist uns, daß auch das so nicht richtig ist.
In das menschliche Gehirn ist zwar nicht etwas Übernatürliches eingefahren, aber es hat ein ganz bestimmter Systemwechsel darin stattgefunden, den der einfache Begriff der Häufung nicht enthält. Das ist kurz so zu verstehen.
Jeder von uns, der sich mit Tieren beschäftigt und sich im erwähnten Sinne darüber verständigt hat, daß auch bei ihnen Geistesleben vorhanden ist, kennt doch auch eines in diesem Geistesleben des Tieres. Neben jenen unmittelbaren Empfindungsäußerungen, Leidenschaften, Gemütsbewegungen gewahren wir eine Überfülle geistiger Betätigungen, die wie allervorzüglichste Verstandesschlüsse aussehen, fabelhaft glücklich das dem Tier nützlichste durchführen, dabei aber tatsächlich vom betreffenden Tier weder gewählt noch erlernt werden, sondern ihm bereits angeboren, als felsenfeste Richtlinien zwangsweise mitgegeben sind. Es sind die allbekannten Triebe, Instinkte des Tiers. Jedes Tiergehirn ist bereits bei der Geburt mehr oder minder stark über und über beschrieben mit den festen Gleisen solcher Instinkte. Durch sie schwimmt, um mit Weismanns gutem Wort ein Beispiel zu geben, »das Entchen sofort auf dem Wasser, das eben aus dem Ei geschlüpfte Hähnchen pickt nach Körnern, die auf dem Boden liegen, der Schmetterling, der gerade erst aus der Puppe gekrochen ist, weiß sofort, nachdem seine Flügel getrocknet und erhärtet sind, sie zum Fluge zu gebrauchen, und die Raubwespe kennt ungelehrt ihr Opfer, eine Heuschrecke oder ein anderes bestimmtes Insekt, weiß es zu überfallen, durch Stiche zu lähmen und zweifelt dann keinen Augenblick, was sie ferner tun muß; sie schleppt das Opfer in ihren Bau, bringt es dort in eine der Zellen, die sie vorher schon für die künftige Brut hergerichtet hat, legt ein winziges Ei darauf und deckelt dann die Zelle zu.« Der größte und wesentlichste Teil der tierischen Geistesleistung wird durchaus und nur von solchen Instinkten beherrscht, ist eingesperrt in ihren Mechanismus, so daß man sie recht eigentlich als das grundlegende geistige System aller Lebewesen unterhalb des Menschen bezeichnen kann.
Vielerlei Deutungen gibt es bekanntlich, wie dieses zweckmäßige Instinktsystem, das als Intelligenzarbeit im Erfolg wirkt und doch nicht Intelligenz des Einzelwesens ist, entstanden sein könnte. Es sitzt wie eine geheimnisvolle Brille auf dem Tier, durch die es das Rechte sieht und die es doch nicht selber machen kann, – wer hat sie also gemacht? Gottes Intelligenz, meinen die einen, hat sie dem einfältigen Tier aufgesetzt. Andere haben doch immer wieder an wenigstens ursprüngliche Intelligenz, Lernen und Gewohnheit der betreffenden Tierart gedacht, deren Erfolg allerdings nachher rein automatisch vererbt worden wäre. Die Möglichkeit, daß sich Gewohnheiten vererben könnten, ist wieder von Dritten bestritten, von noch andern aber doch auch wieder verteidigt worden. Zu leugnen ist aber nicht, daß der Zurückführung der verwickelten Instinkte besonders niederer Wesen auf irgendeine entsprechende ursprüngliche Intelligenz dieser Wesen selbst wirklich Unendliches im Wege zu stehen scheint. Und so ist wohl die wenigstens gangbarste Naturforschermeinung von heute, es möchte hier geistig hergegangen sein, wie bei der Entstehung so vieler Schutzanpassungen und nützlichen Organe am Leibe der heutigen Tiere, die sie sich doch auch nicht selber an den Leib gesetzt hätten und doch heute von Geburt an mitbekämen: gewisse nützliche Triebe seien immer einmal wieder zwischen anderen im Verfolg des großen Hin- und Hervariierens aller Lebensdinge aufgetaucht, und die habe dann die natürliche Auslese im Kampf ums Dasein nach dem Darwinschen Zuchtwahlgesetz begünstigt, ausgelesen und endlich mehr und mehr fest gemacht.