Im Allgemeinen kann ich auch hier nur wiederholen, was bereits öfter gesagt ist: der Realismus hat gar kein Interesse daran, allenthalben mit der Prätention des durchaus »Neuen« aufzutreten. Seine wesentlichste Mission ist, zu zeigen, dass Wissenschaft und Poesie keine principiellen Gegner zu sein brauchen. Das kann aber ebenso gut geschehen, indem wir wissenschaftlichen Factoren in der Dichtung zu ihrem Rechte verhelfen, wie gelegentlichen Falles auch, indem wir einen Zug zum Idealen in der Wissenschaft nachweisen. Nur allein das Metaphysische muss uns fern bleiben. Das Streben nach harmonischem Ausgleich der Kräfte, nach dauerndem Glück ist in jeder Faser etwas Irdisches. Hier auf Erden ringt der Einzelne nach Seligkeit, hier auf Erden pflanzen wir in heiterem Bewusstsein Keime zum Segen der kommenden Geschlechter. Die dunkle Welt des Metaphysischen sagt hier nichts, hilft nichts, hindert nichts; sie kann, wie ich das ausgeführt habe, einen tröstenden Gedanken abgeben beim Tode; an Glück und Unglück im Leben ändert sie nichts.
Jene Schule des Realismus, die gegenwärtig so viel Staub aufwirbelt, hat uns mit beharrlichem Bemühen in einer langen Reihe von psychologischen Gemälden mit dem traurigen Bankerotte des menschlichen Glücksgefühls in Folge krankhafter Verbildung bekannt zu machen gesucht. Ich erwarte eine neue Literatur, die uns mit derselben Schärfe das Gegenstück, den Sieg des Glückes in Folge wachsender, durch Generationen vererbter Gesundheit, in Folge fördernder Verknüpfung des schwachen Individuellen mit einem starken Allgemeinen in Vergangenheit und Gegenwart vorführen soll. Auch dafür giebt es Stoff genug in der Welt, und zwar ist das gerade der Stoff, der in eminentem Sinne das Ideale in der natürlichen Entwickelung darlegen wird. Das Ideale, von dem wir nach Vernichtung so vieler Illusionen noch zu reden wagen, liegt nicht hinter uns wie das Paradies der Christen, nicht nach unserer individuellen Existenz in einer persönlichen Fortdauer im Sinne der Jünger Mohammeds, nicht ganz ausserhalb des practischen Lebens in den Träumen des Genies, des Poeten: es liegt vor uns in der Weise, dass wir selbst unablässig danach streben und in diesem Streben zugleich das Wohl unserer Nachkommen, die Erfüllung derselben im Ideale anbahnen helfen. Das soll uns die Dichtung zeigen. Idealisiren muss für sie nicht heissen, die realen Dinge versetzen mit einem Phantasiestoffe, einem narkotischen Mittel, das Alles rosig macht, aber in seinen schliesslichen Folgen unabänderlich ein Gift bleibt, das den normalen Körper zerstört – sondern es muss heissen, den idealen Faden, den fortwirkenden Hang zum Glücke und zur Gesundheit, der an allem Vorhandenen haftet, durch eine gewisse geschickte Behandlung deutlicher herausleuchten zu lassen, ungefähr wie ein Docent bei einem Experimente sehr wohl die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf eine bestimmte Seite desselben lenken kann, ohne darum den natürlichen Lauf zu verfälschen. Die oberste Pflicht des Dichters hierbei muss freilich allezeit Entsagung sein. Wie schon betont: das Wollen, das wir in der Natur sehen, ist selbst noch keine Erfüllung. Je gesunder der Poet selbst ist, desto eher wird er in die Gefahr gerathen, einerseits das Ungesunde zu grell zu malen, andererseits seine Welt gewaltsam als ein Reich der Gesundheit ausmalen zu wollen. Das Wirkliche muss hier als ewiger Corrector die Auswüchse beseitigen. Für den Standpunct des natürlichen Ideals in der allgemeinen Werthschätzung ist es schliesslich immer noch besser, man lässt es zu schwach durchschimmern im Gange der geschilderten Begebenheiten, als man profanirt es in der Weise des alten metaphysischen Ideals durch künstliches Auffärben.
Eine realistische Dichtung aber ganz ohne Ideal – – – das ist mir etwas Unverständliches. Im Märchen mag gelegentlich alles schwarz sein. Im Leben giebt es dunkle Sterne und dunkle Menschenherzen. Aber um den finstern Bruder, mit dem ihn am Himmel das Gesetz der Schwere verkettet, kreist der helle Sirius – neben den kranken Seelen wandeln gesunde. Wer die Welt schildern will, wie sie ist, wird sich dem nicht verschliessen dürfen.
Sechstes Capitel.
Darwin in der Poesie.
Es giebt ein psychologisches Gebiet, das wie kein anderes geschaffen ist, den Blick des Dichters, der in die Tiefen der menschlichen Tragödie einzudringen sucht, mit magischem Banne zu fesseln. Es ist die Erscheinung des bahnbrechenden Genies, des Entdeckers, Erfinders, Reformators auf irgend einem Boden, den noch keiner bebaut hat. Wechselnde Bilder ziehen bei dem einfachen Worte durch den Vorstellungskreis des Gebildeten. Ein Hauch des Einsamen, Weltentrückten, der menschenleeren Wüste streift seine Stirn, durch sein geistiges Auge zittert der verlorene Schein des Lämpchens in der Zelle des verlassenen Grüblers, ein Rauschen von Wogen berührt sein Ohr, über denen schwere Nebelmassen die Fernsicht nach jungfräulichem Inselboden für den Blick der Welt verhüllen. Christus, der dem Zwiegespräch der Geister in der Einöde lauscht, Gutenberg, der im stillen Gemache seine Lettern fügt, Columbus, der die Wellen eines neuen Meeres an sein Steuer branden lässt, treten aus dem Schatten der Geschichte hervor. Aber aus dem Strahlenkreise der Vision steigt auch das blutige Kreuz von Golgatha, klirrt die Kette an den Armen des hispanischen Admirals, tönt der Seufzer des sterbenden Buchdruckermeisters von Mainz, den sie um die Früchte seiner Arbeit betrogen. Der prüfende Geist öffnet sich der Frage: Was für ein Phänomen der irdischen Entwickelungslinie wandelt in diesen Bildern der Einsamkeit, der Grösse und des Martyriums an uns vorüber? Wieder, wie bei den grossen Problemen, die ich früher gestreift, steht die Antwort in erster Linie dem Naturforscher zu.
Um was es sich handelt, das ist nichts Wichtigeres und nichts Geringeres, als die Bildung einer neuen Art.
Die Zeit ist noch nicht allzu fern, wo der Naturforscher sich bei diesem Begriffe nicht viel denken konnte. Heute ist das anders. Die gesammte Formenwelt des Organischen hat sich herausgestellt als eine mächtige, in tausend und tausend Adern zerspaltene Entwickelungswelle, in der das Geschlecht des Menschen nur einen einzigen Ast bildet.
Tief an der Wurzel schon zertheilt in die Doppellinie des Pflanzlichen und des Thierischen, reicht diese Welle aus uralten Zeiten herauf bis zum heutigen Tage. Hervorgegangen aus sehr einfachen Urformen, hat sich innerhalb des Ganzen allmählich eine Fülle verschiedener Typen ausgebildet, die theils nebeneinander fortbestanden, theils ausstarben und Neuem Platz machten. Darwin hat zuerst in der allgemein bekannten einfachen Weise gezeigt, wie in Folge der äussern, örtlichen Bedingungen, in die das organische Leben auf der Erde bei fortschreitender Vermehrung versetzt war, die Bildung der Arten aus gleicher Urform sich annähernd logisch erklären lässt. Ich kenne sehr wohl die Schwierigkeiten, die uns noch auf Schritt und Tritt hier begegnen. Aber sie sind gerade für den Punct, auf den ich für die Betrachtung des menschlichen Entdeckergenies hinaus will, nebensächlicher Natur. Für gewöhnlich giebt es ein organisches Vererbungsgesetz, welches vorschreibt, dass die Nachkommen eines bestimmten Mitgliedes einer Thier- oder Pflanzenart durchaus den Eltern gleichen, also wiederum den Arttypus rein darstellen müssen. Indessen, dieses Gesetz erleidet Störungen, die an sich zwar so geringfügiger Natur sind, wie die unablässigen kleinen Störungen der Planetenbahnen.