Der Laie, dem diese Dinge neu sind, denkt vielleicht, der Naturforscher, indem er die letzte Stufe der Zellenentwickelung schildert, stehe noch immer bei grauen Urzeiten. In Wahrheit sind wir bereits am Ziel. Der Mensch ist der höchste und vollendetste Zellenstaat der zuletzt besprochenen Art; und zwar ist der Mann der eine, das Weib der andere. Indem sie sich geschlechtlich nähern, vermischt sich eine Keimzelle des Mannes, die Samenzelle, mit einer Keimzelle des Weibes, der Eizelle, in geschütztem Hohlraum des weiblichen Körpers, aus der Mischung der beiden Zellen entsteht der neue Zellenstaat des kindlichen Organismus, der später aus dem bergenden Leibe des Mutterstaates an's Licht des Tages tritt, um sich hier fertig auszugestalten. Bei allen Verwickelungen des Details geht durch den ganzen Zeugungsprocess ein Athem staunenswerthester Einfachheit, ein Zurückgehen auf die ursprünglichsten Erscheinungen des organischen Lebens. In jenen beiden Keimzellen, der Samen- und der Eizelle, wird der werdende Organismus unter dem Bilde der anfänglichen Einzelzelle, des Urwesens, von dem die ganze Kette abstammt, wieder angelegt, und indem der wachsende Embryo sich aus ihnen formt, durchläuft er noch einmal die wichtigsten Stufen der ganzen Ahnenreihe in traumhaft verschwommenem Fluge. Noch einmal scheint die Natur sich durchzutasten durch die unzähligen Erinnerungen des organischen Stammbaums, über dessen einstigen lebenden Vertretern jetzt bereits der Sedimentärschutt vieler Jahrmillionen versteinernd lastet. Endlich wird der Mensch. Aber auch in ihm mischen sich Vater und Mutter noch immer so seltsam, dass man den doppelten Ursprung ahnen kann, selbst wenn wir vom Zeugungsacte gar keine Vorstellung hätten, die Eizelle des Weibes und die Samenzelle des Mannes nie im Lichtfelde unseres Mikroskops erschienen wären.
Geheimnisse für den gegenwärtigen Stand der Wissenschaft giebt es hier im Einzelnen die Menge, Metaphysik gar nicht. Der Parallelismus des Psychischen und Molecularen wahrt seine gewöhnliche Rolle, das Geistige zeigt sich durchaus in stufenweisem Aufbau, je nach der Entwicklungshöhe des Körperlichen, und die menschlichen Seelenregungen äussern sich folgerichtig erst mit Vollendung des menschlichen Gehirns. Wer geneigt ist, den Schauer des Erhabenen besonders stark vor den Momenten der höchsten Vereinigung des Universellen und Geschichtlichen mit dem Individuellen und Vorübergehenden zu empfinden und dem Idealen die wissenschaftlich allein zulässige Bedeutung des Allgemeinen, über das Einzelne als höhere Einheit Hervorragenden zu geben, der wird in den gesammten Erscheinungen des Zeugungsprocesses eine hohe, vielleicht die allerhöchste ideale Erhebung des individuell Menschlichen erblicken müssen und ihnen gegenüber jene Regung stärker als irgendwo anders empfinden. Wir verdanken den Begleitungsphänomenen des Zeugungsgesetzes überhaupt, wenn nicht sogar den Sinn für Schönheit, so doch das Wichtigste, was wir schön nennen: die edeln Formen des Weibes in ihrer künstlerischen Gegensätzlichkeit zum Manne, die Farbenpracht der organischen Natur, deren Blüthen, Federn, Düfte in ihrer höchsten Entfaltung sämmtlich auf geschlechtlichen Beziehungen beruhen, die reichen Gaben des Gemüthes, die sich in der Gatten- und Elternliebe durch die höhere Thierwelt ziehen, um schliesslich in den verallgemeinernden Regungen des menschlichen Mitleids ihre höchsten Triumphe zu feiern.
Unsere grossen Dichter haben sich dementsprechend auch niemals gescheut, von den natürlichen Acten der Zeugung als etwas Grossartigem und im eminenten Sinne Idealem unbefangen zu reden und den Satz aufrecht zu erhalten, dass wir es in ihnen keineswegs mit einem der Sittlichkeit als »Sinnlichkeit« feindselig gegenübergestellten Principe, sondern vielmehr mit der Basis aller Sittlichkeit zu thun haben. Ohne eine solche naturgemässe Grundidee wäre beispielsweise die Gretchentragödie des Faust, in der gerade die Tiefe und Wahrheit der Neigung bei dem Weibe, das geschlechtlich »Echte« das versöhnende Element für alle Verletzung der Sitte abgiebt, vollkommen widersinnig. Hier wie in andern poetischen Meisterwerken liegt der Nachdruck auf dem Satze: die Liebe muss auf enge geschlechtliche Vereinigung als ihr natürliches Ziel hinauslaufen, wenn sie wahr sein soll – und wenn äussere Umstände gerade diese Wahrheit des Gefühls zur Tragödie gestalten, so ist sie selbst dann noch immer grösser als eine Unwahrheit im gleichen Falle wäre, so gut wie Wallenstein, obwohl er tragisch endet, grösser bleibt, als Einer, der in seiner Lage anders handelte; der ganze Begriff der Tragödie rankt sich eben um die Wahrheit auf.
Diese Anschauungen unserer grossen Dichter, die viel genannt, aber weniger gelesen werden, sind jedoch keineswegs die gleichen wie die einer ungeheuren Masse kleiner Dichter, die weniger genannt, aber vermöge ihrer colossalen Menge weit mehr gelesen werden. Die Begriffe, die unser Publicum sich seit Jahrhunderten von der Bedeutung der geschlechtlichen Dinge für das unausgesetzt behandelte Thema der Liebe bildet, sind unter dem Einflusse dieser zweiten Sorte von Dichtern nach und nach ganz eigenthümliche geworden.
Ich halte diesen Punct für lehrreich genug, um ein deutliches Beispiel für jene eigenartige Krankheitsgeschichte abzugeben, die sich unter dem Titel der sogenannten »rein idealistischen« Richtung durch die erotische Weltliteratur und wohl mit am ärgsten durch unsere neuere erotische Poesie zieht, eine Krankheitsgeschichte, die sich freilich, wie schon gesagt, zumeist nur an der breiten Masse der Dichterwerke bemerkbar macht, aber von hier aus schwere Ansteckungsstoffe in's Publicum verbreitet hat. Man wirft der modernen realistischen Richtung die Vorliebe für pathologische Probleme vor. Ich erlaube mir im Nachfolgenden, ein solches an einem ganzen Kreise poetischer Bestrebungen zu entwickeln, auf die Gefahr hin, jenem Vorwurfe zu verfallen. Ich schicke dabei voraus, dass ich keineswegs der Erste bin, der darauf hin weist, dass aber, wie so viele Fälle, die unmittelbar in's Gebiet der Wechselbeziehungen zwischen naturwissenschaftlichem Denken und poetischem Schaffen gehören, auch dieser noch lange nicht eindringlich und oft genug öffentlich besprochen wird und darum in den Prämissen einer realistischen Aesthetik nicht fehlen darf.
Nehmen wir einmal für einen heitern Moment an, es gäbe eine Dichterschule, die den kühnen Satz als poetisches Programm aufstellte, die physiologische Function der Nahrungsaufnahme im Menschen gehöre zu den höchsten und dankbarsten Vorwürfen der Poesie, und thatsächlich durch practische Werke ersten Ranges die Haltbarkeit dieses Programmes darthäte. Man müsste die Gründe prüfen, die jenem Unterfangen zu Grunde lägen und, wofern diese stichhaltig wären, sich darein finden und der Sache freuen. Jetzt aber käme eine Spaltung innerhalb der neuen Partei und es erhöben sich beredte Apostel, die Folgendes aufstellten. Das Essen selbst sei etwas Unschönes, Unappetitliches, wohl gar Unmoralisches, dürfe nur im Geheimen geübt werden, sei kein Gegenstand der Poesie. Ein poetisches Element stecke bloss im Hunger. Von unvergleichlichem dichterischen Werthe sei jener eigenartige nervöse Zustand des Gehirns bei leise dämmerndem Hungergefühl, jener Wechsel von geistigem Eifer und geistiger Abspannung in seinen tausend feinen Nuancen, wie er dem Mahle vorausgehe, bis zu jenen Anfällen von Raserei, von Hallucinationen und von völliger Lethargie, wie sie bei Verhungernden in der Wüste sich zeigten, oder dem Ekel vor aller Nahrungsaufnahme, der Blasirtheit im Puncte des Appetits, wie sie durch sonstige Störungen des Nervensystems hervorgebracht würden.
Ich glaube, man würde, selbst das Ganze zugestanden, diese Sectirer der letztern Sorte für Narren erklären.
Ich bin weit entfernt, diesen Titel auf alle Poeten anzuwenden, die das Liebesproblem nach derselben Seite hin einseitig gefasst haben, aber das Gefühl eines vollkommenen Parallelismus kann ich nicht opfern. Das natürliche Ziel der Liebesempfindung, so höre ich von allen Seiten, soll man in der Poesie verschleiern und beseitigen, die Empfindung selbst, die voraufgeht, verherrlichen. Ersteres soll etwas grob Sinnliches sein, letzteres etwas Geistiges. In der That, auch der Hunger ist scheinbar mehr ein nervösgeistiges Phänomen als das Zerkauen der Nahrung zwischen den Zähnen. Aber diese geistige Disposition ist, was beim Hunger kein kleines Kind je bezweifelt hat, doch unmittelbares Erzeugniss eines physiologischen Vorganges. Ganz so die Liebe. Es ist physiologisch sogar leichter, die Liebe aus dem Geschlechtsbedürfniss, als den Hunger aus dem leeren Magen abzuleiten. Erst von einem gewissen Alter ab entwickeln sich beim Menschen die mechanischen Bedingungen des Zeugungsactes; Hand in Hand mit dieser Entwickelung schreitet das allmähliche Erwachen und Functioniren des sexuellen Hauptcentrums im Gehirn vor, dessen Thätigkeit wir uns in der geistigen, nervösen Erscheinung des Liebesgefühls bewusst werden. Jüngling und Mädchen beginnen sich als etwas Gegensätzliches zu betrachten, das doch eine Vereinigung fordert, der Unterschied der Formen erweckt unklare Phantasiebilder, die durch individuelle Sympathieen meist sehr bald eine feste Gestalt annehmen, die Gestalt eines subjectiven Ideals, mit dem vorkommenden Falles die geschlechtliche Vereinigung grössern Reiz gewähren würde, als mit jedem zweiten Wesen des andern Geschlechtes.
Gegen diese einfache, dem Thatsächlichen Rechnung tragende Auffassung der Liebe als Anregung einer gewissen Gehirnpartie in Folge eines dem Gesammtorganismus, dem Zellenstaate, erwachsenen Bedürfnisses erhebt sich aber jene andere Meinung mit erneuter Macht, indem sie das Wort »die Liebe ist etwas Geistiges« so gefasst haben will, dass darin noch etwas Besonderes stecken soll. Dieses Besondere aber, das meist nicht näher definirt, dafür aber desto mehr gepriesen und dem »Gemeinen« gegenüber gesetzt wird, stellt sich bei kritischer Zerlegung sehr leicht als ein Doppeltes heraus. Einmal ist es ein »Göttliches«, ein »göttlicher Funke«, der in der Liebe zum Ausdruck kommen soll, also ein Stück Metaphysik – das andere Mal ein »Wahnsinn«, eine »zerstörende Macht«, also, physiologisch gesprochen, ein Stück Psychiatrie. Wer sich davon überzeugen will, ob diese Zerlegung des beliebten Begriffes richtig ist, der unterziehe sich der Aufgabe, aus einigen Dutzend Romanen und lyrischen Gedichtsammlungen der Alltagsmode die Phrasen herauszuschreiben, in denen der Autor selbst oder seine Haupthelden ihre Liebesgefühle definiren. Stets wird er das Entweder – Oder finden: die Liebe ist von Gott – die Liebe ist Wahnsinn. Nur höchst selten wird er auch einmal verschämt angedeutet finden, dass die Liebe auf natürlichen Gesetzen und Functionen basirt, die ihre feste und geordnete Stellung im Zellenstaate des menschlichen Organismus einnehmen. Am »Göttlichen« in der Liebe zweifeln, ist für diese Poeten und ihre Verehrer gleichbedeutend mit äusserster Roheit und Gefühllosigkeit. Gleichwohl ist der realistische Aesthetiker, der auf naturwissenschaftlichem Boden steht, genöthigt, den Ausdruck für gänzlich werthlose Phrase zu erklären. Wenn »göttlich« so viel heissen will, wie in eminentem Sinne gemahnend an unsere Abhängigkeit von einer grossen Entwicklungswelle, an die Unterordnung des Subjectiven unter das Allgemeine, so kann man sich das Wort gefallen lassen für das eigentliche Ziel der Liebe, für die ganze Annäherung und Vereinigung der Geschlechter. Das angeblich Roheste und Gemeinste ist dann das hochgradig Göttlichste und die Verbindung von Mann und Weib in ihrer physiologischen Thatsächlichkeit der göttlichste, d. h. der Gottheit nächst stehende Act, den das individuelle Menschenleben überhaupt umschliesst. Die göttliche Mission des Weibes besteht dann in seiner Schönheit, die den Mann reizt – die Liebe, mit der die Gatten einander begegnen, ist der höchste Gottesdienst. In solchem Sinne mag das Wort gelten. Aber diese Auslegung läuft dem gewöhnlichen Wortbegriffe schnurstracks entgegen. Andererseits die Liebe schlechthin als Wahnsinn zu bezeichnen, ist physiologisch eine Ungeheuerlichkeit. Das Geschlechtscentrum im geistigen Apparate des Menschen kann erkranken, das ist richtig. Die Liebe kann eine Verrücktheit werden, sie kann vermöge der Trennung von functionirendem Geschlechtsorgan und nervösem Gehirncentrum eine Geisteskrankheit werden, deren Wahngebilde jede Fühlung mit den wahren Zielen des natürlichen Triebes verlieren, so gut wie es psychiatrische Fälle giebt, in denen der Kranke jedes Gefühl für Nahrungsaufnahme verliert und ohne Hilfe bei normalem Munde und Magen verhungern würde. Diese sexuellen Geisteskrankheiten sind streng zu unterscheiden von den Krankheiten der sexuellen Functionsorgane. Sie treten zumeist als Folgen bereits vorhandener anderer Verbildungen des Gehirns auf. Seit uralten Zeiten sind sie eine Begleiterscheinung bestimmter Formen von religiösem Wahnsinn gewesen und lassen sich als solche durch die Geschichte der orientalischen Völker wie der abendländischen bis in's Mittelalter und bis auf den heutigen Tag verfolgen – eine Aufgabe, der allerdings noch kein grosser Historiker sich im rechten Masse unterzogen hat. Sie treten ferner chronisch und wahrscheinlich sogar erblich bei Nationen auf, deren cerebrale Centra durch Ueberbildung und zwecklosen Luxus geschwächt und verdorben sind; dahin gehört die gesammte historische Entwickelung der Päderastie, bei deren Beurtheilung übrigens der moderne Rechtsstandpunct so wenig durch die Erkenntniss des Krankhaften verrückt wird, wie es durch die Leugnung der Willensfreiheit auf andern Gebieten geschieht. Selbst die einfache Einseitigkeit in der Anstrengung gewisser Gehirnpartieen beim vollkräftigen Genie besitzt meistens einen irgendwie schädigenden Einfluss auf die benachbarte sexuelle Gegend des nervösen Centralapparates, so dass die geschlechtlichen Neigungen sehr grosser Männer durchweg nicht als Muster des Normalen gelten können, äussere sich dieses Abweichen von der Linie nun in widernatürlicher Enthaltsamkeit oder unbändiger Ausschweifung.
Aus allen diesen Einschränkungen ergiebt sich nun aber doch noch lange nicht die Krankhaftigkeit aller Liebeserscheinungen. Die Liebe soll ein Zwang sein, der auf dem freien Bewusstsein lastet, der die Seele knechtet und zu Gemeinem treibt. Da liegt der fundamentale Irrthum. Um das freie Bewusstsein, die unabhängige göttliche Seele zu retten, erklärt man den einfachsten und logischsten Naturtrieb für eine unwürdige Fessel, die uns an's Gemeine kettet. Hier, wie bei dem andern Falle liegen die Wurzeln im Metaphysischen, sagen wir immerhin, da wir von modernen Dichtern sprechen: im Christlichen. Die künstliche Seele, die uns diese religiösen Anschauungen in den Menschen hineingedacht haben, empfindet schliesslich die ganze Natur, auch wo sie heiter und glücklich macht, als Zwang. Der Zeugungsact verwandelt sich ihr, obwohl von anderem Standpuncte, von anderer cerebraler Verbildung aus, als bei dem sexuell erkrankten Don Juan oder dem geschlechtlich complet wahnsinnigen alten Griechen, in ein leeres Spiel, eine Dummheit, von der wir uns frei machen möchten. Das fällt aber selbst bereits in's Gebiet der sexuellen Gehirnkrankheit.