Verweilen wir einen Moment bei dem letzten Bilde, – auf der Sternwarte. Denken wir uns, daß wir mit ihrem Rohr nicht bloß hinausschauen, sondern auch hineinschauen könnten zu uns selbst. So also stände in ihren größten Zügen die Menschheit vor uns. In diesem ungeheuren Geiste arbeitet sie jetzt mit ihrem schlichten, äußerlich kaum veränderten Körper seit einer gewissen Kette von Jahrtausenden auf der Erde. Vor mindestens fünfzig solcher Jahrtausende, beim späteren Diluvialmenschen, sehen wir die meisten jener entscheidenden Charaktermerkmale in ihr schon angelegt, gleichsam im Rohbau fertig. Die allererste Arbeit war offenbar bis dahin schon getan. Etwa in den letzten zehn Jahrtausenden können wir dann in einer gewissen mittleren Kulturschicht immer genauer den Vorgang einer unausgesetzten Vertiefung und Vervollständigung jener Merkmale durch eine keinen Augenblick rastende Arbeit, die stets nach der gleichen Seite geht, verfolgen. Während das übrige organische Leben des Planeten, abgesehen von Eingriffen dort des Menschen selbst, in dieser Zeit wie in einer immer stärkeren Erstarrung entwicklungsgeschichtlich so gut wie reglos, höchstens hier und da an kleinen Punkten abbröckelnd, um das wunderbare Schauspiel der Menschheitsentfaltung herum stehen bleibt, treibt diese selbst von dem angelegten Stamm Blüte um Blüte.

Es gibt natürlich allerlei willkürliche Standpunkte, von denen man das bestreiten kann. Man kann behaupten, daß die Menschheit in diesen Jahrtausenden nicht glücklicher geworden sei, indem alle geistige Weiterarbeit nur feinfühligere und damit stärker schmerzbewegte Menschen geschaffen habe. Mit diesem Standpunkt kann ich bei einem Spaziergang durch den Wald mich in das Glück eines Hasen versenken, der für die meisten Lebensdinge seinen Instinkt hat, nur zu kleinen leichten Nachhilfen selbst zu wählen braucht und gewiß eine ziemliche Anzahl behaglicher Gefühlsmomente ohne Qual der Rückgrübelei und Vorangst hat, und ich kann mir daneben die schweren Seelenstimmungen ausmalen, unter denen in einem Beethoven die neunte Symphonie und einem Goethe der Faust entstanden sind. In Wahrheit ist aber dieser mehr oder minder faule Glückszustand nicht der wahre Messer bei Entwicklungsfragen. Wir nehmen an, daß Entwicklung im tiefsten Sinne auch von Nacht zu Licht, von chaotischeren zu harmonischeren Zuständen gehe. Aber wir wissen jeder aus unserm eigenen Leben, daß das tiefste Ringen um Läuterung in diesem Entwicklungssinne niemals in jenem groben Sinne »Glück« ist. Trotzdem wissen wir ganz genau, daß wir dieses Ringen nicht missen wollen, daß es unser tatsächlich Wertvollstes ist, dieses ewige Weitermüssen und wieder neu Durchmüssen. In einem echten und richtigen Sinne hat auch die Weiterentwicklung und Vertiefung der Menschheitskultur in diesen Jahrtausenden wirklich neue Lichtwerte in Fülle eingestreut, die früher nicht möglich waren: man denke an das Glück der sittlichen Tat, die befreiende, verklärende Hingabe an die reine Anschauung in Forschung und Kunst, an Naturgenuß, an die erhabenen Schauer künstlerischen Schaffens, an das sonnige Sichdarangeben in jeder hohen Liebestat, sei es aus Mitleid oder um irgendein Volks- oder Menschheitsideal, an die Wunder der inbrünstigen Versenkung in tiefstes religiöses Leben oder in das Heldentum des Gedankens. Das ist alles gewiß kein Ruhebetts-Glück, es ist zum Teil Glück in Schmerz und Tod, mindestens in schwerster Arbeit, aber es sind Werte, die, wo immer einer von uns an sie gerührt hat, ihm doch nicht eben Sehnsucht nach jenem Hasenglück erweckt haben.

Man kann ebenso von irgendeiner Einseitigkeit aus urteilen, es habe keinen wahren Kulturfortschritt gegeben und alles bewege sich nur immer wieder im Kreise herum. Man kann vom Boden des reinen Friedensideals betonen, daß die Erde noch in Blut schwimmt, daß Christus nichts erreicht hat, daß das Völkerrecht von Kulturnationen noch mit Füßen getreten wird, daß es Verbrecher gibt, heute noch. Man vergißt eben dann, daß die Menschheit, wie sie oben gekennzeichnet ist, zunächst nicht bloß einen Faden auszuspinnen hatte, sondern mit dem widerspruchsvollsten Naturerbe sich bis heute auseinandersetzt; daß Entwickelung und Fortschritt nicht Erfüllung heißt, sondern langsamer Anstieg inmitten zahlloser Hemmungen; und daß es immer wieder Krisen gibt, deren Wert eben darin besteht, daß sie uns zeigen, was noch nicht fertig, noch nicht wirklich geklärt ist, eben, um uns aufzurütteln dafür, was noch weiter in unendlicher Arbeit getan werden muß. Wer ginge nicht mit Grauen durch unsere Tage grade jetzt wieder; und doch ist in diesem Grauen selbst schon der Wert und die Hoffnung. Furchtbar sind solche Augenblicke, aber sie sind auch der Märtyrer des Besserwerdens. Dafür hat eben der Mensch die bewußte Schau mit der Freiwahl, daß er auch das Düstere immer wieder in ganzer Nacht sehen muß. Das hat uns der lichtgläubigste Dichter, den wir gehabt haben, in seinem »Faust« gezeigt. Ein Märtyrer ist in diesem Sinne selbst der Verbrecher, weil er uns darauf stößt, daß hier in unserer Gesellschaft noch zu bessern, besser zu erziehen, besser sozial vorzusorgen ist. Alle diese Nachtzeichen sind in der Form, wie sie auf unsern bessern Menschheitsinhalt wirken (der doch auch eben besteht, sonst wäre unsere Klage um das Schlechte nicht), nur selber Entwicklungs- und nicht Kreislaufs- und Stillstandszeichen.

Manches Unheil in der Kulturbetrachtung richtet auch nur unser gewöhnliches Geschichtsbild, wie wir es zu lernen pflegen, an mit seinem ungeheuren Wirrsal politischer Geschehnisse, mit seinen Völkern, die scheinbar sinnlos aneinanderprallen, übereinander fortfluten, einander vernichten, mit seinen endlosen leeren Ziffernreihen unvermittelten Geschehens in Reichen, Königen, Staatsmännern, Schlachten, bei denen das geschichtliche Bild sich immer wieder spinnt wie das Netz der Penelope und am andern Morgen wieder zerstört ist. Augenblicklich aber erscheinen mit ganz überwältigender Kraft die zusammenschließend aufwärts gehenden Fäden, sowie man wirkliche Kulturgeschichte betrachtet und vollends, wenn man aus ihr die Einzelgeschichte irgendeines Geistesgebiets aus der Reihe jener oben angedeuteten Menschheitsfächer heraushebt. Man nehme beliebig die Geschichte etwa der Philosophie oder der Mathematik, der Musik, irgendeines Zweiges der Technik, der Astronomie oder Zoologie – und der aufsteigende Zug ist unabänderlich da. Man verlangt Geist Gottes in der Geschichte. Nun, wenn das bedeuten soll, daß alles von vorneherein so vortrefflich eingerichtet sein soll, wie möglich, daß die Welt mit dem erfüllten Ideal anfangen soll, so gibt es natürlich nichts derart weder in der Natur noch in der Menschheitsgeschichte, und es könnte nichts geben, denn diese Vorwegnahme höbe überhaupt den Begriff Entwickelung und Geschichte selber auf. Wenn es aber heißen soll, daß nicht ein Haufen Unsinn, sondern ein organisches Wachstum, eine Lebenssteigerung, im Sinne menschlichen Bewußtseins und Geisteslebens eine zunehmende Aufhellung in jedem einzelnen jener Kulturzweige geschichtlich hervortreten soll, so geht dieser Geist tatsächlich auf Schritt und Tritt durch die Geschichte. Es braucht nicht so zu sein, daß grade unsere Ethik, die wir uns selber erst in schweren Kämpfen innerhalb der Geschichte als eine gewisse eigene Richtschnur errungen haben, schon überall die Dinge selbst sichtbar beherrsche, daß nichts Tragisches, Schmerzliches, eben unseres Mitleids und unserer sittlichen Läuterung im einzelnen Bedürftiges in dem ungeheuren Spiel wäre, – wenn eben nur ist, daß freie Geisteswahl, Technik, Gemeinsinn mit seinen Gesetzen, Edelliebe und hilfsbereites, mitfühlendes Gemüt, Kunst und was sonst Wesen des Menschenwesens ist, sich fortgesetzt vertieft haben in den sichtbaren Jahrtausenden bisher, ohne daß eine einzige dieser Wesenseigenschaften inzwischen wieder erstarrt, versandet, in niedere Urformen wieder zurückgesunken wäre. Man stelle sich einen Menschen dicht beim Ende dieser letzten zehn Jahrtausende vor vom Geistesinhalt Goethes und eine Kultur, die dabei ist, diesen Geistesinhalt mehr und mehr als Gemeinbesitz in sich zu verbreiten – und daneben einen Diluvialmenschen in seiner Höhle der Eiszeit, der uns so rührend ist, weil in ihm der Mensch schon mit ganzer Kraft begonnen hatte, und der doch erst das kleine Kind der Kultur war, die dort zum Manne gereift ist. Wer vor diesen beiden Bildern nicht an Heraufgang glaubt, der spielt eben nur mit diesem Wort und hat die Heiligkeit seines Inhalts nie begriffen.

Und mit diesem Bilde schreiten wir nun auch in die nähere Zukunft. Überall sehen wir Arbeit, die weiter getan werden soll, Fahne um Fahne, die weiter flattern will. Ich will nicht von den großen Dingen reden, die grade wieder dahinstürmen, denken wir nur an die Arbeit im stillsten Kämmerlein. Wie oft hat es ausgesehen, als sei nun alles erforscht, alles gedacht. Und wie hat allein die Naturwissenschaft grade unsrer Zeit da wieder ganz neue Welten aufgetan, von denen noch kein entferntestes Ende abzusehen ist. Nach der Verwertung durch die Technik wird erst eigentlich innerlich der Gedanke sich damit auseinandersetzen müssen. Unser Gemütsleben, unser religiöses Sehnen wird sich neu damit in einen höheren Einklang bringen müssen. Arbeit für Jahrhunderte. Wir stehen überall erst in den Anfängen. Und auch das dann doch nicht bloß im stillen Kämmerlein. Ins weite sehnende Volksherz hinaus. »Auf freiem Grund mit freiem Volk zu stehn.« Wie viel Jahrhunderte Zukunftsarbeit liegen wieder in diesem einen Dichtervers …


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