Drittes Capitel.
Unsterblichkeit.
Geheimnissvolles Wort, – Unsterblichkeit! Wer die Geschichte der Menschheit anknüpfen wollte an die Geschichte ihrer tiefsten Träume, ihres bangesten, herzbewegtesten Sehnens, der müsste sie anknüpfen an dieses Wort.
Es ist nicht wahr, dass dieses Wort nicht auch uns noch immer im Grunde all' unseres Denkens fortzitterte: – die uralten Phantasieen des Volkes vom Nilstrande, in denen der Zauber desselben zuerst eine dämonische Macht geworden, sind von all' dem Alten, Verklungenen vielleicht noch das Lebendigste und greifbar Deutlichste, was mitten durch unsere junge Welt wandelt. Wir sind anders geworden, besser, freier, wir stehen nicht mehr im Morgenschein der Jahrtausende, der helle Mittag wölbt sich über uns, der grosse, helle Mittag, von dem wir noch kein Ende sehen, – und doch – und doch. Das Wort Unsterblichkeit ist nach wie vor eine zwingende Gewalt. Es ist die Basis aller Metaphysik in der Religion. Die Zeiten sind herum, wo die Menschheit einen Gott in Donnerwolken oder Knechtsgestalt zur Erklärung ihrer Sittengesetze brauchte: die Frage des ewigen Looses nach aller Zeitlichkeit fordert auch heute noch den kühnen Flug über die Grenzen des Erkannten, und wenn alle dogmatische Religion sich sonst zersetzen sollte, so wird ihre letzte lebenskräftige Ranke sich immer wieder emporwinden an der festen Säule des Trostes am Grabe unserer Todten. Aber wie die meisten Fragen, die eine religiöse Bedeutung besitzen, ist auch diese zugleich auf's Engste verwachsen mit der Dichtung. Ihre Behandlung unter den Prämissen realistischer Aesthetik und Poesie scheint mir um so dringender geboten, als die allgemeine Ansicht von der Stellung der exakten Naturwissenschaft zu ihr vielfach eine einseitige oder geradezu falsche ist. Dank einer gewissen Sorte von voreiligem und bei bestem Willen hochgradig ungeschicktem Popularisiren physiologischer Erkenntniss, hat man sich daran gewöhnt, ein Dilemma aufzustellen, das thatsächlich nicht stichhaltig ist. Man wiederholt unaufhörlich die beiden Sätze: Entweder unsere Seelen sind unsterblich, – – oder mit dem Tode ist alles aus für ewige Zeiten und in jeder Bedeutung, – wobei es dann als Folgerung der Wissenschaft nahe gelegt wird, dass die erste Möglichkeit in Wahrheit keine sei und die zweite als Kehrseite der andern die nothwendig richtige sein müsse. Der Fehler liegt in dem »entweder – oder«. Ich will versuchen, das exact zu entwickeln. Die moderne Physiologie ist, um den ersten Punct zunächst allein in's Auge zu fassen, allerdings, sobald sie ehrlich sein will, gezwungen, die gewöhnlichen Vorstellungen von Unsterblichkeit sämmtlich zu vernichten. Die Seele im Volkssinne ist für sie lebend wie todt ganz gleichmässig ein Gespenst. Das, was wir so nennen, ist ein Complex von Erscheinungen höchst verwickelter Art, die wir unabänderlich als Parallelphänomene gewisser molecularer Vorgänge finden und zwar so parallel, dass jeder molecularen Verschiebung auch eine Verschiebung des Psychischen entspricht und das so genau, dass, wie ich es im vorigen Capitel für ein bestimmtes Gebiet durchgeführt habe, schematische Bilder des psychischen Mechanismus auf den molecularen passen und umgekehrt. Möglicherweise ist jede moleculare Erscheinung in der Welt von entsprechenden psychischen begleitet, doch werden letztere uns erst bemerkbar bei einer gewissen Summirung und Ordnung der Molecularphänomene, wie sie in der organischen und hier vor allem der höheren organischen, der thierischen und schliesslich der menschlichen Molecularstructur sich finden. Diese höhere Structur ist lediglich ein Anordnungsproblem, eine Constructionsaufgabe, bei der einfachste Bestandtheile schliesslich den complicirtesten Bau liefern. Obwohl durch gewisse, uns zur Zeit noch verschlossene Zeugungs- und Vererbungsgesetze mit der nächsten Generation ähnlicher Gebilde verknüpft, hat die einzelne Molecularpyramide, die in ihrer ungeheuren Massenanhäufung für bestimmte Zwecke auch die erstaunlichsten psychischen Parallelerscheinungen aufwies, die je geleistet worden waren, doch eine endliche Dauer und zerfällt nach einer gewissen Zeit wieder in ihre kleinen molecularen Bausteine. Letzteren Vorgang nennen wir Tod. Dass die psychischen Phänomene, die sich parallel mit den molecularen zu einer colossalen Gesammtleistung für die Dauer der molecularen Massenordnung vereinigt, im Momente des Zusammenbruchs der molecularen Pyramide ebenfalls als Ganzes verschwinden und sich in die problematischen geringsten Procentsätze auflösen, die möglicherweise an jedem Einzelmolecül haften, ist vollkommen selbstverständlich. Das Schema des physiologischen Todes: Zerfallen einer kunstvollen mathematischen Figur in lose, durch das Spiel neuer Kräfte bald nach allen Richtungen verschobene Puncte, muss sich nothwendig auch decken mit dem Schema des psychologischen Todes. Der Naturforscher muss als absolut sichere Thatsache constatiren, dass noch niemals an irgend einem Puncte der bekannten Welt psychische Erscheinungen ohne entsprechende moleculare beobachtet worden sind, und der Inductionsschluss vom Bekannten auf das Unbekannte tritt mit allem Rechte in Kraft. Das Suchen nach körperlosen Seelen, wie es in spiritistischen Kreisen als angebliches Problem behandelt wird, kann gerade vom methodologischen Standpuncte aus nur mit dem Eifer verglichen werden, mit dem jener berühmte Bürger der guten Stadt Schilda das Tageslicht vermittelst einer Mausefalle zu fangen versuchte, um es in das fensterlose Rathhaus zu überführen. Alles was in's Gebiet dieser theoretischen wie practischen Narrheiten gehört, kann physiologisch nicht scharf genug zurückgewiesen werden. Der Dichter, der hier pikante Stoffe zu finden glaubt, ist zu bedauern. Ich bin sogar der Ansicht, dass, abgesehen von den Geistererscheinungen, die keine Dichtung uns mehr im Ernste auftischen kann, der rechte Poet auf so manche kleinen Effecte verzichten soll, die man sich im Banne älterer Anschauungen noch gefallen liess. Wenn er einen Todten schildert, soll er nicht mehr die Reporterphrase verwenden: »Die Mienen des Entschlafenen bezeugten den tiefen Frieden, zu dem er eingegangen.« Die Gesichtsmuskeln werden nach eingetretenem Tode meist schlaff und geben den Zügen etwas Lächelndes. Aber man sollte das nicht mehr als Anhaltspunct benutzen, nachdem man weiss, dass es in Wahrheit nichts besagt und eine körperliche Erscheinung ganz gleicher Natur wie die nachfolgenden der Verwesung ist, die kein Mensch als Effecte ausspielen möchte.
Die strenge Wissenschaft geht übrigens noch weiter. Sie verneint nicht nur die individuelle Fortdauer der psychischen Processe über den Tod hinaus, sondern sie bedroht auch ernstlich die letzte Zuflucht der Unsterblichkeitsträume, die bedingte Fortdauer der Väter in den Nachkommen. Es giebt gewisse nicht wohl anfechtbare Schlüsse, die das ewige Bestehen des Menschengeschlechts für die Zukunft ebenso unsicher machen, wie es auf Grund der paläontologischen Forschung für die Vergangenheit ist.
Cosmologische Erscheinungen, die theils als Ergebniss unendlich kleiner, aber unablässig anwachsender Störungen, theils in Form gröberer Catastrophen eintreten können, sind möglich, die den Planeten, an dessen Existenz und Temperaturhöhe das organische Leben gebunden ist, gänzlich vernichten oder doch zum Bewohnen untauglich machen können. Auch jener Fortdauer durch Zeugung ähnlicher Nachkommen wäre damit ein Ziel gesetzt.
Das ist mit runden Worten die eine Seite der Frage. Die Antwort der Wissenschaft ist bei aller Mangelhaftigkeit unserer physiologischen Erkenntniss in diesem Falle decidirt genug, um alle leichtfertigen Träumereien auszuschliessen. Die Dichtung kann nichts thun, als die Thatsache annehmen, wie sie ist. Wir dürfen weder poetisch darstellen, wie ein verstorbener Mensch aus dem Jenseits zurückgekommen, noch dürfen wir überhaupt den Anschein erwecken, als hielten wir die psychische Existenz eines lebenden Wesens für etwas, was von der physiologischen Erscheinungsform so unabhängig wäre, dass es beim Zerfallen der Letzteren selbstständig weiter existiren könne.
Mit Entschiedenheit muss ich mich nun aber gegen die zweite Hälfte jenes Doppelsatzes wenden. Ich frage: was will der Satz »mit dem Tode ist Alles aus«? In dem »Alles« steckt eine Vermessenheit, die derselbe Naturforscher, der eben die bestimmte, positive Einzelannahme eines Fortlebens der individuellen Seele zurückweisen musste, darum noch lange nicht kritiklos nachzusprechen gezwungen ist. In jenem »Alles« wäre enthalten, dass wir eine factische Kenntniss vom Wesen der ganzen Welt, wie des Individuums hätten. Das ist nicht der Fall. Es muss ganz scharf unterschieden werden: die bestimmte psychisch-physiologische Weltansicht des Naturforschers und die Welt an sich, die Welt, die sich hinter dem Bilde verbirgt, das wir sehen. Der Naturforscher ist ein Mensch. Er sieht Dinge um sich her, so weit seine Sinnesorgane und sein Gehirn ihm das erlauben – nicht mehr. Die schärfsten Beweise sprechen dafür, dass diese Sinnesorgane und dieses Gehirn ihm nur einen ganz beschränkten Theil der wirklichen Welt zeigen, und es giebt eine Reihe von Puncten, die nahe zu legen scheinen, dass sogar dieser kleine Theil beeinflusst und möglicherweise gefälscht ist durch die feste Form seines beobachtenden und reflectirenden Organes. Da Alles, was wir gewahren, erst in unserm Centralorgan zum Bilde wird, so kann die Vermuthung nicht wohl widerlegt werden, dass die Structur dieses Organs auf die Form dieses Bildes einen Druck ausübt; man hat mit einiger Wahrscheinlichkeit bereits ausgesprochen, dass die Begriffe des Raumes, der Zeit und der Causalität in unserm subjectiven Weltbilde erst Wirkungen dieses Druckes wären und somit überhaupt nur in uns, nicht in der Aussenwelt existirten; man hat mit ziemlicher Sicherheit den Begriff des Stoffes in uns selbst verlegt, während von Aussen nur Krafteindrücke kommen. Und es wird für den Laien am Besten ermöglicht, sich in diese kühnen, aber nicht unbegründeten Hypothesen hineinzudenken, wenn er sich an rohe Facta der Sinnenwelt hält (beispielsweise die Farben, welche bekanntlich nicht an den Gegenständen haften, die wir roth, blau oder grün sehen, sondern in unserm Auge sind) und sich mit ihrer Hilfe die Möglichkeit vergegenwärtigt. Während diese Ideenkreise die Fälschung unseres Weltbildes durch unser eigenes Denkorgan als wahrscheinlich hinstellen, zwingt andererseits die Forschung selbst zur Erkenntniss fester Grenzen. Wir sind nicht im Stande, jenen Parallelismus von Psychischem und Molecularem, von dem auf diesen Blättern bereits so oft die Rede gewesen ist, irgendwie zu verstehen. Wenn eine Molecülreihe rechts schwingt beim Gefühl des Schmerzes, links bei dem des Angenehmen, so ist damit noch keine Brücke geschlagen von der Schwingung zum Gefühl und wir können lediglich den nie wechselnden Parallelismus constatiren. Wenn wir den Begriff des Molecüls zerlegen und die tieferen Geheimnisse dessen aufzudecken versuchen, was wir mechanische Kraft nennen, so verwickeln wir uns nicht aus Unkenntniss der Sachen, sondern durch offenkundiges Versagen der Logik in unlösbare Widersprüche. Wir können nicht umhin, ein derartiges Aufhören aller wissenschaftlich gangbaren Strassen als Grenze zu bezeichnen. Wir fühlen sehr wohl, dass jenseits derselben noch sehr Viel liegt, ja, die fundamentale Kenntniss des Daseins eigentlich erst ihren Anfang nehmen würde, aber es ist nichts zu machen, wir können mit dem Gehirn, das wir haben, einfach nicht weiter. Ob unsere Urenkel mehr vermögen werden, muss ihnen ihr vielleicht weiter entwickeltes Gehirn sagen, es geht uns gegenwärtig nichts an.
Eine Wissenschaft aber, die von Grenzen, von Fälschungen ihres Weltbildes zu reden gezwungen ist, kann zwar innerhalb ihres Gebietes sehr wohl diese oder jene Thatsache als sicheres Resultat aufstellen, sie hat aber kein Recht, ihre Urtheile in der Weise zu verallgemeinern, dass sie sich für competent in Fragen der absoluten Welt, der Welt an sich, erklären darf. Die Wissenschaft ist nicht nur berechtigt, sondern genöthigt, ausdrücklich festzustellen, dass so, wie sich die Welt in unsern Menschenaugen deutlich erkennbar spiegelt, ein isolirtes Fortleben der Seele einfach unmöglich ist. Mit dem Tode ist eine Kette von Ereignissen der sichtbaren Welt zu Ende. Was beweist das für die wirkliche Welt, jene Welt, die sich noch unabsehbar hinter unsern Erkenntnissgrenzen dehnt und von der ein ganz kleines, getrübtes Endchen in unser Sehfeld sich erstreckt? Gar nichts. Wir, die wir weder wissen, was psychische und moleculare Vorgänge ihrem innersten Wesen nach sind, noch wie sie zusammen kommen, wir, die wir von Zielen, Zwecken, Sittlichkeit, Gesetzmässigkeit, Anfang, Ende, Schönheit oder Hässlichkeit der wahren Welt auch nicht das Geringste ahnen, wir sollten von etwas sagen, es sei zu Ende? Wir, die wir in einer Welt voll unendlicher, sich im Raum verlierender Linien, voll unendlicher Decimalbrüche, voll unendlich theilbarer Körper leben, wir sollen von irgend einem Ding sagen: Hier ist alles aus? Eine wohlfeile Philosophie, die aus dem schwankendsten unserer Begriffe, der Materie, etwas absolutes macht, mag sich dabei beruhigen; Naturwissenschaft ist das nicht.