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Ja Liebe. Mit diesem Wörtchen beginnt abermals eine wichtige Seite. In der Liebe bäumte sich ein riesiger alter Dämon aus dem tiefsten Wurzelwerk organischen Werdens herauf, als Trieb von unbezähmbarer Wildheit, obwohl schließlich doch auch seinem Urwesen nach der friedlichen, der harmonisch Wesen zu Wesen stimmenden Seite angehörig. Die Bändigung dieses Dämons ist dem Menschenintellekt besonders schwer gemacht worden, weil hier das Triebhafte nicht ganz ausgeschaltet werden konnte, ohne große Gefahren für das Leben der Art heraufzubeschwören. War er doch angeschlossen an Geheimnisse des organischen Lebens, die auch der frei wählende Intellekt hier am eigenen Leibe zunächst nicht in seine Gewalt bekam. Der Baum der Erkenntnis, um es symbolisch anzudeuten, gab hier noch nicht den Baum des Lebens. Um so wunderbarer, was der Menschengeist doch auch an dieser Stelle, auf der Grenze des großen bleibenden Mysteriums, in jahrtausendelangem Ringen durchgesetzt hat. Wie er den alten Titanen an seiner harmonischen Seite gepackt und doch auch zur Geistesliebe erzogen hat – vom echten Eros in seiner verklärten Schönheitsform bis zu der Liebe als Inbegriff aller Gemütswerte. Wir wissen, wie es vor allem das Weib war, das der Geist hier in zäher Arbeit erobert hat. Bis der große Dichter singen durfte: »Das ewig Weibliche zieht uns hinan …«
Grade hier mußte aber dann noch ein Zweites hinzu. Der Mensch kam nicht umsonst vom Säugetier. Wie oft wird dieses Wort noch jetzt von Unverständigen als eine Schmach empfunden, die uns hinabziehe. Das »ewig Weibliche« hätte uns aber nie hinaufgezogen, wenn es nicht auch von hier sich hätte vergeistigen lassen. Auf der gleichen Wende, die dem Einzeltier die innere Blutwärme verlieh, stellte sich auch die gewaltige Lebenstatsache der Gemütswärme zwischen Mutter und Kind sichtbar ein. Auch hier lag ja ein alter Nutzpflicht-Instinkt zugrunde, den auch das Säugetier überkam. Aber es kann wieder für den unbefangenen, nicht mit Papierweisheit im einfachen Gegenstandssehen künstlich verdunkelten Tierbeobachter wohl kein Zweifel sein, wie dieser Trieb sich eben beim Säugetier doch auch schon mit immer stärkeren Gemütswerten umgibt. Und in dieser Form hat der Mensch die »Mutterliebe« übernommen, um dann auch sie wieder in seiner Weise auszubauen. Auch bei ihr hat er triebhafte Züge nicht ganz beseitigt, die Gemütsseite aber zu vollem Durchbruch herausgearbeitet und vor allem dann sich bemüht, das Ganze auf ein noch viel weiteres Gebiet zu treiben, wo das Muttergefühl eine Menschheitssache wurde. Indem die Mutter sich ihm zur Madonna verklärte, wuchs das Blütenreis der Mutterliebe aus zu dem ungeheuren Fruchtbaum, der als Mitleid über die ganze leidende, hilfsbedürftige Menschheit zu schatten begann. Das weinende Kind in jedem, der litt, zu erkennen und zu trösten, wurde der erhabene Inhalt dieses Mitleids, – ein Inhalt, so einzigartig und groß, daß ihn die Menschenseele selber ihre frohe Botschaft, ihr Evangelium genannt und abermals mit den höchsten Symbolen umgeben hat. Mit der umfassendsten Vergeistigung der andern Liebe und dem letzten, weitesten Inhalt des Gemeinschaftslebens im Ganzen verknüpft, erstand das Ideal der Menschenliebe, das, in langsamer Arbeit noch zwischen uns erst sich hindurchringend, der Menschheit, die alle äußere Kraft der organischen Welt allmählich in sich vereinigt hat, auch noch eine verinnerlichte Einheit aus sich selbst verspricht, die in dieser Weise auch wieder kein anderes Leben je hatte erreichen können.
Neben all diesen Wegen sehen wir den Menschen aber noch etwas ganz Geheimnisvolles schon früh betätigen. Es ist auch kein Instinkt, der bloß sklavisch wiederholte. Auch sein Wesen ist im Gegenteil durchaus neu schaffend. Dennoch ruht auch seine Wurzel zuletzt unabhängig noch vom Intellekt in dunklerer Tiefe. Zu allem Vorhandenen, allem gegebenen Inhalt unseres Geisteslebens tauchen uns unter seiner Macht noch einmal Doppelbilder, Varianten auf. Zahllose Varianten, – durch die Macht, wie wir es nennen, der Phantasie. Spielend, regellos scheinen sie zunächst zu kommen. Manches kann der Intellekt unmittelbar gebrauchen von diesen Einfällen für höheren Nutzen, bessere Einheit in seinem Sinne. Wo aber dieser innere Drang sich frei bewähren darf, da wird deutlich, daß er auch eigene Ziele besitzt im scheinbar planlosen Gaukeln. Das Vorhandene ordnet er, viel mehr als bloß spielend, nach einem besonderen eigenen Harmoniegesetz um in schönere Formen, höher geordnete im Sinne rhythmischer Einheit und Folge. Ganz unabhängig vom Anpassungsweg, vom groben Nutzen des Tages, gestaltet er Bilder einer solchen verklärten Welt aus der schaffenden Seele dessen, den er mit ganzer Kraft ergriffen. Die Luftwellen zaubert er auf freie Momente, da er als König schalten darf, um zu wunderbaren Klangwesen, den toten Marmor zu einer vollkommeneren, idealen Menschengestalt, Vorgänge des gemeinen Lebens, die in der gewöhnlichen Wirklichkeit nur Bruchstücke sein würden, zur heiligen Tragödie mit vertieftem, erlösendem Sinn. Immer geht seine echte Arbeit auf ein Ganzes, eine Einheit, die von innen heraus bestimmt wird, darin der wirklichen Lebenszeugung ähnlich, obgleich es sich um eine Zeugung rein aus der Tiefe des Geistes handelt. Wie aus anderer, ähnlicher und doch erhabenerer, geläuterter Welt schwebt das vor uns, so oft der rätselhafte Zauber waltet. Unendliche Wehmut ergreift uns, wenn er vergeht, – daß es nicht »von dieser Welt« ist. Und doch ahnen wir einen ganz tiefsten Bezug auch wieder zu ihr. Als sei das alles doch auch wieder ein anderer, wertvollerer, nur einstweilen verborgener Inhalt dieser Wirklichkeit, – ein Blick auf das goldene Kleinod in ihrer herben zeitlichen Schale. In dieser Sphinxform offenbart sich uns, rastlos in großen Menschen aufsteigend und dann durch die Mittel unserer Kultur zahllosen andern ausgeteilt, daß sie mitgenießen, die Kunst, – ein Mysterium der tiefsten Menschenseele, ohne das doch alles noch einmal arm und leer wäre, was die Menschheit ist und besitzt.
Mancherlei geheime, obwohl noch wenig geklärte Beziehungen könnten darauf hindeuten, daß wir auch hier die hoch gesteigerte Form eines fortwaltenden Ur- und Grundprinzips aller schaffenden Natur vor uns haben, das bereits im ganzen tieferen Leben ebenfalls eine Rolle spielte, wenn auch verschleiert. Das, was uns geistig in uns als ewig abändernde, umschaffende, verwechselnde, neu und anders vereinheitlichende Phantasie erscheint, ließe sich in seinen stofflichen Grundlagen vielleicht irgendwie vergleichen mit jenem rastlosen Variieren innerhalb der unteren organischen Gestaltung, das seit undenklichen Zeiten das Entwickelungsspiel bei Pflanzen- und Tierarten im Gange gehalten zu haben scheint. An sich stehen diese Varianten auch dort nicht ohne weiteres unter dem Nutzprinzip. Sie fallen ihm gegenüber zunächst auch scheinbar spielend, – richtungslos das gegebene Urbild bloß abändernd. Immerhin benutzt die Anpassung in Darwins Sinne vieles daraus, um ihre Nutz- und Trutzorgane damit auszubauen. Weit darüber fort aber scheinen auch hier, höchst merkwürdig und bedeutsam, schon gewisse eigene Wege und Ziele dieses Variierens aufzutauchen, die nun unmittelbar an Züge unseres Kunstlebens gemahnen. Wo es frei schalten kann, da bewährt das Variieren auch im organischen Bilden an Pflanzen- wie Tierkörpern bereits eine unmittelbare Tendenz zur Schaffung rhythmischer, harmonischer Gebilde. Es schafft, von uns aus benannt, »Schönheitsformen der Natur«. Radiolarien, symmetrische Blatt- und Blütenformen, Gehäuse von Mollusken, Schmetterlingsflügel an den nicht dem Schutz gewidmeten Stellen, Luxusfedern der Paradiesvögel sind bekannte Proben auf diesem Wege, – in Wahrheit ist das ganze untermenschliche organische Reich allerorten schon für den unbefangen prüfenden Blick erfüllt von Erscheinungen dieser Art, die schon dort keinerlei Nutzzweck haben, zugleich aber einer höheren inneren Harmonie der Form als ihrem eigensten Gesetz unterliegen. Bloß wohlgemerkt, daß das hier unten alles auch noch zunächst in der Stufe des angewachsenen Organs, hier nicht des nützlichen, aber des schönen Organs, verharrt. Das »Schöne« erscheint den Tieren wesentlich noch auf den Leib geschrieben, als Feder, als Schmetterlingsflügel. Erst ganz allmählich verfolgen wir Anfänge geistiger Anschlüsse, zunächst doch auch sie stark in der Klammer des Instinkts: beim Vogel, der rhythmische Töne erzeugt, der singt. Vor dieser höheren Tierwelt ist seit Darwin, der die Tragweite auch dieser besonderen Dinge vielfach bereits scharf gesehen hatte, eine Streitfrage darüber, ob Sinn auch für Formenschönheit dort an Auge und Gehirn schon angeschlossen sein könnte: Tiere sollen bei der Liebeswahl die am meisten geschmückten Männchen oder Weibchen begünstigt und so bereits in einem höheren Sinne der Körperschönheit nachgeholfen haben. Immerhin bliebe es aber auch dann noch bei einer auf den Leib gezüchteten Schönheit. Im Ganzen sind alle diese Dinge heute noch sehr dunkel; man hat sie bisher leider nur sehr mangelhaft durchforscht, da sich der Naturforscher und der Künstler meist ängstlich aus dem Wege gegangen sind. Mag man aber auch hier ruhig den Mutterschoß im tiefer Natürlichen zugeben, so erscheint doch erst recht in ganzer Größe wieder die Tat des Menschen auch in seiner wirklichen Kunst. Bei ihm ist auch sie erst aus der körperlichen Zeugung in die geistige entscheidend übergegangen, womit sich ihr die unendliche Bahn eröffnete, alles in ihrem Sinne umzuwandeln und ihrer höheren Einheit zu erobern, was in dem ganzen Weltenreichtum dieses Geistes fortan geboten war. Bei ihm machte auch sie äußerlich den ungeheuren Schritt mit, daß sie sich des Werkzeugs bemächtigen konnte, ihre innere Vision bannen konnte in Stein und Farbe, Instrument und Schrift. Wohl streifte auch sie in ihm nicht ganz das dunkle hüllende Gewand ab, als wachse, wieder im Gleichnis gesprochen, auch hier ein Zweig am Baum des Lebens, den der Mensch auch auf seiner Höhe nicht brechen, nicht ganz genießen durfte. Staunend sieht der Intellekt, der zur hellen Erkenntnis des Guten und Bösen gekommen, die innerste Vision der Kunst noch immer aufsteigen als Geschenk des Undeutbaren und Unberechenbaren, als »Es«, das in uns schafft, aber sich nicht gebieten läßt, das seinen Ort und seine Stunde wählt, wie es will. Die Kunst ist nicht gut und böse in jenem Sinne, sie ist nicht Schutz und nicht Mitleid; einsam steht sie noch einmal für sich neben all dem andern, und doch ist es, als sei sie auch wieder all das andere selbst, doch in einer höheren Schau neu aus ihr geboren. Aber gerade so ist auch noch einmal die ganze Größe des Menschen in ihr. Aus ihr ist unsere Liebe als sixtinische Madonna gestiegen, in ihr hat sich das Fragment des armen ringenden Menschenlebens zur Dichtung des Faust geweitet, aus ihr ist unser Lebenssturm wie unsere Sehnsucht verklärt worden zu den Klängen Beethovens, von denen wir alle ahnen, daß sie tiefer an den Weltengeist rühren, als all unsere Erkenntnis.
Mag es genügen für unsern Zweck, das große Bild bis hierher aufzurollen. Nur zwei Punkte möchte ich noch wie Stichproben herausheben. Bis zum Menschen ist die uns sichtbare Naturentwickelung zeitlich vorwärts gegangen, immer vorwärts. Im Menschen beginnt auch neben diesem weiteren Fortschritt in der Zeit ein schlechterdings neuer Vorgang. Der Mensch rollt die Vergangenheit rückwärts wieder auf. Er treibt Geschichte, forscht in das längst Verklungene neu hinein. Vor seinem Blick entstehen von ferner Höhe wieder die Bilder seiner eigenen Urvergangenheit, vor ihm durchschwimmen noch einmal die alten Ichthyosaurier ihr blaues Meer, grünen die Farnwälder der Steinkohlenzeit. Wir wachsen von Kindheit, von der Schule her so auf in dieser Leistung, daß sie uns als das Selbstverständlichste erscheint. Und doch waltet auch hier ein ganz und gar neuer Zug der Natur, für den wir bis zum Menschen nicht den leisesten Anhalt haben. Und weiter: der Mensch ist das erste Erdenauge, das über diese Erde hinausschaut. Er sieht die Erde kreisen zwischen andern Sternen, sieht andere Welten in der Ferne auftauchen. Wie immer es sonst sei mit Leben im Kosmos: hier hat zum ersten Mal irdisches Leben einen kosmischen Anschluß erhalten. Das Auge des Gelehrten, der in stiller Nacht durch sein Fernrohr in die Sonnen und Nebelflecken da oben dringt, ist nicht mehr das Tierauge, das zur Orientierung hier unten auf der Erde entwickelt wurde. Es ist ein kosmisches Auge des Lebens geworden, und dieses Organ besitzt kein Tier. Wir wissen aber auch alle, daß sowohl dieses Sternenauge wie jener Vergangenheitssinn im Tiefsten noch etwas anderes suchen. Sie suchen im großen das gleiche, das auf einem andern Wege auftauchte, als zum ersten Mal im menschlichen Intellekt die freie Frage nach Gut und Böse entstand und die Herrschaft des Instinkts aus den Angeln hob: Erkenntnis über den letzten größten Zusammenhang aller Dinge in der Welt, über Gott und Natur, – Weltanschauung. Seit Jahrtausenden starrt das Auge des Menschenwesens auch da hinein. Wir werten hier nicht die Antwort. Aber auf der Stufe des Tiers hat die Natur auch nicht aus diesem Auge geschaut …