Mit den bisher geschilderten Erscheinungen ist der Kreis dessen ungefähr abgeschritten, was man enger Symbiose nennt. Ein paar kleine Beispiele sind als unsicher oder unwesentlich übergangen, geben jedenfalls nichts Änderndes mehr hinzu. Dagegen ist jetzt noch eine Linie zu verfolgen, die, bei der ersten Begründung ebenfalls schon eingeschlagen, doch unverkennbar eine Sonderrichtung bewahrt, wenn auch eine für sich wieder ungemein lehrreiche, da sie unmittelbar auch zur Anwendung des Prinzips auf den Menschen führt.
Ich habe erwähnt, daß die Teilnehmer einer solchen echten Symbiose eine Neigung zeigen, wieder in Organe eines neuen Gesamtkörpers überzugehen, und wir sahen das gesteigert bis zur systematischen Unkenntlichkeit, ja zum Zusammenschluß der Fortpflanzung. Aber eben in dieser körperlichen Organbildung selbst gewahren wir mit ansteigender Lebensentwicklung eine bedeutsame Neuerung: über die andern Organe erhebt sich auf der tierischen Seite noch einmal besonders das Gehirn, das den Rest als überlegen meistert und lenkt, sei es schon mit Intelligenz, sei es (entscheidend noch beim Tier unterhalb des Menschen) mit verwickelten Instinkten. Auch dazu aber finden wir nun Analogie in den symbiontischen Verhältnissen, ja sie tritt ein im unmittelbaren Abglanz von dort. Höher entwickelte, weiter vorgeschrittene Lebewesen verbinden sich mit niederen, und es kann nicht ausbleiben, daß auch hier das höhere eine überragende Stellung gewinnt. Sie bleiben zwar friedlich, fallen nicht wieder in den rohen Zerstörungskampf, aber die obere Partei greift selbsttätig bei der niederen ein, modelt sie am lebendigen Leibe stärker für den Zweck, regelt ihre Überschüsse noch erwünschter; die andere braucht dabei keineswegs schlecht zu fahren, sie bleibt auch der ersten unersetzlich, aber die Balanze verschiebt sich geistig nach einer einseitigen Hauptleitung: das eine Wesen wird tatsächlich zum Gehirn des andern. Schon in dem Polypenbeispiel war der Polyp ersichtlich geringwertiger als Krebs oder Fisch. Zuletzt aber haben wir die Pflanze, die Alge, im Tier getroffen, und hier berühren sich unverkennbar bedeutendste Höhengegensätze. Aller vollkommenen Gleichmacherei in der Natur tritt, wenn jetzt nicht der Individualismus, so die Ungleichartigkeit der Stammbaumentwicklung entgegen, die hier zurückbleiben ließ, dort gesteigert hat. Und man versteht, daß sich das nur immer mehr verstärken mußte, je entschiedener überlegene Tiere in den Bund eintraten, und daß hier zuletzt eine Symbiosenform auftaucht, die innerlich noch wieder zu etwas Drittem verschoben wird, das weder Kampf, noch reine Symbiose ist, sondern vielleicht ein neues, dem geistigen Umgriffenwerden durch die eine Partei entsprechendes Wort verdiente. Ohne zunächst auf die Wortsuche zu gehen, betrachten wir auch hier ein paar Beispiele, vielleicht daß sich das Wort dabei von selbst gibt.
Bei de Barys Symbiosenbegründung hatte, wie erzählt, die Entdeckung des weiland Spandauer Rektors über die Blütenbefruchtung durch Insekten sogleich eine Rolle gespielt. Sprengel hatte diese merkwürdige Hilfe schon bei ungefähr 500 Pflanzarten nachweisen können, später leider durch Amtsentsetzung (wegen einiger beim Botanisieren versäumten Sonntagspredigten!) am Verfolg seiner Studien behindert, und die Wahrheit war dann langsam, aber glänzend durchgedrungen, daß auch hier ein entschiedenes Wechselverhältnis auf do ut des vorliege. Die Blüte gibt freiwilligen Überschuß: eiweißhaltigen Pollen und ein Kohlenhydrat (Honig) her, und die Fliege oder Biene oder der Schmetterling übertragen bei Gelegenheit des Tischbesuchs, von Blüte zu Blüte gleicher Art gehend, den Staub auf fremde Griffel zu Kreuzbestäubung, die zur Verminderung der Inzucht im Liebesleben der Pflanzen not tat; die Grunddinge stehen heute in jedem Schulbuch und erübrigen sich für uns hier. Pflanze und Insekt leben, d. h. wohnen allerdings hier in der Regel nicht beisammen, sondern das Insekt besucht die Pflanze nur, aber das läuft für den Symbiosebegriff, wie gesagt, doch nur auf einen Wortstreit. Geschichtlich können wir diesmal den Finger fast noch genau auf den Zeitpunkt legen, in dem die Verbindung begonnen haben muß: erst in der Kreidezeit waren die höheren Blütenpflanzen (Gipfel des ganzen Pflanzenstammbaums) und höchsten Insekten da, und zwar sind beide damals offensichtlich schon in aufeinander gestimmter symbiontischer Doppelanpassung entstanden. Und der Weg dazu ist auch noch recht deutlich. Im Mittelpunkt stand wieder wie bei Krebs und Seerose das alte Bewegungsproblem. Die Landpflanze auch in ihrer Höchstform wurzelte, das Insekt dagegen war (das Wie ist in meinem Kosmosbändchen „Stammbaum der Insekten“ erzählt) als Flieger ein erstklassiger Ortswechsler geworden. Die seßhafte Pflanze war, um ihren Blütenstaub wenigstens fremd zu vertreiben, lange genötigt gewesen, unermeßliche Pollenmassen zu verschwenden, die der Wind auf gut Glück entführte, damit ein paar Stäubchen drüben landeten. Im Grunde ja eine seltsame Sorte Überschuß, da jedes Pollenkörnchen doch ein echtes Stück Leben, eine halbe Individualität darstellt, aber das Liebesleben kennt in dem Punkt von je keine Rücksicht, man denke nur an die wahnsinnige Verschwendung unsrer menschlichen Samenzellen, deren 200 Millionen in jedem Erguß mitgehen. Da aber zeigte sich nun, daß, wenn die Insekten ein Teil Pollen abfraßen und dabei die Blüten wechselten, der Rest angeklebt an ihren Körper weit sicherer ans Ziel kam. Und so wurde der Pollen unmittelbar in Insektenbrot verwandelt und die Blüte in einen offenen Bäcker- oder Konditorladen mit allen Lockmitteln des Gratisbetriebs, wobei immerhin ein großer Nebenversuch fast gelang, wirklich doch auch das lebendige Pollenbrot, in dem immer Leben zerstört wurde, durch reinen Abfallzucker (Honig) zu ersetzen.
Man kennt den Riesenapparat, den die Naturzüchtung hier an der Pflanze herausgearbeitet hat: Pollenläden mit weithin leuchtenden Farbenschildern (erst hier ist die Pracht unserer Blumenwiesen entstanden, wieder ein riesiger landschaftsbildender Faktor aus Macht der Symbiose!), weit offene Honigtöpfe, endlich kunstvoll langhalsige Honigflaschen, wunderbarer Duft, besondere Wegzeichen (Saftmale) wie eine Art Schrift, — alles doch zugleich im Zweck des möglichst ausgiebigen Bepulverns und Beklebens mit Mitnehmesamen; dieser Samenstaub selber dem Insekt durch harmlose Schlagwerke und Explosionen beim Betreten der Konditorei übergestreut, — der Honig (wie bei den Orchideen) in besondern Schränkchen mit einer Bank davor aufbewahrt — nimmt das Insekt Platz und steckt das lüsterne Köpfchen in den Schrank, so kleben sich ihm dort zwei Samenklumpen wie Hörner vor die Stirn, die sich dann selbsttätig auf seinem Weiterflug so einkrümmen, daß sie genau ins nächste Schränkchen mit eingehen und dort befruchten. Die Kunststücke können noch viel weiter gehen bei weniger feinen Insekten, es braucht auch kein uns angenehmer Duft dabei mitzuspielen: im Aronstab (um nur noch ein Beispiel flüchtig zu streifen) stinkt die Blüte nach Klosett, lockt grade damit Fliegen, die dann durch eigene Heizung der Pflanze zunächst in die warme Backstube gelockt werden, worauf sich aber hinter ihnen eine Fischreuse schließt und sie tagelang bei Proviant eingesperrt hält, bis sie den Samen gründlich abgeladen oder neuen angeschmiert bekommen haben, — kleine Zwangslisten, die doch das Einvernehmen nicht stören können. Demgegenüber nun das Insekt mit seinen entsprechenden körperlichen Einbauten zum Proviantzweck: ungeheure Saugrüssel der Schmetterlinge, je enger der Honigkelch, desto länger, bis 25 cm einer Madagaskarart, zu der man erst den Orchideensporn so tief fand, bis man dann richtig auch den Heber entdeckte; bei den Honigbienen besondere Kröpfe für den Honig, Körbe (Höschen) für den hier obenein gewährten Pollenüberschuß, die diesmal nicht bloß dem Eigenkonsum dienen, sondern an deren ins Nest getragenen Vorrat das Insekt hier seine eigene Jugendpflege angeschlossen hat, wie dort die Pflanze an den Insektenvertrieb ihre Fortpflanzung. Wobei noch bemerkt sei, was vielleicht nicht jeder kennt, daß nicht bloß Insekten so wirken, sondern auch Vögel (Kolibris und Nektarinien), denen die Pflanzen ebenso buntfarbige Signallaternen und Sitzbänke (z. B. bei den Strelitzien) aufstecken, sowie Fledermäuse und selbst ein durch Honigsaugen fast zahnlos gewordenes australisches Beuteltier (Tarsipes). Im ganzen jedenfalls die wunderbarste Nutzung wieder auf Gegenseitigkeit mit der Pracht ineinandergreifender Glieder einer Präzisionsmaschine, woran auch hier kleine Begleitzüge nichts ändern; der Kampf geht ja als Naturunterströmung immer mit: die friedliche Blütenfalle des Aronstabes wird nebenan im Blatt der insektenfressenden Pflanze zur scheußlichsten Zyklopenhöhle, und wo auch die Blüte das Insekt, wenn es rein räuberisch auftritt, nicht „will“, sperrt sie auch ihm den Weg mit den wildesten Stacheldrähten und Leimtöpfen; aber gegen solchen Kontrast hebt sich nur erst recht auch hier die Symbiose ins Licht.
Inzwischen scheint aber, wenn irgendwo, auch der Fall einseitiger geistiger Überlegenheit jetzt gegeben. Die Pflanze ist zwar die höchste ihres Reichs, aber daneben steht das Tier auf der Stufe, wenn nicht gar des Vogels oder Säugetiers, so doch des begabtesten Insekts, wie es etwa durch das Gehirn einer Honigbienen-Arbeiterin gekennzeichnet ist. Das Gehirn solcher Biene, entsprechend dem Nervenbau hier als obere Schlundmarkverdickung ausgebildet, wiegt 1/174 des Gesamtkörpers im Gegensatz von nur 1/3500 beim Maikäfer: was besagt, daß noch der Maikäfer „ein absolut kleineres Gehirn hat als die 40mal kleinere Biene“ (Hesse). Man hat daraus mit vielleicht nicht allzuviel Übertreibung gefolgert, daß schon unter den Insekten selbst hier Geistesgegensätze bestehen müßten, wie zwischen Frosch und Mensch, wobei man (was für unsern Zweck hier, wie gesagt, genügt) noch immer nicht in die Trennungsfrage von freier Intelligenz und vererbten Gehirntrieben einzugehen braucht, um doch die ungeheure Überlegenheit des blütenbesuchenden Insekts gegen die Blüte zu ahnen. Nun wird man allerdings zunächst etwas enttäuscht. So wundervoll die körperlichen Anpassungen der beiden Parteien sind (bei der Pflanze eigentlich noch besser als beim Tier), so ist doch von jeher aufgefallen, daß gerade eine entscheidende Hauptsache, wie die Befruchtung der Pflanze, selbst durchaus nicht in den unmittelbaren Gehirninstinkt des Insekts aufgenommen ist. Das Insekt besucht von sich aus die Blume lediglich zum Nahrungszweck, die Bestäubung bleibt ihm aber Zufallssache. Drastisch gesagt: es wischt sich beim Futterholen immer wieder etwas Schmutz an den Rockärmel und schmiert ihn drüben ebenso achtlos wieder ab, — anstatt daß auch diese ihm zuletzt im Erfolg so hochwichtige Sache von seinem eigenen Instinkt mit umfaßt werde; denn wenn die Befruchtung sich nicht vollzöge, gingen seine Nährlieferanten, wie die Dinge heute stehen, ja doch herunter oder ein, während umgekehrt, wenn das Insekt auch diese Sache in seine unzweideutigen Instinkte aufnähme und ohne Zufall mit der ganzen Sicherheit solchen Instinkts selbständig vollzöge, der Mehrvorteil ein außerordentlicher sein könnte. Das Insekt hätte die Fortpflanzung der Pflanze damit selber in der Hand. Noch in weit engerem als bloß bildlichem Sinne hinge die Pflanze von ihm fortan als einem kundigen Gärtner ab. Es könnte ihre Existenz zweckgerecht stärken unter Ausschaltung jeden Zufalls. Unwillkürlich träumt man, was für einen Aufschwung die Insektenblüten unter dieser Regelung noch genommen haben könnten, — wenn die Propagation der Art an eine Pflicht des Insektengehirns angeschlossen würde. Man fühlt aber auch, was dieser Anschluß im Sinne jener einseitigen Überlegenheit bedeutet hätte: die Pflanze kam aus der Zucht des Zufalls einseitig in die des Insektengehirns. Nun, eben in der erdrückenden Masse der Fälle ist es aber hier noch nicht so geworden. Die Dinge müssen sich ungefähr auch so durchgesetzt haben, und die Natur scheint einmal wieder den Weg des kleinsten Kraftmaßes gegangen zu sein (soviel wir uns unter diesem Wort vorstellen können): nämlich nicht mehr zuzulegen, als unbedingt nötig war.
Ganz genau besehen, gewahren wir indessen in einem höchst bedeutsamen Einzelfall auch hier schon wenigstens einen Ansatz. Seit einer Reihe von Jahren weiß man, daß es ein Beispiel gibt, wo vom Insekt die Blütenbefruchtung mit voller Instinktabsicht tatsächlich bereits vollzogen wird, — nämlich bei der amerikanischen Yukkamotte, der Pronuba yuccasella, einem kleinen, metallisch glänzenden Nachtschmetterling in den prachtvollen großen, nur nachts geöffneten und dann weithin im Mondlicht lockenden weißen Glocken der Yukkapflanze. Diese Yukkamotte, an sich ein so unscheinbares Kerlchen wie andere, erklettert die Staubgefäße der Yukka und bemächtigt sich dort mit Hilfe ihrer eigens dazu umgestalteten, griffartig klemmenden Kiefertaster eines Ballens Blütenstaub, den sie nun weder frißt, noch als Proviant fortschafft, sondern im Fluge zu einer zweiten Blüte hinüberträgt und dort genau in die Griffelnarbe stopft, solchermaßen unter völliger Zufallsausschaltung ihre Pflanze jedesmal zielgerecht fremdbestäubend. Der Fall steht, wie gesagt, ungefähr einzig da, beweist aber unzweideutig, daß die Sache auch so bereits nicht nur möglich, sondern vereinzelt sogar schon realisiert war. Die Yukkamotte leistet tatsächlich ihrer Pflanze, was beispielsweise menschliche Kunstgärtnerei des Orients in uralter, bis ans Grau vorgeschichtlicher Tage sich verlierender Überlieferung mit der Dattelpalme macht, wo auch herausgenommene und zerschnittene reife Pollenkolben künstlich in die lebendigen weiblichen Blütenscheiden gestopft werden.
Nun ist aber wieder bedeutsam, daß gerade bei dieser Yukkamotte die Symbiose selbst sich auf ihren ursprünglichen Sinn zugleich wieder verengt hatte, nämlich vom losen Blütenbesuch durch das Insekt erneut zur wirklichen zeitweisen Wohngemeinschaft zwischen Tier und Pflanze übergegangen war. Auch die Biene, die doch Wohl und Wehe ihrer Brut an Brot und Honigbelag ihrer Blüten angeschlossen hat, hat diese Brut anderswo und holt nur drüben für sie ein; die Yukkamotte dagegen legt dieses Heim ihrer Brut unmittelbar wieder in den Fruchtknoten der Yukka selbst, den sie (sehr sinnreich hat hier auch der Schmetterling einen Legestachel wie eine Schlupfwespe) mit ihren Eiern bestiftet und in dem die kleinen Raupen auskriechen und bis zu ihrer Verpuppung gefüttert werden, ohne daß erneut etwa hier Raupenparasitismus umgekehrter Art entstände: die Pflanze opfert vielmehr, wie der Biene Pollen, so hier der stets beschränkten Zahl Räupchen einen kleinen Überschuß ihrer Samenkörner (von 100 vorhandenen jedem Räupchen etwa 20), was sie um so leichter kann, als sie ihrer Befruchtung hier ja noch weit übers Gewöhnliche hinaus gewiß sein darf. Wer Anstoß daran nimmt, daß doch auch solches Samenkorn schon vollwichtiges Neu-Leben darstellt, also die Pflanze eigentlich auch schon ein ver sacrum im antiken Sinne, ein Stück Weihefrühling ihres Geschlechts, daran gibt, der muß sich eben auch hier mit den „Ausnahmen“ des Liebeslebens abfinden, das z. B. am Eierstock jedes Menschenweibes 72000 Eier anlegt, von denen höchstens doch ein paar reifen können, der Rest aber auch vergeht. Jedenfalls bekommt man aber den Eindruck, daß das Insekt zur ganzen Entfaltung seiner überragenden Instinkte erst kam, als es auch wieder in irgendeine Art näheren Hausanschlusses mit der Pflanze getreten war, — wie doch auch wir Menschen uns geschichtlich erst ganz intim mit einer Pflanze befaßt haben vom Augenblick an, da wir sie gewissermaßen in unsern Hausgarten aufnahmen. Sobald aber wieder möglich wurde, daß die Pflanze auch die Kinderstube oder (der Schritt ist ja sehr klein) überhaupt das eigene Wohnhaus des Insekts wurde (wie nahe läge z. B., daß jene zeitweisen Gefangenen des Aronstabes nach Fall der Liebesgatter auch weiter die behagliche Pflanzenstube als Quartier benutzten!), mußten sich zunächst noch wieder anschließende ältere Symbiosenvorteile einseitig betätigen: das wehrhafte Insekt mochte sein Haus, die Pflanze, verteidigen. Dieser Weg ist für sich auch zwischen höherer Pflanze und Insekt nun wieder reichlich beschritten worden, wenn wir von der Befruchtungssymbiose selbst zunächst noch einmal mehr oder minder absehen wollen.
Anfänge von Blütenverteidigung durch bissige Insekten liegen bereits auf der Grenze vor allem symbiontischen Anschluß, wenn Blüten rein im Kampf gegen rohe Blütenfresser hemmenden Kleber nach Art der Pechnasen an alten Burgen träufeln, dieser Kleber bei Kornblumen wegen seines Honiggehalts aber von Ameisen gesucht und nun von diesen Ameisen gegen blütenfressende Rosengoldkäfer (Cetoniden) wütend verteidigt wird, — wobei ich offen lasse, ob nicht auch hier durch Hin- und Herlaufen der Ameisen auf dem Blütenbeet solcher Komposite auch Kreuzbefruchtungen nebenher vermittelt werden könnten. Wenn wir aber dabei schon auf die Ameisen (die sonst als Vermittler nicht so in Frage kommen) geraten, so wären hier ein bereits viel anschaulicheres und selber fest eingefahrenes symbiontisches Beispiel die unmittelbar so benannten „Ameisenpflanzen“, falls man sie (es liegen hier Streitfragen) noch gelten lassen will. Der einfache Sachverhalt läuft in dem bekanntesten und oft beschriebenen Fall des brasilianischen Imbaubabaumes, einer Cecropia-Art, darauf hinaus, daß gewisse räuberische Ameisen (Atta-Arten) zu einem besonderen Zweck dort oft ganze Bäume ihrer Blätter berauben, wogegen andere, sehr tapfere Ameisenvölker einer Azteca-Art nun jenen Baum gewohnheitsmäßig durch wütige Gegenangriffe schützen sollen; und die Imbauba bietet ihnen dafür der Erzählung nach ihre nach Doldenart hohlen und übereinander gekammerten Stengel als Wohnung, zu der besonders vorgesehene dünne Wandstellen sich leicht als Außen- und Falltüren öffnen lassen, sowie in besonderen eiweißhaltigen Überschußbildungen (hier doch ohne Bezug zum Pollen) auch eigene Hauskost. Ähnlich sollen andere „Schutzameisen“ zu den ungeheuren eigenen Wehrdornen amerikanischer Akazien noch eine persönliche Garde fügen, die in solchen Stacheln selber haust und ebenso durch besonderes Fettbrot an den Blattspitzen beköstigt wird. Und endlich leben schirmende Ameisenheere in den kaktusartigen Knollenstengeln der auf indischen Urwaldstämmen sitzenden Myrmekodien, die üppige Wasserreservoire dieser Pflanzen für die Trockenzeit bilden und deshalb häufig von durstigen Tieren bedroht sind, während die Ameisen einen lebendigen Stachelwall, besser als jede echte Kaktuswehr, darumziehen. Im Engeren scheinen sich in diese Schilderungen kleine Irrtümer gemischt zu haben, die Gegengaben der Pflanzen sollen auf nicht mehr hinauslaufen, als sie ohne Ameisen auch schon lieferten, und die Ameisen ihr zufällig gefundenes Haus nur eben als „ihres“ verteidigen ohne sonst stärker durchgeführte Symbiose. Unserer Betrachtung aber mag wieder vollständig genügen, ohne daß sie mehr und Strittiges aufzurollen brauchte, wenn eben dieser Hausschutz nur schon auf Grund fester Insekteninstinkte betrieben wird. Auf noch ein Weiteres führt uns dann schlicht ein Zug der Geschichte selbst, der als solcher niemals bezweifelt worden ist: nämlich eben das Blättersammeln jener andern, der Atta-Ameisen. Die Ameisen, die das tun, haben ihr Haus und Nest nicht in der Pflanze, sondern tragen die Blätter erst dorthin fort. Daß sie es (feindlich hier zur Pflanze) tun, ist an sich nicht wunderbarer, als daß die Bienen es friedlich mit dem Pollen machen. Aber was die Atta-Völker jetzt daheim mit den Blättern vollführen, das ist nochmals etwas ganz Neues und Überraschendes.
Die den verschiedensten Pflanzen feindlich ausgeschnittenen Blattstücke, von den Ameisenprozessionen zierlich wie kleine Sonnenschirme auf dem Heimzug hochgehalten, werden, nährarm, wie sie für verwöhntere Tiere sind, zu Hause nicht selber verzehrt, sondern als Futter für eine gewisse andere Pflanze verwertet, die jetzt in friedlicher Symbiose mit der Ameise lebt, — allerdings in einer Symbiosenform, die nunmehr aufs allersinnfälligste die einseitige Überlegenheit des Insektengehirns zum Ausdruck bringt. Die Ameise hat diese wichtigste Pflanze in die Unterräume ihrer eigenen Burgen (Atta-Arten bauen Haufen bis zu 2½ Meter Höhe im feuchten Waldgrund) als „Hauspflanze“ aufgenommen. Im dunkeln Keller solchen Mulmhaufens wird man allerdings schwerlich eine Blütenpflanze vermuten, und es ist auch diesmal keine, sondern wieder erst einmal ein Pilz, dessen unterirdisches Sauggeflecht (Myzel) von den Ameisen mit jenen angeschleppten Blättermassen aufs sorgfältigste gefüttert wird. In dem Ameisenbau werden die zweckgerecht zerkauten Blatteile in besonderen Kammern als Mistbeeten dem wuchernden Pilz unter Ausjäten aller unkrauthaften Eindringlinge bereit gemacht. Eine körperlich angepaßte Kaste des Volks aus kleinen Arbeitern besorgt als „Gärtner“ diesen Dienst. Ihr liegt aber noch eine wichtigste Handlung an dem übermäßig so gedeihenden Kulturpilz selber ob: indem die Gärtner bestimmte wucherkräftige Triebe daran beständig kappen, scheinen sie den Pilz immer wieder zur Bildung eigentümlicher eiweißhaltiger Stauknötchen anzutreiben, die jetzt eine wirklich höchst brauchbare verdichtete Nahrung für das Ameisenvolk abgeben, ohne daß der Pilz von dem Abernten dieser Produkte, die er sonst frei wuchernd wohl wieder verbraucht hätte, Schaden erführe. Ein solches übermäßiges Wuchern aber ist ihm auch nicht nötig, denn die Ameise gibt ihm auch auf engem Raum immer wieder volle Neukraft, indem sie nicht nur übers Maß ihn füttert, sondern auch von Zeit zu Zeit als umsichtiger Gärtner das ganze ausräumt, mit Neumaterial als Nährbeet ersetzt und darin einem zweckgerecht bewährten Treibstück des alten Myzels frischen Raum zum Wuchern gibt, als wäre der Pilz mit einem jungen Sproß in wirkliches Neuland gelangt. Wenn aber überhaupt ganz neue Ameisenbauten errichtet werden sollen durch ausziehendes Jungvolk der Ameisen selbst, so wird solcher Rest der alten Pilzkultur noch viel raffinierter auch dorthin überstiftet: die befruchtete Ameisenkönigin, der jedesmal obliegt, das neue Volk und Nest zu begründen, nimmt stets ein solches lebendes Pilzzweiglein in einer besonderen Kinnbackentasche (sozusagen in einem hohlen Zahn) mit; am neuen Fleck nährt sie es dann zunächst mit eigenem Stuhl, zu dessen wohltätigem Abgang sie einen Teil ihrer selbstgelegten Eier sich wieder als nährenden Eierkuchen zu Gemüte führt, bis aus dem Rest der Eier neue Gärtnerameisen erwachsen sind, die nun abermals allmählich Blätter zu holen beginnen und das so lange mühsam durchgepäppelte heilige Pflänzchen neuen großen Staatsmistbeeten einverleiben, auf daß es nun erneut zum segnenden Fruchtbaum für alle mit werde. Kein Zweifel: diesmal sieht man das Insekt wirklich ganz und gar die Pflanze umgreifen, — friedlich, auch sie kunstvoll erhaltend, — aber gerade so übermächtig — als der leitende Herr. Es schützt sie im eigenen Haus, es füttert sie bis zur Mästung, es schließt ihre Fortpflanzung an neuem Fleck an seine eigene an; man erinnert sich des Verhältnisses des Pilzes zur Flechte, aber wie unendlich viel straffer hängt hier alles in der Instinktregie der höheren Partei, — selbst der Krebs tritt weit dagegen zurück. Denn vor allem: sogar die Gegenleistung der Pflanze erscheint in entscheidendem Grade erst als eine Handlung der Ameise, die sie selbsttätig bestimmt, wenn sie als Gärtnerameise wenigstens heute unzweideutig auch die Überproduktion hervorruft.