Abb. 4. Wegwespen mit ihrer Beute (Spinnen).
Daß der Artenkampf heute noch im weitesten Umfange tobt, dafür braucht es als Zeugnis nur eines einzigen Kreuzspinnennetzes etwa mit seinen Schlachtopfern. An sich, als Kampffalle, ist solches Spinnennetz ja ein Wunderding. In jedesmal unendlicher Feinarbeit hat die Spinne erst ein Fadendreieck hergestellt, dann ein Viereck eingesetzt, in ihm Speichen gezogen und zuletzt über diese Speichen eine riesige Spirale aus Klebfäden gerollt. An einer Stelle des Ganzen lauert sie, bis eine Erschütterung in der Spirale sie wie mit einem Klingelzug benachrichtigt; nun fährt sie ein, packt das angeklebt sich sträubende Insekt, knebelt es in raschem Herumwirbeln ganz, tötet es durch Giftbiß und verzehrt es, indem sie eigenen Magensaft in den Leib des Opfers ergießt und den so vorverdauten Inhalt aufsaugt. Alle diese sinnreichen Dinge aber dienen nur dem Schlächterhandwerk. Kein Zweifel: hier ist reiner Kampf ohne Gnade; das Opfer, um verzehrt zu werden, wird gepackt und augenblicklich ganz zerstört. Der gleiche Kampf bietet aber nun auch ein Bild, wo es gelegentlich der Spinne selbst an den Kragen geht. Auf unsern Waldpfaden kann man die bekannten muntern Wegwespen ([Abb. 4]) beobachten, wie sie dicke Kreuzspinnen mit ihrem Giftstachel geschickt ins Bauchmark stechen und die so gelähmten in ihre Nesthöhlen schleppen, wo das wehrlose Opfer in einer Art Narkose oder Scheintod so lange liegen und warten muß, bis die junge Wespenlarve auskriecht und es wie eine Proviantwurst bei lebendigem Leibe auffrißt. Fabre hat, wie man weiß, anziehend von der Treffsicherheit solchen vorläufigen Stichs zu erzählen gewußt, und M. Müller hat gelegentlich festgestellt, daß die unglückliche Spinne über 70 Tage so in Lähmung, aber immer noch lebend, liegen kann. Man könnte sich aber vielleicht eine noch sinnreichere Methode denken, bei der das Ei unmittelbar in die Spinne selbst gelegt würde, die dann frei herumlaufen könnte und doch den Tod mit sich trüge. Und auch das machen Schlupfwespen mit gewissen Raupen vor ([Abb. 5]). Die Schmetterlingsraupen werden mit Wespeneiern bestiftet, die erst nach einiger Zeit in ihnen auskommen. Die Raupen leben eine Weile noch hin, als sei nichts geschehen, und mästen sich weiter wie kleine Fettschweinchen, die Schlächter aber sitzen ihnen im Leibe. Eines Tages kriechen die Larven auch hier aus und beginnen von innen zu fressen. Kommen die Raupen noch zur Verpuppung, so werden die Puppen leer gefressen und die Wespenpuppen treten an Stelle ihres Inhalts. Vollzieht sich das Verhängnis bereits in der Raupe, so wird berichtet, daß die Fresser anfangs noch die edleren Teile des Opfers schonen, um möglichst lange Profit von seinem Leben zu haben, und sogar ihre eigenen Exkremente unterdrücken, um ihr Mastschweinchen nicht vor der Zeit zu vergiften. Und erst wenn sie selber zur Verpuppung reif sind, durchlöchern sie rücksichtslos die Haut der entkräfteten Raupe, die nun unter letzten Qualen abstirbt. Die ausquellenden flockigen Wespenkokons an der vertrockneten Haut sind dann die „Raupeneier“ des Volksglaubens, es handelt sich aber, wie man sieht, um einen weit grausigeren Vorgang, als bloß eine normale Geburt wäre.
Abb. 5. Raupe eines Spinners, aus der sich die ausgewachsenen Larven einer Schlupfwespe hervorbohren, um sich zu verspinnen.
Bei diesen letzten Beispielen, die an sich ebenfalls kraß im Kampf verharren, erscheint doch, wie man beachten möge, schon ein feiner Unterschied. Auf der einen Seite schlägt der Raupenfall ausgesprochen in jene engere Kampfesart, die wir schon beim Bandwurm erwähnten: der Schlächter oder Fresser mietet sich unmittelbar im Opfer selbst ein. Lange ehe das Wort Symbiose geschaffen wurde, hat man das bereits gewohnheitsmäßig als „Parasitismus“ bezeichnet. Der Parasitismus ist offenbar von früh an eine der allererfolgreichsten Kampfesformen gewesen, denn seine Beispiele dort sind Legion, — von der bösen Cuscuta, dem Teufelszwirn, der sich wie ein Polyp an andere Pflanzen saugt, die eigene Wurzel aufgibt und dafür mit gierigen Freßmäulern in Gestalt eingesenkter Zellbündel den fremden Pflanzenleib durchwühlt und ausnutzt, — bis zu einem so hochentwickelten Tier wie noch dem Fisch Neunauge, das als Inger Dorschen oder Butten unter den Bauch kriecht, die Haut durchraspelt, dann (man versteht, unter was für Qualen für das Opfer) mit ganzer Person einschlüpft und das Innere ausräumt. Eben dieser Parasitismus stellt aber zwischen Vernichter und Beute ganz von selbst ein näheres Verhältnis her in dem Sinne, daß sich dieser Vernichter zunächst noch eine Weile mit dem noch lebenden Opfer beschäftigen muß. Er muß so lange mit ihm hausen, sich seinen eigenen Gewohnheiten anpassen, in eine tatsächliche kurze Lebensgemeinschaft mit ihm treten, wenn auch eine im letzten Zweck feindliche. Damit verknüpft sich aber alsbald ein zweites. Bei der Spinne als lebendiger Dauerwurst wie bei der Raupe als Fettschweinchen gewinnt der Schlächter im Banne der Naturzüchtung ein Interesse, sein Schlachttier vorübergehend (wenn auch mit bösester Endabsicht) in diesem Leben selber noch zu schonen, ja Mittel und Wege seiner zeitweisen Lebenserhaltung von sich aus zu suchen, — wie das ja besonders in der bloß narkotisierten Spinne hervortritt. Ein Schritt nur scheint es, daß das Opfer auch schon so lange gradezu geschützt, daß es mit verteidigt würde. Dazu aber nun ein weiteres Exempel.
Abb. 6. A Bernsteinschnecke auf Pflanzenblatt mit sogenanntem Leucochloridium (in die Fühler einwachsenden Keimschläuchen eines Wurmes, die Vögel zum Abreißen und Fressen animieren). Natürl. Größe. Nach Loos, B Das ganze aus der Schnecke herauspräparierte Leucochloridium. Dreifache Vergr. Nach Vosseler.
Auf unsern Sumpfwiesen leben die kleinen Bernsteinschnecken, die mit ihrer Blätternahrung öfter die Brut eines Saugwurms, des Urogonimus macrostomus, verschlucken und damit solchen lebenden Wurm als Parasiten in den Leib bekommen. Dieser Wurm hat aber nicht den Trieb, die Schnecke selbst innerlich auszufressen, sondern er erwartet, daß sie von einem Vogel, etwa einem Rotkehlchen, gefressen werde, worauf er im Vogeldarm wirklich bandwurmhaft saugen kann. Dabei aber liegt es ebensosehr in seinem Interesse, daß die Schnecke nicht bloß einmal so gefressen werde, denn dann käme er jedesmal nur in einen Vogel, während seine Kraft tatsächlich langt, in solcher Schnecke schon mehrere Generationen aus sich hervorzutreiben, die für verschiedene Vögel reichten. Zu dem Ende stellt er an der Schnecke das sogenannte „Leucochloridium“ her, eines der wunderbarsten Gebilde des gesamten Naturkampfs. Er treibt nämlich je einen wurstartigen Schlauch, mit junger Brut gefüllt, in jeden der beiden Fühler der Schnecke, der diesen Fühler prall zum riesigen Kolben ausweitet, der die bunten Ringel und den Kopf einer fetten Insektenmade vortäuscht und sich auch in entsprechenden Windungen an der Schnecke bewegt ([Abb. 6]). Die Vögel reißen die Dinger in der Tat als vermeintliche Leckerbissen solcher Art ab und verschlucken sie, so mit dem Wurm in dieser Generation gesegnet, während die Schnecke im ganzen davonkommt und auf Grund erstaunlicher eigener Lebenszähigkeit bald die Verstümmelung ersetzt, — worauf der Wurm bandwurmhaft sprossend ein neues Leucochloridium baut und einen neuen Vogel mit einer neuen Keimfracht seines Volkes täuschend belädt. Und so fort bis zum natürlichen Altersende von Schnecke und Wurm. Inmitten der Gewaltsamkeit des Kampfes treten hier offenbar neue lehrreiche Züge hervor. Einerseits bei der Schnecke selbst: sie opfert immer nur, wenn schon unter Gewalt und Verlust, einen Teil von sich auf, kommt aber dafür im ganzen davon. Viel bedeutsamer aber noch ist das Verhalten des Wurms. In seinem Vorteil liegt es, die Schnecke zwar immer wieder zu einem Opfer zu nötigen, aber zugleich auch zum Zweck der Wiederholung zu erhalten. So erzwingt er das Teilopfer, rettet sie aber grade dadurch im ganzen; denn durch den befriedigenden Lockbissen des Leucochloridiums werden offensichtlich soundso viel herumstöbernde hungrige Vögel abgehalten, die Schnecke ganz aus ihrem Hause herauszufressen. Recht besehen, tritt auch hier bereits ein merkwürdiges Wechselverhältnis beider Teile inmitten einer scheinbar noch wüsten Kampfbrutalität und Ausnutzung in Kraft: der Parasit hat Vorteil vom Opfer, aber auch dieses Opfer zieht jenseits aller Roheit des Eingriffs einen überwiegenden Vorteil vom Parasiten, indem er ihm sein Leben im ganzen verlängert und es gleichsam dazu erzieht, durch Aufgabe eines mehr oder minder überschüssigen Teils das Ganze zu retten.