Ich hoffe, dass man mich richtig verstanden hat. Alles was wir Menschen sehen, ist Physisches, auch das Psychische, in so fern es stets an ein Physisches geknüpft ist. Innerhalb dieses Physischen giebt es keine Unsterblichkeit. Aber wir haben Grund zu glauben, dass dieses Physische vor unsern Augen nicht das echte Cosmische, das eigentlich Wahre und Seiende ist, sondern bloss ein mattes und lückenhaftes Gleichniss desselben. Innerhalb dieses eigentlich Seienden ist allem Anschein nach das Leben, das psychische wie das moleculare, selbst etwas ganz anderes, und dort mag es Verhältnisse geben, die alle irdischen Conflicte lösen, alles Schiefe versöhnen; die Annahme kann uns nicht bestritten werden, der Naturforscher hat hier nichts mehr zu sagen. Freilich: Wissen thun wir von jener Welt an sich gar nichts, als dass sie besteht. Aber darin liegt viel. Mit ihrer Existenz haben wir einen ruhenden Punct gefunden, der ausserhalb des Irdischen liegt. Mit dem Bewusstsein eines solchen Punctes weicht die drückende Schwere des Vernichtungsgedankens sowohl im Individuellen, wie im allgemeinen Erdenloos. Mag unsere Laufbahn immerhin um sein für die Augen, für das enge Gehirn der verschwindenden Menschenwelle auf dem einsamen Planeten der Sonne. Alles ist damit nicht aus. Hinter dem ewig verschlossenen Vorhang wandelt ein Anderes, ein Grösseres, als wir. Indem der Forscher uns unerbittlich versagt, unsere Unsterblichkeitsträume in Bilder der sichtbaren Welt zu kleiden, eröffnet er uns zugleich durch die Feststellung von Grenzen die Ahnung einer Welt, an die jene Träume sich ungestört heften dürfen. In dem Versagen jenes ersten Punctes muss er denn allerdings seine ganze Strenge walten lassen.
Wohl eröffnet sich uns der tiefe Gedanke, dass unser Leben nicht das Absolute, nicht Leben im eigentlicheren Sinne sei, sondern nur ein seltsamer Traum, ein Wandelbild, das an uns vorüberzieht, wohl mögen wir zugeben, dass der Tod nur eine Episode in diesem Bilde, kein wirklicher Abschluss sei. Aber das ist auch nun von der andern Seite wieder alles. Jene wahre Welt greift nicht als fremder Gott in unsere Welt ein, weder in den Offenbarungen der Religion, noch den Geheimnissen des innersten Seelenlebens, noch auch in den Idealen der menschlichen Kunst. Es giebt keine Puncte im physischen Weltbilde, das wir vor uns sehen, wo wir der Welt an sich näher oder ferner wären; überall stossen wir bei einiger Durchdringung der Erscheinungen auf die ewige Schranke.
Gleichwohl – selbst mit all' diesem Vorbehalt – scheint mir der Poesie vor allem eine mächtige Stütze in dieser Fassung des Unsterblichkeitsgedankens zu liegen. Für sie, die stets das Ganze, das Allgemeine im Auge hat, ist das Resultat des Naturforschers, das hinter der physischen Welt eine andere, wenn auch unbekannte, nachweist, ein gewaltiger Gewinn. Dem Irdischen, das in ungelösten Conflicten auseinandergeht, wahrt sie die Fernsicht in ein Zweites, das dahinter liegt und das zugleich unsere Erkenntnissschwäche, wie unsere Hoffnung einschliesst. Nur wenn sich die Poesie frei macht von dem gewöhnlichen, physischen Unsterblichkeitsglauben und, der Wissenschaft folgend, sich zu dem wahrhaft philosophischen Gedanken erhebt, dass diese Erscheinungen des Lebens, wie des Todes überhaupt nicht das wahre Wesen der Sache, sondern nur das getrübte Bild, wie es unser Gehirn im Zwange fester Ursachen schafft, darstellen – nur dann kann sie mit gutem Gewissen wieder gelegentlich den Schmerz der Tragödie mildern durch ein weises Betonen des tröstenden Gedankens, dass weder mit dem Leben, noch mit dem Tode, weder mit menschlichem Glücke noch menschlichem Unglücke »Alles aus sei.« Und es ist dann sehr einerlei, ob sie mit Hamlet bloss unser Nichtwissen in die geheimnissschweren Worte kleidet: »Der Rest ist Schweigen,« oder ob sie in sieghaftem Vertrauen emporjubelt mit dem Götheschen Chor: »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichniss!«
Viertes Capitel.
Liebe.
Weit ab von jenen geheimnissvollen Schranken des irdischen Geschehens, die wir im letzten Capitel berührten, liegt mitten im Centrum der molecularen Welt der unscheinbare Ursprung dessen, was unter dem Flammenzeichen des stolzen Namens »Liebe« sich zum mächtigsten Herrscher im Gesammtbereiche der Poesie aufgerungen hat. Das Wort Unsterblichkeit mit seinem Echo in den Gründen, »von wo kein Wandrer wiederkehrt,« muss seiner Natur nach den menschlichen Gedanken bis zu jenen Grenzen führen, die dem Forscher gestellt sind; das Wort Liebe, und mag das noch so hart hineintönen in alle unklaren Träumerseelen, bedeutet in seiner Quelle, seinem Verlauf und seinen Zielen eine durchaus irdische Erscheinung.
Der Naturforscher, von dem der gewissenhafte Dichter Aufschluss verlangt über die Resultate seiner unbefangenen Forschung nach der Natur der Liebesempfindung, ist gezwungen, den Fragenden vor die Anfänge jener ungeheuren Kette zu stellen, die wir zusammenfassend die organische Welt nennen. Tief unten an den Wurzeln dieses riesigen Lebensbaumes zeigt er ihm die einfache Zelle, ein selbstständiges Wesen, nicht Thier noch Pflanze – einen Crystall aus gleichem Stoffe geformt wie alle andern, aber von allen ewig geschieden durch die Besonderheit seiner molecularen Zusammensetzung. Gesetze, ihrem Wesen nach unbekannt, wie jene, die den crystallinischen Sprösslingen irgend einer Mutterlauge alltäglich vor unsern Augen jenes mathematisch starre Gefüge geben, das jeder Mineraliensammlung den allgemein bekannten Charakter verleiht, ermöglichen dieser organischen Zelle eine bestimmte Art von Aufnahme fremder Stoffe, die sie wachsen lassen, und eine Zertheilung in zwei oder mehrere Individuen vom Puncte an, wo dieses Wachsthum einen gewissen, nicht näher definirbaren Zustand der Reife erlangt hat. Wir kennen heute noch Geschöpfe solcher einfachsten Art, deren Leben in den beiden Processen des Wachsens durch Nahrungsaufnahme, das durch das Vermögen der Ortsbewegung unterstützt werden kann, und des Zerfallens in eine Anzahl neuer, kleiner Individuen, bei denen sich dasselbe wiederholt, erschöpft zu sein scheint. Die höchste Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass sie unveränderte Nachkommen uralter Formen sind, aus denen sich an andern Stellen durch Umwandlung die gesammte Linie der höheren Organismen entwickelt hat. Der Begriff der Fortpflanzung bedeutet hier einfach, wie bei Mutter und Kind: Trennung. Von Liebe, von einer Vereinigung zweier Individuen ist noch keine Rede. Aber in dieser Trennung liegt bereits der erste Schritt zum Kommenden. Gewisse äussere Ursachen, die im Princip jedenfalls am Besten in dem Darwin'schen Gedanken von der umwandelnden Macht des Kampfes um's Dasein, der kleinste chemisch und physicalisch bedingte individuelle Neigungen im bestehenden Typus zu grossen Verwandlungen heraufzüchtet, ausgesprochen sind, führten nämlich im Laufe der Zeit eine Fortentwickelung unter den einzelligen Wesen herbei. Die einfache Zelle zerfiel unter Umständen in ein Dutzend Tochterzellen. Anstatt sich nun nach allen Richtungen zu zerstreuen, konnte es für diese nützlich werden, beisammen zu bleiben. Wir sehen ein Conglomerat von Zellen einer einzigen Generation, die sich wie die Haut einer Blase um einen hohlen Mittelraum gruppiren und als Ganzes in einfachster Form das Schema eines thierischen Körpers bilden. Zwischen den Zellen entwickelt sich ein Gefühl der Gemeinschaft – der Freundschaft, wenn man so will. Aus der Generation von Zellen wird ein Zellenstaat, in dem die Mitglieder, selbst Sprösslinge einer Einheit, sich gewissermassen zu einer neuen, höheren Einheit zusammenthun. Sehr bald entwickelt sich Arbeitstheilung. Da die Nahrungssäfte durch die dünnen Zellwände hindurch bei näherem Aneinanderschliessen auf Grund physikalischer Gesetze frei circuliren, können sich einige wenige Zellen, indem sie alle Kraft darauf verwenden, ganz der Nahrungsaufnahme widmen und den übrigen die motorischen und sensitiven Eigenschaften überlassen. Durch diese Theilung der Functionen entstehen Organe, das heisst bestimmte Ecken des Zellenstaates, wo Zellen bloss noch für eine einzige Function thätig sind, diese aber so intensiv betreiben, dass sie für alle andern mit genügt. Am Ende ist ein höchst verwickelter Organismus geschaffen, dessen Theile nur mehr in der Gesammtmasse existiren können, so dass der Zellenstaat ein einheitliches Wesen, ein wahres Individuum wird. Die Frage ist: wie wird die Fortpflanzung dieser complicirten Maschine vor sich gehen? Das Zerfallen in neue Individuen war eine Function der Einzelzelle. Im Zellenstaat hat diese sich bei der allgemeinen Arbeitstheilung ebenfalls derartig in gewissen Zellen localisirt, dass nur noch diese zerfallen und Abkömmlinge des Ganzen in Gestalt einzelner Zellen entsenden. Von diesen Tochterzellen gründet später jede ihren neuen Staat für sich, indem sie den alten Weg der Selbsttheilung einschlägt und aus den Theilchen den Staat hervorgehen lässt. Der Vorgang ist jetzt complicirter, aber noch immer behauptet die Trennung allein ihr Recht, wo es sich um Fortpflanzung handelt. Erst die nächste Stufe erweitert sie zu etwas Neuem. Allenthalben bestehen Zellengemeinden, die kleine Einzelzellchen als Sprösslinge aussenden. Es ereignet sich, dass zwei dieser Sprösslinge – zwei von verschiedenen Gemeinden – auf einander stossen, sich vermischen. Jeder trägt das Bestreben in sich, durch Selbsttheilung einen neuen Staat zu gründen. Indem das Bestreben der Beiden sich vermischt, entsteht ein gemeinsamer Bau von doppelt starken Dimensionen. Wieder treten Gesetze in Kraft, die den Vortheil nicht verloren gehen lassen, es bildet sich bei einem grossen Theile der Zellenstaaten allmählich das Bestreben aus, seine Sprösslinge alle sich mit je einem Sprössling eines andern vermischen zu lassen, um dem künftigen Neubau eine Doppelbasis von verstärkter Kraft zu geben. Die Trennung des Keims vom Mutterorganismus bleibt nach wie vor; aber es folgt ihr eine Mischung, eine Vereinigung, ehe ein neuer Organismus entstehen kann.
Inzwischen, während dieser letzte Fortschritt sich anbahnte, hat die Arbeitstheilung und Organisation in den einzelnen Zellenstaaten colossale Entwickelungen durchgemacht. Es giebt Zellstaaten, die aus Millionen einzelner Zellen bestehen, welche sich um die verschiedensten Hohlräume in mehrschichtigen Blasen gruppiren, und jeder Keimzelle wird durch bestimmte Vererbungsgesetze auferlegt, nach Verschmelzung mit einer solchen eines andern gleichartigen Staates ein Gebäude aufzuführen, das nach Kräften dem Mutterstaate gleichen muss. Indessen: die Welt ist gross, die gleichartigen Staaten sind oft weit von einander entfernt, die frei ausschwärmenden Keimzellen finden sich oft nicht zueinander. Es bahnt sich ein neuer Fortschritt an. Wie einst jene ersten Tochterzellen in einem Gefühle von Zugehörigkeit, von Freundschaft beisammen blieben und den Zellenstaat gründeten, so vereinigen sich jetzt je zwei Zellenstaaten – nicht um ganz zu verwachsen, sondern bloss, um ihren Keimzellen durch möglichst günstige locale Bedingungen das Verschmelzen zu erleichtern. Sie treten von Zeit zu Zeit nahe zusammen, und der eine entsendet seine Fortpflanzungszellen in einen der geschützten Hohlräume im Innern des andern, wo sie sich ungestört mit den Keimzellen dieses letztern verbinden können, um ihr Verschmelzungsproduct nachher von dort aus in's Freie treten zu lassen.