Der einfache Schluss ergiebt sich: jene ganze Literatur, die in guten oder schlechten Versen, reiner oder fehlerhafter Prosa uns unablässig von dem Dämon der Liebe, von der Knechtung unter das Joch Amors seufzt und die reine, heilige, göttliche Minne preist – jene ganze Literatur ist Product einer mehr oder minder entwickelten sexuellen Gehirnschwächung, die täglich weiter um sich greift, je mehr Menschen mit empfänglichem, für die Gewohnheitslinien des Unterrichts geebnetem Gehirn jene Literatur lesen und wieder lesen. Ein schwererer Vorwurf kann meines Erachtens gegen eine ganze Richtung der Poesie nicht wohl erhoben werden. Die nothwendige practische Folge ist, dass eine Scheidung entsteht zwischen der gewöhnlichen, normalen Liebe, der sogenannten hausbackenen, und jenem metaphysisch verbildeten, in lauter Jammer und Träumen dahinsiechenden Zerrbilde der Liebe, das Roman, Drama und Lyrik allerorten predigen. Der gesunde Spiessbürger, der seine Gehirncentra noch in erfreulicher Ordnung beisammen hat, unterscheidet schliesslich mit sicherm Gefühl die »Liebe, wie sie im Leben vorkommt« von der »Liebe in Büchern und Theaterstücken«, und der junge Mann oder das junge Mädchen, die sich schon in unreifen Jahren durch das beständige Hören und Lesen in letztere zuerst hineinhimmeln, sehen sich durchweg bei späterm, reifem Eintritt in das wirkliche Leben genöthigt, jenes erste Bild zwangsweise wieder aus dem Gehirn herauszuschaffen – ein Process, der in nur zu vielen Fällen gar nicht mehr gelingt – so wenig, wie ein Kind, das man an Morphium gewöhnt hat, später noch normal einschlafen kann. Wer nicht blind ist, muss einsehen, dass wir hier dem vollkommenen Bankerotte der erotischen Poesie entgegensteuern, denn was sich vom Normalen derartig trennt, muss über kurz oder lang nothwendig gewaltsam unterdrückt werden. Anstatt aber Hilfe zu schaffen, wüthet man vielmehr gegen jede Sorte von Schriftstellern, die der Liebe in ihren Dichtungen wieder zu einem natürlichen Boden verhelfen möchten. Es ist eine höchst traurige Erscheinung, wie dabei alles durcheinander geworfen wird. Männer, die mit Bewusstsein daran gehen, die Kehrseite der echten Liebe in den krankhaften Entartungen zu schildern, stellt man ganz unbefangen neben oder unter solche, die selbst im Banne sexueller Gehirnaffectionen stehen und ihre Bücher mit den unlogischen Gebilden ihrer kranken Phantasie füllen, ohne ihre Abirrung vom Normalen selbst zu empfinden. Gewiss sind auch jene bewussten Studien über das Abnorme mehr oder weniger eine unerfreuliche Lectüre und gewinnen höchstens durch den Contrast, den das Logische und Helle der wahren Liebe selbst unausgesprochen gegen alle diese Fratzen und Verirrungen bildet. Aber welcher unendliche Fortschritt liegt schon allein in dem Bewusstsein, wie es Zola's Nana oder Daudet's Sappho vertreten – dem schneidig scharfen Bewusstsein, dass wir es hier mit kranken Menschen zu thun haben, mit krankhaften Situationen, krankhaften Verwickelungen. Von der Erkenntniss des Falschen, Ungesunden zur Erkenntniss des Wahren und Gesunden ist aber nur ein Schritt. Jene Schriftsteller, die vor unsern Augen sich so eifrig mit dem Studium der entarteten Liebe befassen, bekunden bereits auf Schritt und Tritt eine weit tiefere Einsicht in das Gebiet des Normalen, wie hundert andere, die nach ihrer und ihrer Leser Meinung niemals die Linie des Erhabenen auf erotischem Gebiete verlassen haben. Eine zukünftige Poesie, die sich an die Ersteren anlehnt, ohne ihnen auf ihr Specialgebiet zu folgen, wird das Grösste zu leisten im Stande sein. Wir wollen übrigens darin Gerechtigkeit walten lassen, dass wir unsern Poeten, die theils unbefangen, theils mit kritischem Bewusstsein immerfort das Krankhafte in der Liebe schildern, nicht die ganze Schuld daran aufbürden. Die Poesie – wenigstens die unbefangene – hilft zwar das Gift weiterverbreiten, aber sie empfängt es auch unablässig aus dem Leben zurück. Eine ungeheure Masse falscher Sentimentalität, künstlicher Gefühle, moralischer Unnatur belastet unser ganzes modernes Liebesleben. Freytag hat gelegentlich in seinem Romane von der verlorenen Handschrift ein anmuthiges Bildchen vom deutschen Mädchen entworfen, wie es unsere Bildung in unsern Städten heranbildet. Das Bild ist anmuthig geblieben, weil der Kern in diesem einzelnen Mädchen durch und durch gesunde Erbschaft war und das Sentimentale sich bloss in einer Form darüber ranken konnte, die dem Humor Stoff bot, aber ohne ernste Folgen blieb. Leider ist dieses Bild schon nicht mehr überall das Typische. Eine widerwärtige Sentimentalität greift wie ein schleichendes Gift allenthalben um sich und zeitigt ein Geschlecht von Menschenkindern, in deren Empfindungen so wenig waschechte Natur steckt, wie auf den Wangen einer Pariser Ballschönheit. Es ist vor allen Dingen Mission der Poesie, die hier viel gesündigt und viel gelitten, mit festem Muthe sich mehr und mehr dem Modegeschmacke entgegenzustellen. Sie kann es aber nur, indem sie echt realistisch wird, das heisst: sich an die Natur anlehnt. Der einfache Realismus, der den Menschen die wahren Kleider des Lebens anzieht, ist noch lange nicht ausreichend zum wirklichen Zweck. Es gilt tiefer zu gehen und die Welt wieder an den Gedanken zu gewöhnen, den sie durch Metaphysik, Sentimentalität und Katzenjammer so vielfach verloren: dass die Liebe weder etwas überirdisch Göttliches, noch etwas Verrücktes und Teuflisches, dass sie weder ein Traum, noch eine Gemeinheit sei, sondern diejenige Erscheinung des menschlichen Geisteslebens darstelle, die den Menschen mit Bewusstsein zu der folgenreichsten und tiefsten aller physischen Functionen hinleitet, zum Zeugungsacte. Damit eine derartige Rolle für die Poesie aber ermöglicht werde, ist es allererste Bedingung für den realistischen Dichter, sich über die näheren Puncte der physiologischen Basis des Liebesgefühls zu unterrichten. Nur eine strenge Beobachtung der Gesetze und Erscheinungen des Körperlichen in seinen verschiedenen Phasen kann zu neuen Zielen führen. Das erfordert freilich auch an dieser Stelle wieder harte Arbeit für den Poeten. Das leichte Fabuliren von den lustigen oder bösen Abenteuern verliebter Seelchen hört dabei auf, und der Dichter wird nothgedrungen sogar hin und wieder Pfade wandeln müssen, wo die landläufige Moral erschreckt zurückschaudert. Wer dazu nicht das Zeug in sich fühlt, der soll dem Liebesproblem fern bleiben; besser gar keine Liebesgeschichten mehr, als jene gefälschten; denn der Dichter mag lügen, wo er Lust hat – es ist alles harmlos gegen das Lügen auf erotischem Gebiete, dessen Folgen bei dem von Natur gesetzten Nachahmungs- und Gewohnheitstriebe des menschlichen Geistes unmittelbar in's practische Leben hineingreifen. Ich nehme keinen Anstand, zu behaupten, dass wir überhaupt eine erschöpfende dichterische Darstellung des ganzen normalen Liebeslebens in Weib und Mann von seinen ersten Keimen bis zur reifen Mitte und wiederum abwärts bis zum langsamen Versiegen im alternden Organismus in der gesammten Weltliteratur noch nicht besitzen. Zola hat in seinem geistvollen und tiefen Romane »La joie de vivre« wenigstens gelegentlich einmal den Versuch gemacht, an einem gesunden weiblichen Typus ein vollkommen plastisches Bild zu entwickeln; aber bei seiner Neigung für das Pathologische, die ihm nun einmal im Blute steckt, ist das Ganze nach meisterhafter Anlage schliesslich doch einseitig und ohne die natürliche Versöhnung ausgelaufen. Was ich fordere, ist noch weitaus mehr. Ich fordere neben vollkommen scharfer Beobachtung eine bestimmte Tendenz. Man rede mir nicht davon, die realistische Dichtung müsse sich ganz frei machen von jeder Tendenz. Ihre Tendenz ist die Richtung auf das Normale, das Natürliche, das bewusst Gesetzmässige. Die Poesie hat mit wenigen, allerdings sehr hoch stehenden Ausnahmen bisher zu allen Sorten abnormer Liebe erzogen. Sie muss in Zukunft versuchen, dem Leser gerade das Normale als das im eminenten Sinne Ideale, Anzustrebende auszumalen. Nur dann giebt es noch einen Aufschwung in der erotischen Poesie. Der vermessene Ausspruch muss mit Macht widerlegt werden: das Gewöhnliche, jene Liebe, die der einfache Spiessbürger auch erlebt, wenn er gesund ist, sei zu gering für den edeln Schwung der Poesie. Das ist die schwerste Unwahrheit, die je Geltung gewonnen hat in der Literatur. Ihre Folge ist gewesen, dass wir hunderttausend Bände über eine sentimentale, nervös überspannte Liebe und eben so viele über eine unter alles Natürliche herabgesunkene Liebe besitzen – eine Literatur voller Göttinnen und Cocotten, aber ohne Normalmenschen.
Unwillkürlich, indem ich dieses schreibe, schweift mein Blick in entlegene Tage hinüber. Wunderbare Gleichförmigkeit der auf- und niedersteigenden Wellen im Laufe der Culturgeschichte! Derselbe Gedanke, der uns heute zu so herbem Urtheile über eine grosse Masse der vorhandenen Poesie treibt, den wir als neue Frucht vom ewig fortgrünenden Baume der Erkenntniss zu pflücken glauben: er lebte in Cervantes schon, als er Don Quixote's Freunde die geistverderbenden Ritterromane zum Flammentode verdammen liess.
Wann erstehen unserer Zeit die treuen Freunde, die sie von ihren gefährlichen Lieblingen erlösen?
Fünftes Capitel.
Das realistische Ideal.
Ist es mehr als ein Wortspiel, ein heiteres Paradoxon, was in den beiden Worten der Ueberschrift liegt? Kennt der Realismus ein Ideal? Giebt es etwas derart in all' den Gigantomachieen des modernen realistischen Romans, diesen wilden Büchern, in denen der Mensch hoffnungslos ringt mit zerstörenden Gewalten, mit den zermalmenden Gespenstern der Vergangenheit, mit den rohen Naturmächten einer blinden mechanischen Weltordnung, in diesem öden Lande, das keine Götter mehr kennt, keine Freiheit des Willens, keine Unsterblichkeit im alten Sinne, keine von allen Banden der gemeinen Natur erlöste Liebe?
Es wäre vielleicht angemessener gewesen, diese Frage zu allererst aufzuwerfen, ehe wir uns der Mühe unterzogen, jene einzelnen Puncte näher zu prüfen. Ich habe gleichwohl den umgekehrten Weg gewählt. Anstatt das Wort »Ideal« unmittelbar mit seinem Vollgewicht in die Rechnung einzusetzen, habe ich mich bemüht, den Leser selbst mehr und mehr dem Begriffe nahe zu bringen, der nach meiner Ansicht sich innerhalb des Realismus allein noch mit jenem stolzen Worte deckt. Wer mir genau gefolgt ist, kann nicht mehr im Zweifel darüber sein.
Wir haben gebrochen mit der Metaphysik. Jenseits unseres Erkennens liegt eine andere Welt, aber wir wissen nichts von ihr; unser Ideal, so fern es eine lebendige Macht sein soll, muss irdisch, muss ein Theil von uns sein, muss der Welt angehören, die wir bewohnen, die in uns lebt und webt. Wir haben gebrochen mit den heitern Kinderträumen von Willensfreiheit, von Unsterblichkeit der Seelen in den Grenzen unseres Denkens, von einer göttlichen Liebe, die ein anderes, als das natürliche Dasein lebt. Unser Weg geht aufwärts zwischen zerborstenen Tempelsäulen, zwischen versiegenden Quellen, zwischen verdorrendem Laub. Wir wissen jetzt, dass unsere Visionen, unsere Prophetenstimmen, unsere leidenschaftlich schmachtenden und schwelgenden Gefühle nichts besseres waren, als Krankheit, Delirien des Fiebertraums, dämmernde Nacht des klaren Geisteslichts. Nun denn: wenn dem allem so ist, das Ideale geben wir damit doch nicht auf. Wenn es nicht mehr der Abglanz des Göttlichen sein darf, so ist ihm darum nicht benommen, die Blüthe des Irdischen zu sein, die tiefste, reinste Summe, die der Mensch ziehen kann aus allem, was er sieht, all' dem Unermesslichen, was sich in der Natur, in der Geschichte, in allem Erkennbaren ihm darbietet. Wenn er den Blick schweifen lässt über diese ganze Erde, über sein ganzes Geistesreich, so sieht er im Grunde all' dieser wechselnden Formen ein einziges grosses Princip, nach dem alles strebt, alles ringt: das gesicherte Gleichmass, die fest in beiden Schaalen schwebende Wage, den Zustand des Normalen, die Gesundheit. Ganz vollkommen erfüllt ist dieses Princip allerdings nirgendwo. Aber es schwebt über Allem als das ewige Ziel, niemals ganz realisirt, aber darum doch die unablässige Hoffnung des Realen. Es giebt nur einen Namen für dieses Princip, er lautet: Ideal. Vor diesem Ideale schwindet jeder Unterschied des Bewussten und Mechanischen in der Natur. Der Mensch, indem er sich seiner bewusst wird im Triebe nach Glück, Frieden, Wohlsein, harmonischem Ausleben des Zuerkannten, theilt nur den innern Wunsch, der allem Spiel molecularer Kräfte zu Grunde liegt. Das letzte Ziel des grandiosen Daseinskampfes, der zwischen den frei schwebenden Himmelskörpern wie zwischen den Elementen auf Erden, zwischen den einfachen chemischen Stoffen wie zwischen den geheimnissvollen Bildungen des organischen Lebens tobt, ist nichts anderes, als der dauernde Wohlstand von Generationen, die in Einklang mit der Umgebung gelangt sind. In diesem Sinne ist die Natur selbst erfüllt von einer tiefen, zwangsweisen Idealität, und wo ihre volle Entfaltung zu Tage tritt, äussert sich diese in der höchsten Annäherung an das ideale Princip des grösstmöglichen Glückes der Gesammtheit, an dem jedes Individuum seinen Antheil hat. Dunkel, wie der ganze Untergrund der grossen Daseinswelle, in der wir leben, für unsere Erkenntniss bleibt, ist die ideale Richtung auf das Harmonische, nach allen Seiten Festgefügte, in seiner Existenz Glückliche und Normale überhaupt die einzige feste Linie, die wir durch das ganze Weltsystem verfolgen können. Es ist die einzige treibende Idee, die aus dem ungeheuren Wirrsal des Geschehens einigermassen deutlich hervortritt, von der wir sagen können: sie verkörpert ein Ziel, einen Endpunct. Die weiteren philosophischen Träumereien, ob man sich die Welt denken solle als etwas ursprünglich Gutes, das schlecht geworden und nun im Banne eines metaphysischen Willens wieder zum Anfänglichen zurückstrebe – ob das absolute Glück denkbar sei als absolute Ruhe oder harmonische Bewegung – das alles geht mich hierbei herzlich wenig an.
Ich wahre durchaus den Standpunct des Naturforschers. Wenn aber ein derartiges ideales Princip sich von diesem aus für die ganze sichtbare Welt ergiebt, so hat auch der realistische Dichter ein Recht, sich seiner zu bemächtigen, es als »Tendenz« in seinen Dichtungen erscheinen zu lassen. Tendenz zum Harmonischen, Gesunden, Glücklichen: – – – was will man mehr von der Kunst? Giebt es einen besseren Boden für die Aesthetik, um ihren menschlichen Begriff des Schönen darauf zu bauen? Es ist hier nicht meine Aufgabe, zu zeigen, wie dieser Begriff des Schönen selbst sich im Einzelnen aus dem Begriffe des Normalen, Gesunden entwickelt, ich beschränke mich auf die Grundlagen. Es wird nicht Wenigen so vorkommen, als sinke die realistische Dichtung durch Anerkennung jener Tendenz von ihrer hohen Sonderstellung jäh wieder herab zum Gewöhnlichen. Wenn die Tendenz zum Glücke wieder oben anstehen soll, so hat ja auch der billigste Liebesroman, dessen einziges Ziel ist, dass »sie sich bekommen«, das Recht der Existenz damit zurück erhalten. In Wahrheit will das nichts heissen. Der realistische Dichter soll das Leben schildern, wie es ist. Im Leben waltet die Tendenz zum Glück, zur Gesundheit als Wunsch, nicht als absolute Erfüllung. Das wird der Dichter durchaus anerkennen müssen. Er wird sich stets fernhalten von dem Unterfangen, uns die Welt als ein heiteres Theater darzustellen, wo alle Conflicte zum Guten auslaufen. Eine unerbittliche Nothwendigkeit wird ihn zu den schärfsten Consequenzen zwingen, und wenn er, was nicht zu vermeiden, das Ungesunde in sein Experiment hineinzieht, so ist er verpflichtet, es in seinem ganzen Umfange zur folgerichtigen Entwicklung zu bringen. Seiner Tendenz dient er dann eben bloss im Negativen, im Contraste.