Wir haben unsere Betrachtung begonnen mit einem kurzen Hinweis, daß Gondwanaland im Kambrium in der Gegend des heutigen Indischen Ozeans zeitweise nicht ganz geschlossen schien. Möglich, daß das nur eine belanglose seichte Überflutung war; möglich, daß es auf eine noch ältere, uns unbekannte Urgeographie aus vorkambrischer Zeit wies, die noch kein geschlossene Gondwanaland hatte. Sicher ist jedenfalls soviel, daß jetzt seit sechs großen Erdperioden, eine endlose Kette von Jahrmillionen lang, Gondwanaland geradezu als der am meisten ruhende Landpunkt der Erdkarte bestanden hatte, unzerstückelt, ohne Spalten, ohne versunkene Zwischenteile. Vom oberen Kambrium bis zur Trias bildet es gewissermaßen die Signatur der gegen alles heutige abstechenden Alt-Karte. Jetzt aber stürzte sein erster Grundpfeiler endgültig ein.

Gondwanaland im engeren und für unsere Kenntnis sichersten Sinne, also das Stück Verbindungsland im heutigen Indischen Ozean, war es, das den Anfang machen sollte. Schon zu Beginn des Jura muß es begonnen haben, gleichsam zweiseitig zugleich, auf den beiden Eckflügeln, zu versinken, während das Mittelstück zunächst noch als lange schiefe Landzunge stehen blieb. Diese Landzunge wurzelte vermutlich auch jetzt noch am Kap der guten Hoffnung in Afrika und reichte über Madagaskar bis Ceylon und Vorderindien. Rechts und links von ihr aber hatte der Ozean das übrige Zwischengebiet endgültig verschlungen. Rechts trennte er als breite blaue Fläche von Australien, links von der Ostküste Afrikas, bei der auch das nicht mit versunkene Arabien einstweilen verblieben war. Eigentlich waren die beiden neuen Meeresstücke im heutigen Sinne schon werdender Indischer Ozean; immerhin hat man das afrikanische für diese und die nächste Erdperiode einstweilen noch mit dem besonderen Namen als »Äthiopisches Meer« auf die Karte gesetzt. Das Reststück des alten Landes selbst, die lange Landbrücke, die beide Wasser noch trennte, hat man dagegen, so lange sie sich noch hielt, als »Indomadagassische Halbinsel« bezeichnet. Gestanden hat sie tatsächlich noch in der ganzen nächstfolgenden Kreidezeit, und, wenn man will, kann man ihre letzten Spuren heute noch in den kleinen Inselschwärmen zwischen Madagaskar und Indien verfolgen. Aus historischer Pietät könnte man aber fast versucht sein, ihr in den spätesten Tagen, wo sie noch tragfähig war, auch noch einen andern Namen zu geben, den die meisten wohl gelegentlich einmal gehört haben werden, – nämlich Lemurien. Lemuren sind zoologisch die Halbaffen. Diese interessanten Tiere, von denen eine lebende Form, der sogenannte Koboldmaki, auch dem Stammbaum des Menschen zweifellos nahesteht (neuerlich hat man in Ägypten sogar einen alttertiären Kiefer entdeckt, der unmittelbar Koboldmaki und Menschenaffe zu verknüpfen scheint), finden sich heute besonders zahlreich auf Madagaskar und dann wieder im südindischen Gebiet. So meinten die ausgezeichneten Kenner Sclater und Haeckel vor Jahren, in der Tertiärzeit müsse einmal eine Landverbindung quer über den Indischen Ozean gegangen sein, die gerade diese Verbreitung erklärte. Sie bezeichneten sie als Lemurien, und lange ist viel davon die Rede gewesen; die Urheimat des Menschen selbst ist gelegentlich gern nach Lemurien verlegt worden. Inzwischen ist aber durch Versteinerungen unzweifelhaft geworden, daß eben solche Halbaffen damals auch in Europa, ja in Nordamerika gelebt haben. Da wäre also jene Brücke nicht nötig, die Halbaffen Madagaskars können zu ihrer Zeit von Afrika und die indischen unabhängig von Asien eingewandert sein. Es ist aber wieder amüsant, wie auch hier etwas, was zuerst als Phantasiegebilde und sozusagen falsch eingestellt auftauchte, sich nachher in etwas veränderter Form doch wahr gemacht hat. In der Jura- und Kreideperiode bestand wirklich diese lemurische Brücke, bloß daß sie damals nichts mit den Lemuren zu tun hatte. Wir wollen aber den jetzt irreführenden Namen lieber nicht bei ihr verewigen.

Die Zerstörung des indisch-afrikanisch-australischen Kontinentstücks bis auf diese Brückenruine mußte aber früher oder später weitere Folgen haben. Die Tethys konnte um die indische Spitze der indomadagassischen Halbinsel herum einen Ausfluß zu dem neuen Indischen Ozean, der diese Halbinsel fortan von den Sundainseln und Australien trennte, gewinnen. Wahrscheinlich ist auch das im Jura selbst schon erfolgt. Dann aber entstand die neue Möglichkeit, daß sie ganz hierherüber abströmte. Ihr letztes asiatisches Stück, das bisher über Hinterindien oder Südchina zum Pazifik ging, konnte austrocknen. Und es ist möglich, daß auch das schon im Jura geschah. Nach Neumayrs Karte hätte sich damals schon einmal ganz Hinterindien lückenlos mit dem asiatischen Kontinent vereint, wobei dieser neue Landriegel sich südlich zeitweise sogar noch über die Sundainseln bis Australien fortgesetzt haben soll. Wieder ein grober Riß im alten Bilde: die Tethys nicht mehr ihre Bahn vom Stillen Ozean zum Stillen Ozean vollendend, sondern ins Herz von Asien bloß noch bis über den Himalaja eindringend, dann aber südwärts abbiegend in den Indischen Ozean. Dauerhaft blieb einstweilen nur die Landverbindung noch zwischen Afrika und Südamerika, ein letztes Stück alter Südkarte rettend. Aber auch ihre Tage waren gezählt. Gondwanaland und mit ihm die alte Karte waren nicht mehr zu retten, – das zeigt die nächstfolgende Erdperiode.

An die Periode des Jura schließt sich zeitlich die der Kreide; benannt nach der in ihr gebildeten weißen Schreibkreide. Wie die Jurazeit aber nicht bloß Schichten gerade im Juragebirge hinterlassen hat, so hat auch sie keineswegs bloß Kreide hervorgebracht, sondern auch vielerlei anderes Gestein. Überaus wechselreich ist gerade ihr geologische Bild, bis zum Fratzenhaften gestaltenreich das Bild des Lebens in ihr. In eine ganze Reihe Einzelabteilungen hat der Geolog sie für sich auflösen müssen, um ihrer langen, vielfach verwickelten Bahn einigermaßen Herr zu werden. Und für alle diese Einzelkapitel lassen sich nach den reichen Hinterlassenschaften auch wieder Erdkarten entwerfen, auf denen, wenn man sie zuerst mustert, alles noch mehrfach wieder drunter und drüber zu gehen scheint. Genaue Betrachtung zeigt aber sofort, daß für die Hauptlinie des Kartenbildes, wie wir sie verfolgen, in Wahrheit nur wieder einige wenige Punkte dabei von wesentlicher Bedeutung waren.

Die Kreideperiode gehört eng zum Jura. Sie enthält den zweiten Höhepunkt jener großen doppelperiodischen Meerestransgression, von der wir gesprochen haben. Er ist als solcher noch ausschweifender als der erste im Jura. Wenn irgendwo das Sintflutbild noch einmal im großen angewendet werden soll, so wäre es hier am Platze, obwohl von einer wirklichen Überflutung aller Länder natürlich auch jetzt keine Rede sein konnte. Die äußerste Kurve liegt ungefähr im Beginn der zweiten Hälfte der Periode, da, wo der spezialisierende Geolog die Unterabteilung des sogenannten Cenoman (nach dem lateinischen Namen Cenomanum für die heutige Stadt Le Mans in Frankreich) ansetzt. Auf dem Kartenbilde erfolgt in dieser Gegend in der Tat ein so erdenweites Untertauchen an allen Ecken und Enden, daß man meinen könnte, die am weitesten von heute abweichende Karte zu sehen, die es je in der Urwelt gegeben hat. Inzwischen darf man aber nicht vergessen, daß es sich dabei doch zunächst nur wieder um eine jener periodischen Transgressionen handelt, bei denen das Meer überhaupt aus irgendeinem Grunde wie außer Rand und Band scheint, die riesigste von allen, aber doch auch eine, die nach einer Weile vorübergeht. Auch aus der cenomanischen Sintflut heben sich zuletzt, im Auslauf der Kreide, wieder einigermaßen verständliche, aus dem Früheren begreifliche Erdteile heraus. Und nur was auch jetzt daran sich dauernd verändert erweist, was auch jetzt nicht wiederkommt im einzelnen an ihnen, – das ist für die Hauptlinie das Entscheidende, das wirklich auch unter all dem Trubel der Periode geographisch von ihr Geleistete. Das aber läßt sich diesmal wirklich ziemlich kurz zusammenfassen, denn auch hier ist die Kreide nur eine Art vertiefenden zweiten Abschnitts der Juraarbeit gewesen.

Zwischen Jura und Kreide liegt zunächst eine kleine Pause im großen Wassertriumph. In Deutschland, Belgien, England werden die Tethysableger des Jura aus Meer zu Waldsümpfen, in denen sich damals die bekannten känguruhhaft auf den Hinterbeinen hüpfenden großen Iguanodon-Saurier herumgetrieben haben. Die Shetlandstraße schließt sich nochmals, Europa hängt sich vorübergehend noch einmal westlich ganz an die Atlantis. Sonst bleibt aber alles wesentlich wie im Jura. Dann aber, unter der allmählich heranrauschenden Riesenflut, geht das tollste Spiel los. Die Tethys wahrt nicht nur fast alle Errungenschaften, die sie im Jura erlangt hatte, sondern sie greift neuerdings an urältesten Landbesitz. Sie stellt nicht nur die Shetlandstraße neu her, sondern überschwemmt in ihrer Gegend westlich die ganze Atlantis bis auf den Umriß von Grönland und sogar noch ein Stück in die Davisstraße hinein; der ganze nördliche Atlantische Ozean von heute wogt also schon bedeutsam eine Weile frei herüber und hinüber. Ebenso bedeckt sie südlich jetzt auch das gondwanische Zwischenland von Afrika und Südamerika ganz oder doch fast ganz. Mehr aber noch: sie zerschneidet in der Gegend des Amazonenstroms Südamerika selbst und dringt mit einer ähnlichen Schnittspalte von Süd zu Nord durch den ganzen Westen von Nordamerika. Und während sie über Europa abermals in voller Pracht fortrauschend erst wieder an den Felsufern Skandinaviens brandet, schneidet sie zugleich große Teile von Nordafrika und Arabien ab. Wenn sie auch jetzt in ihrem äußersten Ostkurs zum Indischen Ozean abbiegt, so ist sie doch sicher auch dort über viel mehr Land weggegangen, über Teile von Hinterindien und den Sundainseln. Australien wurde damals auch von Asien wohl endgültig getrennt, nachdem es im Jura von Afrika losgekommen war. Als einsamer Gondwanarest sollte es fortan im Meer ragen, seltsame Tiere der älteren Urwelt wie in einem unnahbaren Zauberpark bis auf unsere Tage durchrettend. Manche Forscher glauben freilich, daß Australien gerade damals noch Sonderschicksale von geheimnisvoller Art durchgemacht habe. Die Kreideüberflutung soll eine Art Gegenangriff durch geheimnisvolle Landbildungen im Südseegebiet erfahren haben, also doch einmal in dem uralt treuen Reinwassergebiet der Erde. Wohl gar wäre ein Landstreifen zeitweise von Australien bis zu einem dunkeln, schon im Jura vermuteten sehr vulkanischen Lande jenseits der pazifischen Küste von Südamerika gegangen. Doch ist das alles noch sehr, sehr unklar und vielleicht nur ein Traum.

Für einen kühnen Seefahrer hätte es in diesen cenomanischen Wasserwüsten jedenfalls nicht an unheimlichen Abenteuern gefehlt. Die Begegnung mit der »großen Seeschlange« wäre in gewissen Meeresgebieten ein alltägliches Ereignis gewesen, denn es wimmelte von schlangenhaft langgestreckten Riesenreptilien (Mosasauriern), die allen verwegensten Phantasieanforderungen an dieses heutige ozeanische Fabeltier Genüge taten. Von oben aber schatteten über die unabsehbaren Wasserflächen ungeheuerliche »Flugmaschinen«, in denen ebenfalls drachenhafte Reptile (Pteranodon) mit einer Klafterweite bis zu sechs Meter den nicht endenden Ozean frei übersegelten.

Abb. 18. Festländer und Meere in der älteren Tertiärperiode (nach Koken und Arldt).