Mag die Ursache aber sein, wie sie will: jedenfalls herrscht dieses eigenartige Instinktsystem heute auf der ganzen außermenschlichen Lebensbreite. Seit undenklichen Zeiten hat es offenbar die Dinge dort in seiner Weise glänzend getragen und sich zu immer höheren Leistungen in seiner Linie gesteigert, – man denke nur an seine schier fabelhafte Vollendung im Stamm der Insekten, wo es fast alle Wunder einer Art Kultur im kleinen vor Augen zaubert, – Tiere, die riesige Staaten bilden, in selbstgebauten Städten wohnen, eine unsagbar verwickelte Staats- und Jugendpflege üben, in feste Kasten geteilt sind in ihrem Volk, Ackerbau und Viehzucht treiben, und das alles doch unter dem Zepter des Instinktsystems, das jeden Teilhaber vom ersten Moment seines Lebens als festen Statisten lenkt. Immerhin wird man aber auch die Schäden und Gefahren des Systems sehen. Je mehr es sich durchgesetzt hat, desto mehr gibt es den Lebewesen überall auch geistig etwas Erstarrtes, ein Einerlei mit unendlicher Zerspaltung, aber keinem rasch möglichen Fortschrittsanschluß, es liegt, obwohl Geist vorhanden ist, doch noch einmal wie eine ungeheure starre Maschine über diesem Geist. Unsagbar umständlich wurde jede Umstellung dieser Maschine, immer tiefer herabgedrückt das Einzelwesen, das doch von der Zelle an die Naturentwickelung sorgsam sonst herausgearbeitet. Da war es nun eben die Leistung des Menschenwesens, mit diesem System in entscheidender Weise zu brechen. Abgewischt erscheint im Menschengehirn die Gesetzestafel der Instinkte, – auf dem leeren weißen Blatt aber waltet als herrschend die freie Verstandeswahl des Intellekts, der lernt, beobachtet, schließt und sich entscheidet.
Man muß ja auch dafür nicht eine Wurzel im Nichts suchen. Wer seine Tiere beobachtet, der merkt ganz genau, sofern er nicht bloß Papierweisheit hineinschaut, daß auch dort schon gewisse Spuren wirklichen Intellekts neben allen starren Instinktgleisen hergehen, er merkt gelegentliche Zeichen schon dort von gewissen individuellen Verstandesschlüssen, von Wahl und Lernen. Aber das alles liegt doch wie fast verschüttet, es geht eben nur auf dem winzigen Außenspielraum hin, den der allmächtige Instinkt läßt. Das entscheidend Neue des Menschen aber ist, daß das, was dort schon als gelegentlicher kleiner. Handlanger nebenher läuft, hier durch einen vollkommenen umwälzenden Systemwechsel auf den Thron erhoben wird. Man muß auch ebenso nicht sagen: der menschliche Intellekt war nun absolut frei. Ganz frei ist zuletzt in der Natur überhaupt nichts, denn das große Kausalgesetz, in dem Himmel und Erde hängen, dieses wahre Schöpfungs-Urgesetz, ohne das innerhalb des Alls kein Stäubchen fällt und kein Gedanke geht, bestimmt natürlich auch die Verstandeswahl. Aber der große Gegensatz von Verstandesherrschaft zu Instinktherrschaft bestand und besteht tatsächlich in einem Gegensatz von Freiheit und Zwang. Der Instinkt schrieb wahllos Gut und Schlecht vor. Der Intellekt sieht Gut und Schlecht und wählt nach Verstandesschluß. Und in dieser Systemfrage ist der Mensch auf der entscheidenden Wende seiner Entwickelung, man kann wohl sagen im Augenblick der eigentlichen Menschwerdung, nach dem System der Freiheit hinübergegangen. Darin hat der symbolische Gedanke der biblischen Schöpfungsmythe durchaus recht: die Krisis des Menschenschicksals – mag man in ihr nun einen Schritt auf dem Wege von Nacht zu Licht sehen oder den ersten Akt einer großen Tragödie, – lag in diesem Augenblick der Freiheit, da Gut und Böse selbst gesehen wurden.
Es ist ja im übrigen jedenfalls nicht bloß ein Augenblick gewesen, und an der feineren Durchführung hat in gewissem Sinne offenbar noch die ganze Kulturgeschichte bis heute gearbeitet. Die Wehen des Übergangs werden auch nicht leicht gewesen sein. Von einem Gängelbande, das bisher Gut und Schlecht wenigstens in einem gewissen grob praktischen Sinne ohne Erörterung gegeben hatte, losgelöst, mußte das entschiedene Intellektwesen jetzt erst bewähren, ob sein Intellekt stark sein werde, dauernd auch zum Guten zu kommen. Die Qual der Wahl mußte sich einstellen, die Möglichkeit des Irrtums eben wegen der Freiheit, die Verlockung der »Sünde«, die in der Abweichung von dem allgemeinen Nutzen für die Art bestand. Hier muß schon früh das schwerste Kapitel der menschlichen Entwickelung durchgekämpft worden sein, von dem uns alte Knochen, auch wenn wir ihrer noch so viele zuletzt finden mögen, niemals etwas erzählen können, während im tiefsten Ideengehalt der Menschheitsüberlieferung immer doch eine gewisse Erinnerung daran geblieben ist, die dann symbolische Formen annahm. Vom Ausgang als Gottesurteil aber mögen wir nachträglich sagen, daß der Intelligenzweg, wenn er die Kraft fand, sich einmal bis zu einer gewissen Höhe über die Krisis des Systemwechsels im Übergang hinaus durchzusetzen, im ferneren die unvergleichlichsten Fortschrittsmöglichkeiten mehr eröffnen mußte über alles hinaus, was der Instinkt je hatte leisten können. Wenn man darwinistisch auch hier von der Konkurrenz von Varianten sprechen will, so war die Variante »freier Intellekt« zweifellos, einmal bis zu gewisser Macht durchgekämpft, die allerbeste. Das errungene Gute als Wahlbesitz ist, man mag sagen was man will, ein ganz anderer Wert als das Gute als blinder Zwang, – das erleben wir noch heute als den Kern wirksamen Menschentums alle Tage, – wir erfahren es, wenn ein seiner Aufgabe frei bewußtes Heer gegen eine Masse steht, die bloß die Knute treibt, und wir wissen, daß es die Grundlage aller echten Erziehung ist. Dieses »Erwirb es, um es zu besitzen« zieht die Persönlichkeit jedes einzelnen eben ganz anders heran und hinauf, stellt ihre ureigenste Kraft und Leidenschaft jeden Augenblick ganz anders mit ins Spiel. Auch das Tier hatte schon Gemütserregung, Leidenschaft besessen, und in ihr blieb auch der Mensch; aber sie schloß sich jetzt wie ein nährendes Feuer an die Arbeitsenergie an, während sie im Instinkt zum größten Teil wertlos nebenher flackerte. Und die Wahl konnte zugleich stets beweglich und selbsttätig abändernd grade aus zum Besseren gehen, während jeder Zwang zugleich eine Fessel ist, die am Fortschreiten hindert. Nehmen wir wirklich einmal an, daß das Nützliche auch auf der ganzen Instinktlinie bisher der langsamen natürlichen Zuchtwahl verdankt wurde, so nahm die Intelligenz des Menschen das Nützlichere jetzt fortan unmittelbar in Angriff. Das wirklich Ungeheure vollzog sich: – daß ein Wesen die Zuchtwahl ausschalten konnte und doch zum Nützlichen kam. Der Mensch verkürzte den Weg ums Unendliche, ging mitten aufs Ziel. Was der Intellekt stets seinem Wesen nach sein muß: zwecksetzend, – das wurde jetzt Angelpunkt des ganzen neuen Systems. Und mit dieser Wende war jetzt wirklich etwas gegeben, das uns berechtigt, von einer neuen Stufe über alle bisher geleistete Lebensarbeit hinaus zu sprechen. Denn hier handelte es sich nicht mehr um eine Eigenheit im Tier neben Tieren. Hier war etwas durchgesetzt, das kein Tier, kein Lebewesen überhaupt hatte. Einmal die Herrschaft des unmittelbar zwecksetzenden Intellekts gegenüber dem starren angezüchteten Instinktsystem durchgesetzt, ergaben sich notwendig die weiteren großen Folgen, die nun wie eine ungeheure Mauer binnen kurzem zwischen allem Tierwesen und Menschenwesen aufwuchsen, so riesengroß aufwuchsen, daß es viele Jahrtausende gebraucht hat, ehe der Menschenintellekt selber wieder begreifen konnte, daß auch das Menschenwesen vor seiner entscheidenden Schicksalswende einmal hinter jener Mauer drüben gewesen war.
Der nächste Schritt war der bekannte vom Organ zum Werkzeug. Auch hier handelte es sich um einen grundlegenden Systemwechsel, allerdings abhängig von dem andern. Wie geistig in das Netz seiner Instinkte, so sehen wir körperlich das Lebewesen unterhalb des Menschen zu seinem Schutz, seiner Angriffswaffe, seiner tausendfältigen Bestehung des Lebenskampfes angeschlossen an das Prinzip des angewachsenen Schutz- und Trutzorgans. Das Raubtier führt seine Waffe als Kralle und Zahn, das Gürteltier seinen Panzer als solide Leibesverknöcherung, das Schwimmtier hat seinen Körper in Bootsgestalt mit Ruder- und Lenkflossen umgewandelt, der Vogel seinen Flügel zum Flug aus Vorderbein und Federschuppe organisch gewonnen. Man weiß, wie weit auch das gegangen ist, bis zu was für Wundern an Nützlichkeit es so schon im Bereich der Pflanzen allenthalben gediehen ist. Seit je hat man es bestaunt wie die Prachtleistung eines intelligentesten Mechanikers, allerdings hineingearbeitet in lebendiges Zellgewebe, in Fleisch und Bein. Nach Darwins Schule ist es aber wesentlich auch nur das Ergebnis zwangsweiser allmählicher Naturzüchtung. Die Intelligenz des Einzelwesens hat es nicht bewirkt. Jeder Wesensform von den untersten an bis zum höchsten Tier sind ihre Schutz- und Nutzorgane zwangsweise auf den Leib gezüchtet worden. Dabei hat eine unendliche Zersplitterung stattgefunden. So und so viele Tierarten sind nur dem Wasser, so viele der Luft angepaßt worden, das Raubtier ist nur Raubtier, das Nagetier nur Nagetier, der hat den Huf und jener die Kralle, der die Flosse, der den Flügel bekommen. Durchweg aber ist keine weitgehende Vielseitigkeit, kein rascher Wechsel mehr möglich. Schließlich sieht man doch auch hier überall auf gewisse erstarrende und hemmende Grenzen des Organsystems über eine gewisse Vollendung hinaus. Der Körper kann nur das eine oder andere Organ aufnehmen, nicht alle zugleich. So zeigt sich als Ergebnis des Systems im Tier-, Pflanzen- und Einzellerreich nicht ein letztes Lebewesen, das durch Besitz aller Organe allem bestmöglich gewachsen wäre, sondern unzählige Teilformen beleben wie abgeschnittene Stücke selbsttätig und vielfach miteinander in Zwist jede nur ihr eigenes Gebiet, das Kraft: und Schutzbereich ihres Organausschnitts. Nicht das Tier bleibt zuletzt übrig als Herrscher im Lebensspielraum der Erde, sondern fast eine halbe Million verschiedener Tierarten in ebensoviel starren Einzelanpassungen ihrer Organe verteilen sich über die Fläche. Aber ebenso begrenzt sich auch selber die Kraft des einzelnen Organs, da es ewig von jedem Wesen am eigenen Leibe mit herumgeschleppt, ja bei jeder Neuzeugung des jungen Geschöpfs ganz wieder neu herausgearbeitet werden muß, eine unendliche Verengung und Verzögerung. Und nun auch demgegenüber der Mensch.
Auch er kommt mit seinem Leibe aus der Organschöpfung heraus, auch er mit einem gewissen noch einseitigen Organkörper, der z.B. einseitig für das Land bestimmt ist, unter Wasser versagt, keine Flügel besitzt. Ganz zuletzt hat er ja noch einige gewiß sehr bedeutsame eigene Organfortschritte erlebt, wie den Umbau des Fußes für den aufrechten Gang, des Kehlkopfs zur Sprache. Im übrigen aber ist er doch wohl mindestens seit der älteren Diluvialzeit mit diesem seinem äußeren Organleibe im wesentlichsten und bis auf kleine Spezialpunkte (wir reden noch davon) bis heute starr so stehen geblieben, ohne daß sich an seinen angewachsenen Hilfsorganen etwas verändert hätte, ohne daß ihm etwa seither zur Erweiterung seines Erdgebiets Flügel oder Flossen gewachsen wären. Die Phantasie hat ja nicht geruht, sich Menschenleiber mit Flügeln und Flossen auszumalen, und noch heute gibt es Menschenkinder, die meinen, die Zukunftsentwickelung des Menschen läge bei solchem Rückpfuschen ins Vogel- oder Fischgebiet. Grade dabei ist aber nicht gefaßt, was der Mensch eben auch wieder grundlegend anderes hier hinzu gebracht, – wie er nämlich in der Zeit seit damals auch die ganze Schutz- und Trutz- und Anpassungsfrage auf ein ganz und gar neues System für sich gebracht hat: nämlich eben das des Werkzeugs. Tote, fremde, außerorganische Stoffe hat er sich herangeholt, Stein, Holz, Metall und was weiter, und umgeschaffen, sich zu Hilfen umgeschaffen für seine Zwecke; außen laufende Energien hat er für sich zur Arbeit gezwungen. Wohl, einigermaßen tat das ja das Leben immer auch in seiner Körperbildung und Organbildung von der ersten Zelle an: es fraß sich gewissermaßen hinein in fremde Stoffe und Energien, baute und trieb mit ihnen sein Wunderwerk des lebendigen Zellenleibes und warf das Unbrauchbare immer wieder fort in die tote Welt zurück. Der Mensch aber läßt die Stoffe wie Kräfte draußen für sich arbeiten, packt sie sich nicht innerlich auf, »organisiert« sie bloß in einem bedingten Maße. Er schneidet mit dem Messer, anstatt mit dem eigenen Zahn, schwimmt auf dem Schiff, taucht in der Taucherglocke und fliegt im Ballon und Flugzeug. Auch für diesen Weg schaltet er die langwierige Arbeit der Zuchtwahl aus, geht er unmittelbar auf den Zweck, den Zweck der immer besseren Leistung im graden Weg.
Und unerhört, was dieses neue Prinzip nun auch hier mehr leistet. Da das Werkzeug eben trotz seiner Vergeistigung zum Zweck äußerlich bleibt, nicht von jedem Einzelkörper beständig geschleppt, auch nicht mit jedem Kinde neu gezeugt und geschaffen werden muß auf die Dauer, konnte der Mensch jetzt wirklich vom Einzelwesen aus die universale Anpassung wieder erstreben, konnte in Eins wieder zusammenholen, was in den mehrhunderttausendfachen Tierarten zersplittert worden war. Er blieb nicht ein Geschöpf unter vielen, sondern seine Technik eroberte Stück für Stück die Fähigkeiten aller, eroberte sozusagen in ungeheurer Siegesbahn die ganze Lebensmöglichkeit seit Urtagen wieder auf einen Punkt zurück. Und dann eben leistete er mit seinem System noch weit mehr aus dieser Möglichkeit heraus, als je dort erreicht worden war. Man denke an die Linsen eines Riesenteleskops gegenüber auch dem besten Adlerauge (lächerlicherweise hört man bisweilen, wenn jener oben gestreifte Standpunkt vertreten wird, der Mensch sei so sehr bloß ein beliebiges und nicht bestes Tier neben Tieren, daß er bis heute noch nicht einmal so gut sehen könnte wie der Adler!), an das Erdnetz unserer Kraftdrähte gegenüber dem Nervensystem tierischer Körper und der armseligen Ausnutzung elektrischer Kräfte dort, an Telegraphie ohne Draht, wofür das ganze untermenschliche Leben überhaupt keinen Vergleich hat, an die Leistungen einer Sprengmine gegenüber der Stoßkraft eines Hornes oder einer Faust; doch was bedarf es der Beispiele. Mit diesem System des Werkzeugs hat der Mensch, nachdem das Prinzip der Freiheit ihn innerlich neugeboren hatte, äußerlich die Erdherrschaft angetreten, – von dem vielleicht frühesten Augenblick an, da er der inneren organischen Blutheizung des Säugetiers, die auch in ihm arbeitete, als Überbietung die künstlich erzeugte Herdflamme gegenüberstellte, bis zu den Siegen unserer Technik, die längst nicht mehr bloß abwehren, bloß »anpassen« im alten Sinne; sondern die zum Angriff gegen die ganze Erde vorgehen, daß sie für uns blühe und fruchte, unser Reich werde, durchgeistigt bis in den Quell, den das Tier durchschwamm auf den kleinen Raubzügen seiner Nahrungssuche oder zu dem es nächtlich kam, um zu trinken, der aber uns auf ferner elektrischer Kraftbahn die Energien gibt, unser Licht anzuzünden, oder bis zu der nachtschwarzen Abgrundtiefe des Ozeans, wo kleine Fische es bis zu Leuchtorganen gebracht hatten, die ein winziges Stückchen Wasser aufhellten, heute aber unsere transatlantischen Kabel ruhen, auf denen die Lichtgedanken unserer Kultur von Erdteil zu Erdteil zucken.
War das Menschenwesen aber auf dieser Seite berufen, das gewaltigste, in seiner Weise furchtbarste Kampf-, Macht- und Herrenwesen dieser Erde zu werden als ganz neuer Erfüller des uralten Streit- und Behauptungsprinzips im Leben, so war es wieder jenes Freiheitsprinzip der eigenen Wahl, das es ein anderes unendlich reiches Gebiet dieses Lebens sozusagen erlösen und in ein oberes Licht rücken ließ. Wenn man aus Darwins Schule kommt, so erscheint wohl Fressen und Gefressenwerden als des Lebens einziger Schluß. Wir wissen aber, daß im Edelmenschen bis heute zweierlei wohnt: neben der stählernen Kriegskraft die Friedenssehnsucht. Nur wo beides im rechten Maße vorhanden ist, da ist ein Volk auf seiner Höhe. Wir wissen von einem in dieser bewegten Stunde, das seine Kriegskraft in hartem Muß urgewaltig bewährt; das sich aber auch beruhigt sagen darf, wie echt seine Friedenssehnsucht war …
In Wahrheit gehen ebenso auch schon durch die ganze Lebensentfaltung unter uns und ihre Triebe Versuche der friedlichen Einigung, der Genossenschaftsbildung, der gegenseitigen Hilfe. Ganz tief zu Anfang hat das schon Zellen zu Zellstaaten vereinigt, wie ja einer in unserm eigenen Menschenkörper noch bis heute fortlebt, der im gesunden Menschen auf der Höhe seiner Lebensreife geradezu ein Wunderwerk von sozialem Zusammenhalt und Gemeinschaftsarbeit Aller für Alle darstellt. Und höher hinauf hatte es dann zu allen Sorten von verwickelten Symbiosen, wie der Forscher das zu nennen pflegt, gegenseitig förderliche Lebensgemeinschaften heißt es deutsch, zu Tierhorden und Tierstaaten geführt, alles doch zunächst auch noch in die große Instinktmaschine gesperrt, die hier in einer Unmasse immerhin doch friedlich gewendeter Sozialtriebe glänzte. Der Mensch konnte also auch das schon übernehmen und in seiner Weise mit ablösen, wobei ihm das Soziale zweifellos gleich anfangs große Hilfen zu seinem Übergang zum freien Intellektweg selbst gewährt haben muß: in der Lehre, die bei friedlichem Verband das Kind wenigstens als erste Lebenshilfe von den Eltern erhalten konnte, und vor allem in dem unvergleichlichen sozialen Hilfsmittel der Sprache. Die Sprache ist darüber hinaus dann selber eine gewaltige Verstandesschule geworden, an der sich die begriffliche Ordnung der Dinge, diese ungeheure Erweiterung und Vergeistigung der einfachen Beobachtung, heraufgearbeitet hat.
Umgekehrt aber hat der Intellekt mit seiner persönlichen Freiheit und seinem Neubau des wirklich wertvollen Individuums das Soziale selbst auf eine ganz neue Stufe gerückt. Die alten blinden Stammesinstinkte der zusammenhaltenden Herdentiere hat er zu ethischen Gesetzen umgeschaffen, zu Moral und Recht, an deren Befolgung sich der freie Charakter maß und stählte. Die Maschine des Tierstaats, die uns in allen Wundern des Ameisen- und Termitenlebens oder den aus Tausenden von Einzelpersonen leibhaftig zusammengewachsenen Schwimmstaaten der Siphonophoren-Quallen zuletzt doch wie eine große gespenstische Galeere anschaut, wo jedes an seinen Rudersitz zeitlebens angekettet sitzt, belebte er zum echten Staat, der aus freiwillig verantwortlichen Bürgern besteht, die sich auch bis zum Tode hingeben, aber wissen warum und mit Liebe an ihrem Gemeinschaftsideal hängen.