(Phot. Voigtländer, Braunschweig.)

Europa war, wir erinnern uns, ursprünglich Halbinsel an Asien; dann wurde es umgekehrt Halbinsel an der Atlantis; jetzt hat es Anschluß sowohl an Asien wie an die Atlantis; so hat es jetzt nur noch eine Front: nach Süden, zum Mittelmeer der Tethys. Kantenangriffe der Tethys sind folgerichtig das einzige, das ihm jetzt gefährlich werden kann. Ein wundervolles Naturdenkmal ist damals entstanden, das wir heute noch in der Form, die ihm das spätere Schicksal aufgezwungen, nicht genug bewundern können: die Tiroler Dolomiten. Riffe meerbewohnender Korallentiere und besonders Kalkalgen der Triasperiode stecken eigentlich in ihnen, Riffe aus der Tethys von damals. So weit und so lange, daß sie sich bilden konnten durch unsagbar gigantische Kleinarbeit des Lebens, muß diese Tethys also damals im Gebiet unserer heutigen Ostalpen gestanden haben. Und von ihr diesmal sollte nun auch ein neues kleines Sintflutabenteuer ausgehen, das abermals vorübergehend Deutschland betraf. Im Perm kam jene kurze örtliche Zechstein-Sintflut von Nordosten, vom russischen Meer. Das gab es jetzt nicht mehr. Dafür glückte es aber im zweiten Drittel der Trias der Tethys, von Süden her den verwitternden mitteleuropäischen Gebirgsgürtel in der Gegend der schlesischen Sudeten zu durchbrechen und ein kleines Binnenmeer zu uns hereinzufluten. An sich auch ein vergängliches Werk wie jene Zechsteinüberschwemmung. Das Gestein, das sich dabei abgelagert hat, hat aber der ganzen Trias mit zu ihrem Namen verholfen. Trias heißt nämlich Dreiheit. Und in der Tat unterscheiden wir bei uns noch gut drei Stufen ihres Daseins im alten Gestein auf Grund besonders dieses Abenteuers. Zuerst, im ersten Drittel, hatte auch diese große Verlandungsperiode uns in Deutschland immer wieder bloß Wüste gebracht. Grell gefärbter Wüstenschutt, zu dem die Gebirge verwitterten und der sich im tieferen Plan allenthalben häufte, ergab damals unseren sogenannten bunten Sandstein, das Prachtmaterial unserer herrlichsten süddeutschen Dom- und Schloßbauten. Dann kam jene vorübergehende Sintflut und hinterließ den Muschelkalk. Auf den aber legte sich später wieder mehr Land- und Süßwasserschutt in Gestalt des sogenannten Keuper. Die drei Schichten dann ergeben die »Dreiheit«. Die Sache hat aber in dieser Folge eben nur für uns eine örtliche, sozusagen vaterländische Geltung.

Immerhin gibt dieses Trias-Sintflütchen zu denken. Es bedeutete doch etwas wie den Vorboten einer nahenden größeren Wende der Dinge allgemein. Gegen Ende der Trias, eben in ihrer deutschen Keuperzeit, zeigen sich im einheitlichen Nordkontinent die ersten Spuren neuer Längsrisse. Wenn auch nicht genau in der Beringstraße, so doch etwas weiter westlich nach Sibirien hinein parallel zu ihr hatte der Stille Ozean sich gelegentlich wieder einen Durchgang zum Eismeer erkämpft. Das war belangloser; höchst merkwürdig aber ist ein anderer Spalt, der sich jetzt (falls die Deutungen genau stimmen) plötzlich in einer bisher gänzlich unerhörten geographischen Linie auftat. Nämlich da, wo die Atlantis seit so langer Zeit jetzt glatt zu Nordeuropa ging: zwischen Skandinavien und Grönland. Eine Shetland-Straße, so genannt nach der Lage über den Shetland-Inseln. Seit dem Kambrium war in dieser Nähe nichts geschehen. Das Bedeutsame aber ist, daß ein Zerbrechen der Festlandmasse gerade an dieser Stelle nichts Geringeres besagte, als Beginn des heutigen Zustandes, der die Wasserspalte zwischen Grönland und England-Norwegen, die jetzt Europa von Nordamerika trennt, im nördlichen Atlantischen Ozean hier durchführt. An sich nur einmal wieder ein Spalt wie alle andern, bedeutete dieser doch das Morgenrot einer neuen Zeit. Und die kam für die Karte in der Tat jetzt, nachdem der Bann einmal gebrochen, Schlag auf Schlag. Auf die Triaszeit, die alles Alte noch einmal vereinigt herausgebracht hatte, folgte in der Juraperiode der unzweideutige Anfang einer Neuordnung der Erdkarte, in deren Vollbesitz wir Menschen selber heute noch leben. So lehrreich und wechselreich auch jetzt noch der Übergang sich gestalten mag: die eigentlich heroische Zeit der urweltlichen Karte, da »alles ganz anders« war, ist mit dieser Wende vorüber.

Die Juraperiode, benannt nach dem heutigen Juragebirge, dessen wichtigstes Gestein uns in Deutschland und der Schweiz noch durch alte Meeresböden ihrer Tage führt, ist nächst der Steinkohlenperiode das auch im weiteren Kreise bekannteste aller geologischen Zeitalter. Die berühmtesten Urweltstiere vor dem Auftreten des Menschen, der Ichthyosaurus und der Plesiosaurus, gehören hauptsächlich ihr an. Die mächtigen versteinten Schlammblöcke, aus denen kundige Hand das noch wohl erkennbare Gerippe eines solchen seinerzeit dort eingesargten Ichthyosaurus wieder herausgearbeitet hat, zumeist aus Schwaben, also eben dem echtesten Gebiet des Jura, stammend, erwecken wie nichts anderes so im Laien, der ein geologisches Museum besucht, die Schauer der Urwelt. Diese Saurier aber waren beide prächtige Schwimmer im Ozean, der Plesiosaurus noch mehr in Küstennähe, der Ichthyosaurus am liebsten im offenen Meer, und als solche Schwimmer sind sie damals auch bis ins Herz unserer Heimat gekommen, – mit ihrem Meer. Im Zeichen des allenthalben in der Erdkarte erfolgreich und immer erfolgreicher andrängenden Meeres steht im wesentlichsten Zuge die ganze lange Juraperiode.

Auch die Karte gerade des Jura hat in der Geologie eine gewisse Berühmtheit erlangt, da ihr einer der frühesten wirklich guten Wiederherstellungsversuche solcher geologischen Karten überhaupt galt, – durch den unvergeßlichen Melchior Neumayr. Vielen hat die Neumayrsche Jurakarte einen ersten Begriff gegeben, was für Wunderdinge solche Urweltskarten uns sagen könnten. Tatsächlich versteht man auch sie aber nur dann recht, wenn man sie im Anschluß an die Land- und Meerumrisse der früheren Erdperioden betrachtet. Wenn man sich die Verlandung der Perm- und Triasperiode noch einmal vergegenwärtigt und sich sagt, daß jetzt mit dem Jura im geraden Umschlag eine ganze Periode des mehr oder minder steten Meeresvorrückens kam, so muß an gewissen Punkten die zu erwartende Kartenänderung sich nach den früheren Erfahrungen in fast selbstverständlicher Richtung ergeben.

Abb. 17. Festländer und Meere in der oberen Juraperiode (nach Neumayr, Lapparent und Arldt).

Die Jura-Ichthyosaurier erscheinen in ihrem Meer schwimmend in Schwaben. Ihr Meer kommt mit ihnen etwa von Südfrankreich herauf. Das kann also nur ein neuer Angriff der Tethys gewesen sein. In der Trias lag Europas ganze Front gegen sie. Sie nagte damals schon daran, griff hinein. Einmal schon warf sie das (allerdings wieder vergängliche) Muschelkalkmeer bis nach Deutschland. Jetzt soll überall das Wasser sieghafter einströmen: also naheliegend genug, daß auch die Tethys verstärkt ihren Versuch erneuert und mit Glück im großen vollendet. Und in der Tat sehen wir im Verlauf des Jura ganz Süd- und Mitteleuropa bis nach England und Norddeutschland allenthalben in der geschlossen heranflutenden Tethys untergehen, unvergleichlich gründlicher und dauerhafter als vorher. Nur eine Anzahl Gebirgsreste oder sonst schwer bezwingliche kleine Blöcke bleiben als Inseln stehen. Dieser ganze Teil Europas bekommt auf lange jetzt geographisch den Charakter unserer heutigen polynesischen Inselgruppen in der Südsee. Und vieles auch im übrigen Landschafts- und Lebensbilde muß an diese jetzt so entlegene Erdgegend damals bei uns erinnert haben. Im blauen süddeutschen Meer wuchsen überall bunte Korallenriffe, und am Rand der Atolle wiegten tropische Palmfarne (Cykadeen) ihre großen Wedel im Seewinde. Über den feinen Kalkschlamm der Lagunen hinter dem Riff hüpfte oder flatterte allerdings im Gegensatz zu allem heutigen der seltsame Urvogel Archäopteryx, das Gemisch aus Saurier und noch werdendem Vogel. Die Tethys staut sich in ihrem Triumphzuge erst vor der großen skandinavisch-russischen Masse; bis dahin ist Europa sozusagen verschluckt vom Mittelmeer. Aber indem das so weit geschehen ist, ergibt sich eine neue folgerichtige Möglichkeit. Die so gewaltig nach Norden ausbegehrende Tethys vollzieht im Nordosten erneut einen uralten Schachzug. Sie eröffnet sich wieder die russische Wasserspalte, vom Kaspischen Meer zum Eismeer in der Richtung am Ural hin. Da sie ganz Mitteleuropa schon besitzt, kann sie gleich auch von hier noch durchfluten, auch von Norddeutschland schon ihre Wasser anschließend nach Rußland treiben. Was von Europa auch jetzt als Festland noch übrig ist (wesentlich Skandinavien), ist damit abermals in Wiederholung des alten Schicksalszuges von Asien getrennt. Nach der überlieferten Verkettung wäre der Europarest wieder einmal nur noch Halbinsel der Atlantis. Mehr noch »verwässert«, aber sonst doch unverkennbar ähnlich, scheinen an dieser Kartenecke die Zustände der Steinkohlenzeit wiederzukehren. Da aber wird noch etwas bedeutsam, das die Triaskarte schon andeutete. Jener neue Spalt zwischen Skandinavien und Island, die »Shetland-Straße«, die sich in die Verlandung der Trias doch schon gelegentlich eingemischt hatte, spaltet erneut den Europarest auch westlich von der Atlantis ab. Die Tethys greift durchströmend auch hier um Skandinavien herum. Und so erfährt der letzte ragende Landblock Europas ein neues, ein bisher noch nie erfülltes Schicksal: von Asien und von der Atlantis durch breite Meeresarme gesondert, wird er selber zur Insel. Eine skandinavische Rieseninsel, von der es südwärts unmittelbar ins Mittelmeer und in den südseehaften Archipel der kleinen Korallen- und Palmfarn-Eilande geht, – so schwebt Jura-Europa frei in den Wassern, los von Asien, los von der Atlantis, von der nordwärts bis zum Eismeer ausgeschweiften Tethys ganz umflossen wie die Erde der homerischen Griechen vom sagenhaften Okeanos.

Obwohl die meisten Züge dieses Schlußbildes sich noch irgendwie an frühere anschließen, fühlt man doch, was für eine außerordentliche Zerstückelung des Nordgebiets der Landseite sie bedeuten, eine ärgere, als je eine Wassertransgression früher erzielt hatte. Und dazu treten noch andere starke nordische Landeinbußen. Das Eismeer schneidet nördlich von der Shetlandstraße noch ein Stück von der Atlantis selbst ab, bis auf den Rand von Grönland, also nahe ans alte Herz. Von Nordamerika versinkt erneut die Alaskaecke wie in den ältesten Epochen. Die Beringstraße stellt sich also in ungeheurer Breite her. Und auch Asien verliert im Norden durch kolossale sibirische Überflutungsbuchten (Neumayr auf seiner Karte ließ es über ganz Sibirien untergehen) ein Riesengebiet. Eigentlich intakt von der gesamten nordischen Herrlichkeit bleibt nur der Hauptblock von Nordamerika und der damit verschmolzene Restteil der Atlantis. Immerhin noch ein gewaltiger Erdteil, der für die Fortentwicklung der Landtierwelt in dieser Jurazeit jedenfalls nördlich die Hauptstütze gewesen ist. Während durch die neuen Buchten und Meeresarme von der Tethys bis zum Eismeer und zum Pazifik und rund um den Europarest lustig die delphinhaften Scharen der Ichthyosaurier schwammen, erwuchsen auf diesem einzigen großen Dauerlande des Nordens jene märchenhaften Landdrachen des Dinosauriergeschlechts, deren wirkliche Größenmaße keine noch so überschwengliche frühere Urweltsphantasie sich hatte erträumen können. Dieser ganze Umsturz im Nordgebiet der Erdkarte bedeutete aber immer noch nicht das, was auf dem Südgebiet gleichzeitig geschah. Man konnte, wie gesagt, das alles dort im Norden noch für eine einfache größte Transgression halten. Im Süden aber vollzog sich etwas schlechterdings Neues: der Südkontinent, das ungeheure Gondwanaland begann zusammenzustürzen.