Jedenfalls gewann das Meer in der zweiten Hälfte des Silur aber in größtem Siegeszuge überhaupt wieder die Oberhand. Es wusch die Panamabrücke abermals fort und stellte die Tethys in größter Pracht auch hier wieder her, zugleich der Entfaltung der Meertierwelt den entschiedensten Raum gewährend. Bis dann mit Eintritt der nächstfolgenden Devon-Periode allerdings erneut eine Verlandung eintrat, und zwar jetzt eine so ungeheuerliche, daß es am heutigen Kartenbilde gemessen wirklich aussah, als wenn das Meer damals wenigstens auf der Landseite der Erde überhaupt hätte austrocknen wollen.

Abb. 10. Festländer und Meere in der unteren Devonperiode (größtenteils nach Frech und Arldt).

Während der Südkontinent, das riesige Gondwanaland, bis auf kleine Grenzschiebungen (einmal etwas weniger Brasilien, dafür wie im Austausch drüben mehr Australien) nach wie vor ohne jeden Bruchkanal zusammenhielt, reckte sich die Nordmasse zu fast unglaublichen Maßen noch immer weiter aus. Fast überall wuchsen ihre Einzelstücke zu unabsehbaren Flächen aneinander, so daß die Namen der Erdteile belanglos zu werden beginnen. Die Tethys drohte zu ersticken. Über Wasser stand fast im ganzen heutigen Umfange Nordamerika; bloß über den Zipfel bei Alaska und seine heutigen arktischen Inseln griffen noch die Wellen des Stillen Ozeans, und durch die Mississippi-Gegend schnitt eine größere Meeresbucht ein. Nur um so gewaltiger aber ragte daneben die Atlantis, recht zum Zeugnis, daß sie damals ein eigener Erdteil blieb, auch wenn Nordamerika für sein Teil noch so vollständig da war. Indem sie aber mit ihm verschmolz, bahnte sich der größte Kontinent an, den die Nordseite je einzeln getragen hat. Südlich drängte diese Atlantis ihre Küste immer weiter und weiter auch in das Mittelstück der atlantischen Tethys hinunter, bis sie endlich von sich aus ein neues geschlossenes Panama bildete: sich in breitem Landarm mit Brasilien und dem Südkontinent vereinte, die Tethys mehr als je abfangend. Östlich faßte sie in voller Breite anrückend wieder Europa, und zwar war durch die allgemeine Verlandung diesmal auch hier wesentlich mehr zu fassen. Der letzte Rest der alten englisch-skandinavischen Nordspalte war aufgetrocknet, auch in seiner späteren russischen Abzweigung. Irland, Schottland, ganz Skandinavien und Rußland mit ihren Zwischenteilen der heutigen Nordsee und Ostsee lagen als größtenteils frisch aufgetauchter nackter Plan in mächtiger Breite dort über Wasser; während allerdings das mittlere und südliche Europa auch jetzt mehr oder minder in der Macht der Tethysfluten geblieben waren, denen man wohl zutrauen möchte, daß sie sich bei der unheimlichen Beschränkung, die sie auf der westatlantischen Seite erfahren mußten, wenigstens hier durch breiten Übergriff etwas schadlos gehalten hatten. Indem aber das, was von Europa da war (immerhin in Gestalt besonders von Skandinavien-Rußland doch der Hauptblock), ohne jeden Zwischenspalt sogleich mit der Atlantis zusammenschmolz, machte sich für diese bedeutsamste Ecke der Erdkarte eine neue Sachlage entscheidend geltend. Was im Silur sich zuerst angebahnt, vollzog sich endgültig: Europa, westlich mit der Atlantis vermählt, riß östlich vollkommen von Asien ab!

Im Silur hatte die Ablenkung des gelegentlich schon teilweise verstopften skandinavischen Nordkanals über Rußland zur Tethys diese Trennung zunächst eingeleitet. Jetzt war Rußland wieder frei, also hätte eigentlich gerade jetzt Asien doch wieder anschließen müssen. Hier aber mischte sich eine neue nordwärts schneidende Kanalspaltung ein. Sie brach hinter Rußland auf der ganzen Länge Asiens von der Tethys bis zum arktischen Meer durch, Europa in einem radikalen Schnitt vom Kaspischen Meer bis etwa nach Nowaja Semlja von Asien absägend. Ich habe früher schon darauf hingewiesen, daß noch heute bei Betrachtung unserer Karte sich die Möglichkeit gerade einer solchen Spalte auffallend deutlich in der Gegend des heutigen Laufes des Ob östlich vom Ural andeutet. Eine verhältnismäßig geringe Senkung des Landes würde hier jetzt noch einen trennenden Meeresarm schaffen können, der auch unser heutiges Europa annähernd zur Insel machte. Damals mußte die radikale Möglichkeit des Absägens in dieser Linie aber noch viel größer sein. Das Uralgebirge selber stand noch nicht, und, vom Gebiet des Kaspischen Meeres kommend, ostwärts quer durch das ganze mittlere Asien flutete in voller Breite die Tethys, mit der sich der »obische Kanal« oder das obische Meer, wie man auch zeitweise gut sagen konnte, nur zu verbinden brauchte, um einen vollständigen Wasserhalbring zwischen Europa und Asien zu legen. Auch dieser neue und entscheidendste Nordspalt im Schicksal Europas hat in den folgenden Erdperioden mancherlei engere Schwankungen durchgemacht, er ist gelegentlich auch wieder etwas verschoben, zeitweise verstopft, bald mehr nach Rußland hinüber, bald wieder mehr nach Sibirien hinein gedrängt worden, er hat sich schon früh geneigt gezeigt, zu einem wahren sibirischen Meer auseinanderzugehen: immer geblieben oder irgendwie wiedergekehrt aber ist er noch bis in die ältere Tertiärzeit hinein. Daß er seither fehlt, hat für unsere Kulturgeschichte schwerwiegende Folgen gehabt. Wenn er fortbestand, wären uns die Einbrüche der Mongolen in Europa erspart geblieben und schwerlich hätte Rußland in der Weise wie jetzt seine politische Macht über ganz Sibirien ausdehnen können.

Es macht den Beschluß in der richtigen Landentfaltung von damals, daß trotz des Umstandes, daß dieses westsibirische Kanalmeer für sein Teil doch ein altes Stück aus Zentralasien wieder herausschnitt, auch die asiatische Landmasse damals eine ganz beträchtliche blieb. Der Stille Ozean hatte allmählich ganz Ostsibirien und den größten Teil von China freigeben müssen; die Tethys scheint zeitweise in dieser Devon-Periode sogar bloß in einem schmalen Ausgang, etwa im Amurgebiet, durchgebrochen zu sein. Einzig in der ganzen Nordseite des Festlandgebietes damals der Atlantis nicht angegliedert, bildete dieser asiatische Block eine Insel für sich, etwa so groß oder größer als das heutige Südamerika. Fremdartig genug kam das im Kartenbilde: Nordamerika und Europa Halbinseln der Atlantis, Asien dagegen eine einsam fern gelagerte Insel am Stillen Ozean!

Das allgemeine Naturbild aller dieser ausgedehnten Devonländer muß dabei immer noch ein recht gespenstisches gewesen sein. Schon im Silur hatten besonders im Gebiet des Atlantis lebhafte Gebirgsfaltungen begonnen. Deren Verwitterungsschutt häuften dann große abwärts rinnende Ströme inmitten der unendlichen Verlandung vielfach in weiten abflußlosen Landsenken und vergänglichen Riesenseen an. Die unermeßlichen Lasten durch Eisenoxyd rötlich gefärbten Quarzsandes dieser Binnenwüsten erscheinen uns noch in dem kennzeichnenden rötlichen Sandstein (sog. »old red«) vieler dieser devonischen Landgebiete. In der Gegend solcher versickernden Flußnetze und verdampfenden Seen machen sich uns aber doch jetzt die ersten Spuren merkbar, daß auch das Land in dieser Zeit vom Leben erobert wurde. Groteske skorpionähnliche Riesenkrebse behaupteten sich in den trocknenden Sümpfen, echte Skorpione hatten sich schon als erste ganz aufs Land gewagt, im zeitweisen Wassermangel wurde der Fisch zum luftatmenden Molchfisch, und erste farnähnliche Pflanzen bildeten hier und da schmale grüne Säume um die Flußadern als Pioniere in der Wüste. Immerhin blieb auch das alles zunächst noch vereinzelt und ohne größern Aufschwung. Zu einer wirklich imposanten Entfaltung des Landpflanzenwuchses auf Erden scheint es erst gekommen zu sein durch einen allgemeinen klimatischen Wechsel, der in der Folge eintrat. Nachdem nämlich offenbar längere Zeit ein allgemeines Erdklima geherrscht hatte, das ziemlich trocken war und auf den Festländern auch rein mineralisch die Wüstenbildungen begünstigt hatte, stellte sich eine Epoche umgekehrt wesentlich feuchteren Klimas ein. Bloß aus dem Wechsel der geographischen Verhältnisse selbst wird dieses klimatische Schwanken sich schwerlich ableiten lassen, es müssen da wohl noch besondere Umstände unseres Planeten mitgewirkt haben, die nicht unmittelbar an Wasser und Land hingen. Der Höhepunkt dieser Dinge führt uns aber bereits in die nächstfolgende Erdperiode hinüber, in das sogenannte Karbon.

Der Name geht auf carbo, die Steinkohle; Steinkohlen sind aber versteinte Pflanzenreste, und so ist es eben das Ereignis jenes durch die Luftfeuchte begünstigten großen Pflanzenaufschwungs selber, das dieser ganzen Epoche bei uns den Namen gegeben hat. Während ihrer langen Dauer unterlag aber natürlich auch die Karte wieder für sich Wandlungen. Die geschilderte extreme Verlandung des Devon hatte sich in dieser Weise schon im Verlauf dieser Epoche nicht dauernd halten lassen. Noch im Devon selbst eroberte der Stille Ozean große Teile von Nordamerika zurück und griff jener »obische Kanal«, sich machtvoll verbreiternd, nach Rußland wie nach Ostsibirien hinein, zwischen Europa und die asiatische Insel zeitweise einen Meeresarm setzend, der ungefähr so breit wie der heutige Atlantische Ozean zwischen Amerika und Europa war. Ein Kolumbus hätte damals über einen Monat lang ostwärts fahren müssen, um von Europa aus endlich Asien zu entdecken. Mit Eintritt des Karbon (immer wieder prompt auf der Wende zu einer neuen Periode) trat aber dann erneut stärkere Verlandung ein, die sowohl in großen Teilen von Nordamerika wie in ganz Asien nicht nur den Verlust deckte, sondern die Festlandumrisse des älteren Devon sogar hier und da noch verstärkt wieder herausbrachte. Nur die auch inzwischen überschwemmte Panamabrücke von der Atlantis nach Brasilien stellte sich nicht wieder her, die Tethys strömte wieder frei vom und zum Stillen Ozean durch. Dieses Auf und Ab hat zunächst nicht viel Interessantes. Man erhält den Eindruck, daß in dieser Gegend der Erdgeschichte das Kartenbild sich im großen und ganzen eine lange Zeit hindurch gleichsam sehr zäh immer wieder verteidigte. Wenn man nur die Hauptlinien verfolgen will, kann man einzelne Blätter ganz überschlagen. Immerhin bieten sich wenigstens in der zweiten Hälfte der Steinkohlenperiode ein paar lehrreiche Einzelheiten dar.